Fußball-WM 2018

"Musst dann auch die Eier haben" Kroos brilliert als deutsche Drama-Queen

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Toni Kroos nutzte seinen Treffer gegen Schweden anschließend auch für eine Medienschelte.

(Foto: AP)

Patzer, Traumtor, Medienschelte: Im Schweden-Drama wird Toni Kroos vom tragischen zum strahlenden Helden. In der Nachspielzeit erlöst er sich und nebenbei noch Fußball-Deutschland. Ungetrübt ist seine Freude aber nicht.

Natürlich, der offizielle "Man of the Match" des deutsch-schwedischen Fußball-Epos zu Sotschi war Marco Reus. Er durfte neben dem Startelfdebüt bei der Weltmeisterschaft in Russland, Debüt-Tor und Debüt-Vorlage auch noch diesen überschaubar schönen Fifa-Award mit in den nächtlichen Flieger zurück nach Moskau ins Teamhotel in Watutinki nehmen. Den inoffiziellen Titel "Drama-Queen of the Match" musste der Dortmunder allerdings abtreten. Eindeutiger Sieger in dieser Kategorie war nach einem am Ende atemlosen Sonntagabend und einem erfolgreichen zweiten Gruppenspiel Toni Kroos, nach Patzern und Pointen. Das fand ja sogar Reus.

"Dann macht's Toni einfach überzeugend", lobte er den genialischen Freistoßschlenzer von Kroos in der 95. Minute zum deutschen 2:1-Zittersieg in Unterzahl: "Großen Respekt, wie er den getroffen hat. Er hat's ja schon öfter gezeigt." Was Reus nicht sagte, aber Kroos wenig später ausplauderte: Eigentlich hatte der Kollege schießen und die finale Pointe nicht nur auflegen wollen. Laut Kroos hatte sich das Ganze so zugetragen: "Wir haben uns erstmal die Situation angeschaut. Aber es war übers Spiel verteilt schon so, dass meistens hohe Flanken relativ einfach herausgeköpft wurden von Schweden. Dann wollte der Marco erst direkt schießen. Da hab ich gesagt: Hm, bin ich nicht überzeugt von." Letztlich einigte man sich #zsmmn darauf, "einfach nochmal reinzuspielen, um einen etwas besseren Winkel zu bekommen für den Schuss - und dann zu schießen."

"Heute war es wieder ein Traumtor"

Was Kroos in der Mixed Zone mit seiner Greifswalder Gelassenheit vortrug, hatte dramatische Züge. Timo Werner, der den Freistoß mit einem seiner unermüdlichen Dribblings auf der linken Seite herausgeholt hatte, staunte noch lange nach dem Spiel über den Geniestreich. Und fühlte sich in seiner WM-Theorie bestätigt: "Ich glaube, in diesem Turnier gibt es keine normalen Tore. Entweder sind es Standardtore, Eigentore oder Traumtore. Heute war es wieder ein Traumtor, das uns hier geholfen hat, noch im Turnier zu sein." Um die Traumtor-Erlösungs-Dramatik zu verstehen, genügte das Bild eben jenes Kroos', wie er in jener 95. Minute vor der deutschen Fankurve im Fisht-Stadion stand, nein, wie er dort völlig Kroos-untypisch posierte.

Dort schienen die deutschen Fahnen schon eingerollt in Erwartung einer bitteren 1:1-Niederlage gegen die Beton-Schweden. Die hätte dem Weltmeister theoretisch eine Chance aufs Achtelfinale gelassen, gefühlt aber das Aus bedeutet. Kroos sagte: "Heute nicht zu gewinnen, wäre sehr schwierig gewesen für uns." Und dann? Hatte Kroos trotz eines vorherigen Patzers dieses Kunstwerk von Freistoß von der linken Strafraumkante in den rechten Torwinkel geschnibbelt. Hatte Deutschland wiederbelebt, nachdem er es zuvor per Albtraumfehlpass vorm schwedischen Führungslupfer in der 32. Minute auf die Intensivstation geschickt hatte.

Nun stand er da hinter der Eckfahne, Arme ausgebreitet, Kinn oben, als wollte er sagen: Geht doch, lasst mich einfach machen. Oder nicht? "Was heißt, geht doch? Natürlich große Freude", so beschrieb Kroos seine Gefühle nach dem Last-Minute-Tor: "Und fünf Sekunden später habe ich mir gedacht: Oh, wie lange haben wir denn noch, weil da kommen bestimmt noch ein, zwei lange Bälle der Schweden." Die kamen, aber sie verpufften. Schweden war geschlagen, geschlagen von Kroos.

Den Fußballer Kroos machen lassen, ist auf dem Platz nicht die schlechteste Idee. Das wissen sie inzwischen sogar in der Chefetage des FC Bayern, das wissen sie vor allem bei Real Madrid und der Fußball-Nationalmannschaft. Keiner im deutschen WM-Kader hat mehr große Titel gewonnen als der 28-jährige Weltmeister und vierfache Champions-League-Sieger, keiner kann das deutsche Spiel so sicher lenken wie das Metronom aus Vorpommern. Gegen Schweden spielte Kroos 121 Pässe, davon fanden 113 ihr Ziel, in Summe ergibt das eine überragende Passquote von 93,4 Prozent.

"Wenn Du im Spiel 400 Pässe spielst ..."

Fatal war aber: Einer der acht Kroos‘schen Fehlpässe hatte dem deutschen Spiel eine ganz ungute Unwucht verliehen, denn er hatte das schwedische 0:1 eingeleitet. Statt bei Ilkay Gündogan landete ein Kroos-Pass in der 32. Minute erst beim Schweden Marcus Berg, dann bei dessen Sturmkollegen Ola Toivonen und schließlich im deutschen Tor, ein Lupfer mitten rein ins deutsche Fußballherz. Ein Nackenschlag, bekannte Timo Werner: "Nach dem 1:0 waren wir eigentlich ausgeschieden. Ich glaube, das kann man so sagen." Kein Nackenschlag für Kroos, erklärte der nach seinem Weltklasse-Siegtor mit Weltklasse-Selbstbewusstsein: "Es passiert auch mal, wenn Du im Spiel 400 Pässe spielst, dann kommen zwei nicht an. Und der hat zum Tor geführt. Das geht ganz klar auf meine Kappe, ohne Frage."

Das Entscheidende sei aber gar nicht der Fehler, führte Kroos in der Mixed Zone aus, sondern die Reaktion auf den Fehler: "Natürlich gibt es dann zwei Richtungen: Das eine, so ein Fehler macht dein Spiel kaputt. Oder du versuchst alles reinzuhauen, anzutreiben. Das hab ich versucht in der zweiten Halbzeit und freue mich natürlich, dass ich uns am Ende belohnt habe." In der ARD hatte er zuvor etwas andere Worte gewählt, dort hatte er in Oliver-Kahn-Manier gesagt: "Du musst dann auch die Eier haben, dann so eine zweite Halbzeit zu spielen."

Chefkritiker und Chefdramatiker

Bundestrainer Joachim Löw sagte nur: "Ich habe mich wahnsinnig für ihn gefreut, weil er ja auch am Gegentor beteiligt war, dass er das in der letzten Minute wieder gutmachen konnte." Normalerweise habe Kroos "ja eine Passsicherheit von 100 Prozent". Die hatte Kroos diesmal nicht, in der 25. Minute endete ein weiterer unsauberer Pass in Nasenbruch und Auswechslung von Teamkollege Sebastian Rudy. In der 69. Minute hätte ein weiterer Kroos-Fehlpass um ein Haar ein weiteres schwedisches Gegentor zur Folge gehabt. Aber er hatte das letzte Wort, es wurde ein grandioses Schlusswort. Mit welchem Gefühl Kroos nach Patzer und später Pointe nach Hause gehe? "Mit einem guten, weil wir heute gewonnen haben. Weil wir uns belohnt haben für ein mehr als ordentliches, ich würde fast sagen gutes Spiel."

Ungetrübt war die Freude bei Kroos trotz Happy Ends im Sotschi-Drama nicht. Wie Teamkollege Thomas Müller fühlt sich der Mittelfeldspieler in der Heimat medial nicht ausreichend unterstützt. "Wir wurden viel kritisiert, teilweise auch sicher zurecht", sagte Kroos in der ARD und behauptete gar: "Relativ viele Menschen in Deutschland hätte es gefreut, wenn wir raus wären." Aber: "So leicht machen wir es ihnen nicht."

Darauf angesprochen, führte er in der Mixed Zone aus, seine Kritik betreffe nicht die Fans. Sondern: "Ich gewöhn‘s mir immer mehr ab, irgendwas anzuschauen oder zu lesen nach Spielen." Neben den Experten dürften sich "alle die schreiben" angesprochen fühlen. "Bei mir kommt da ein Gefühl rüber: Es macht viel mehr Spaß, schlecht über uns zu schreiben, oder über uns zu reden oder über uns zu analysieren, als andersrum", sagte Kroos: "Wenn das Gefühl falsch ist, tut‘s mir leid. Aber ich hab das Gefühl ganz klar in den letzten vier, fünf Tagen gehabt." Chefkritiker war der neue deutsche Fußball-Chefdramatiker Kroos an diesem Abend auch.

Quelle: n-tv.de

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