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Der brasilianische Superstar Ronaldo ist vor dem WM-Finale 1998 dem Tode nahe - und steht dann trotzdem auf dem Platz.
Der brasilianische Superstar Ronaldo ist vor dem WM-Finale 1998 dem Tode nahe - und steht dann trotzdem auf dem Platz.
Donnerstag, 12. Juli 2018

WM-Zeitreise - 12. Juli 1998: Die mysteriöse Ronaldo-Verschwörung

Von Ben Redelings

Bis heute ist nicht geklärt, was am Finaltag der WM 1998 mit Ronaldo geschah. Fest steht nur: Am Nachmittag erleidet Brasiliens Superstar einen schweren Anfall. Roberto Carlos glaubt gar, dass sein Kollege stirbt. Was genau passierte, bleibt ein Rätsel.

Finale in Paris. 12. Juli 1998. Gastgeber Frankreich gegen Weltmeister Brasilien. Die Zuschauer freuen sich auf einen Kampf der besten beiden Teams bei dieser WM, der besten Spieler dieses Turniers. Doch als die Aufstellungszettel vor der Partie verteilt werden, fehlt darauf ein Name: Ronaldo. Zu diesem Zeitpunkt weiß niemand, was mit ihm ist. Und auch heute, zwanzig Jahre später, rätseln alle Fußballfans weltweit und damals selbst unmittelbar Beteiligte, was mit ihm am Nachmittag des Endspieltages in einem Pariser Hotel tatsächlich geschah.

Trotz lebensbedrohlichen Anfalls am Nachmittag des 12. Juli 1998 steht Ronaldo ein paar Stunden später in der brasilianischen Final-Startelf.
Trotz lebensbedrohlichen Anfalls am Nachmittag des 12. Juli 1998 steht Ronaldo ein paar Stunden später in der brasilianischen Final-Startelf.(Foto: imago/Laci Perenyi)

Fest steht: Irgendwann in diesen nachmittäglichen Stunden des 12. Juli beginnt Ronaldo auf seinem Bett liegend plötzlich wild um sich zu schlagen. Seine Mannschaftskollegen eilen zu ihm und versuchen den Superstar dieser WM zu beruhigen. Mehrere Männer halten ihn fest, fixieren ihn, doch der brasilianische Torjäger ist zu stark und kräftig - er reißt sich immer wieder los. Er hat Schaum vor dem Mund. Roberto Carlos hält es im Zimmer nicht mehr aus. Er will Hilfe holen und rennt auf den Flur. Verzweifelt schreit er: "Ronaldo stirbt!"

Und tatsächlich verschluckt Ronaldo seine Zunge. Ein Mannschaftskollege rettet ihm das Leben, als er sie aus seinem Rachen zieht. Dann kommen endlich die Ärzte. Kurz darauf schläft Ronaldo - vor Erschöpfung und unter dem Einfluss von Medikamenten - ein. Im Hotel herrscht Ratlosigkeit. Niemand versteht, was da gerade passiert ist. Apathisch ziehen sich die Spieler auf ihre Zimmer zurück. Es bleibt nicht mehr viel Zeit bis zur Abfahrt zum Stadion. Am Abend steht das große Finale der Weltmeisterschaft gegen Frankreich an - doch daran kann im Moment niemand einen klaren Gedanken verschwenden. Alle fragen sich: Was ist da gerade mit Ronaldo geschehen?

Trainer Zagallo will kein Holzkopf sein

Als die Mannschaft weg ist, fährt der brasilianische Superstar ins Krankenhaus. Auch die Ärzte des Teams wollen endlich Klarheit darüber haben, was mit ihrem Spieler los ist. Ronaldo selbst kann sich an nichts erinnern. Er fühlt sich matt und erschlagen, benebelt im Kopf - und glaubt doch als einziger noch, dass er am Abend im Stade de France auflaufen wird. Sein Trainer und das gesamte brasilianische Team haben ihn nach den schrecklichen Erfahrungen des Nachmittags abgeschrieben. Auf dem Bogen mit der Aufstellung fehlt deshalb der Name Ronaldo.

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Doch als das Spiel um 21 Uhr angepfiffen wird, steht das brasilianische Ausnahmetalent plötzlich auf dem Platz. Die Ärzte im Krankenhaus hatten nichts feststellen können. Aus medizinischer Sicht gab es keine Anhaltspunkte für den mysteriösen Anfall Ronaldos. Die Mannschaft steht immer noch unter Schock. In der Kabine hatte niemand ein Wort gesprochen. Die fröhlichen Samba-Klänge waren schon bei der Fahrt zum Stadion nicht erklungen.

Als Ronaldo signalisiert, dass er spielen wolle, sagt niemand ein Wort. Niemand hält ihn zurück. Auch Trainer Mario Zagallo nicht. Er lässt den Aufstellungsbogen ändern und nimmt Ronaldo in die Startelf. Später wird er vor einem eigens eingesetzten Untersuchungsausschuss zu den seltsamen Ereignissen sagen: "Wenn ich ihn nicht aufgestellt und Brasilien 0:3 verloren hätte, dann würden die Leute immer noch sagen, Zagallo ist ein Holzkopf, er hätte Ronaldo spielen lassen müssen, schließlich ist er der beste Fußballer der Welt."

Vermutlich hatte Zagallo mit seiner Entscheidung sogar Recht. Zwar steht Ronaldo an diesem Abend komplett neben sich, doch das geht dem ganzen Team so. Der Schock sitzt offensichtlich zu tief. Die Mannschaft ist zu keinem Zeitpunkt der Partie ein ebenbürtiger Gegner. Locker und leicht gewinnt Frankreich mit 3:0 und wird Weltmeister.

Leckerbissen für Verschwörungstheoretiker

Der Franzose Emmanuel Petit kann sich heute nicht hundertprozentig über den WM-Titel von 1998 freuen.
Der Franzose Emmanuel Petit kann sich heute nicht hundertprozentig über den WM-Titel von 1998 freuen.

Nachdem erste Einzelheiten der mysteriösen Vorkommnisse des Nachmittags bekannt werden und klar wird, dass Ronaldo in diesem Zustand nie hätte spielen dürfen, machen Gerüchte die Runde. Eines davon: Teamsponsor Nike habe Zagallo gezwungen, den Superstar der Mannschaft aufzustellen. Viele Jahre später bestritt Ronaldo diese Vorwürfe energisch.

Viel interessanter ist jedoch noch eine andere Frage, für die bis heute niemand eine vernünftige Erklärung hat: Was genau geschah mit Ronaldo an jenem Nachmittag? Genau diese Frage warf der französische Spieler Emmanuel Petit vor zwei Jahren noch einmal auf, als er die seltsam anmutende Theorie entwarf, der französische WM-Gewinn im eigenen Land könnte geplant und gesteuert gewesen sein. In einem Interview spricht er sogar davon, dass er manchmal dem Gedanken nachhänge, er und seine Kollegen seien "Marionetten" gewesen, die einen feststehenden Plan umgesetzt hätten. Das Ziel dabei wäre gewesen, die schwächelnde Wirtschaft des Landes anzukurbeln.

Ronaldo selbst hat sich diese Fragen offensichtlich nie gestellt. Er hat akzeptiert, was mit ihm und seinem Team geschah. Auch der Untersuchungsausschuss konnte keine eindeutigen Ergebnisse liefern. So wird wohl niemals ganz geklärt werden, was an diesem eigenartigen 12. Juli 1998 tatsächlich passierte. Das Tor für Verschwörungstheoretiker steht also weiterhin so weit offen wie das der brasilianischen Nationalelf an diesem Tag des Endspiels von Paris.

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Quelle: n-tv.de