"Greifen massiv in die Privatsphäre ein"Etwa 350 Wissenschaftler fordern Entwicklungsstopp für Programme zur Altersprüfung

Etwa 350 Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler aus rund 30 Ländern haben einen vorläufigen Entwicklungsstopp für Programme zur Altersüberprüfung im Internet gefordert.
Etwa 350 Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler aus rund 30 Ländern haben einen vorläufigen Entwicklungsstopp für Programme zur Altersüberprüfung im Internet gefordert. Diese sollten erst fortgesetzt werden, "wenn ein wissenschaftlicher Konsens über die Vor- und Nachteile der Technologien zur Altersüberprüfung erreicht ist", heißt es in einem am Montag veröffentlichten Schreiben, das AFP vorliegt.
Zu den Unterzeichnenden zählen Professorinnen und Professoren und Forschende, die sich mit Digitalwirtschaft und Datenschutz befassen, unter anderem von renommierten Hochschulen wie der französischen Ecole Polytechnique, dem King's College in London und dem Massachusetts Institute of Technology (MIT). Es sei sinnvoller, das Problem mit unangemessenen Inhalten auf Social-Media-Plattformen an der Wurzel anzugehen, etwa bei den von den Anbietern genutzten Algorithmen, die darüber bestimmen, wer welche Inhalte zu sehen bekomme. Die derzeit entwickelten Programme hätten zur Folge, dass sämtliche Nutzerinnen und Nutzer künftig ihr Alter nachweisen müssen, "um mit Freunden und Familien zu kommunizieren, Nachrichten zu lesen oder Informationen zu recherchieren", heißt es in dem Schreiben. Die geplanten Kontrollen könnten Ungleichheiten im digitalen Raum verstärken und zu Diskriminierungen führen. "Technologien zur Bestimmung des Alters greifen massiv in die Privatsphäre ein", betonen die Unterzeichnenden. Zudem gebe es zahlreiche Möglichkeiten, die Altersprüfungen zu umgehen oder andere Plattformen zu nutzen.
Nachdem Australien Anfang Dezember ein Zugangsverbot zu Social Media für junge Menschen unter 16 Jahren umgesetzt hat, haben mehrere europäische Länder angekündigt, ähnliche Regelungen einführen zu wollen. In Frankreich verabschiedete die Nationalversammlung Ende Januar einen Gesetzentwurf, der Unter-15-Jährigen den Zugang zu Social Media verbietet. Der Text muss noch vom Senat verabschiedet werden, um in Kraft zu treten. Ähnliche Initiativen gibt es in EU-Ländern wie Spanien, Portugal und Dänemark.
Der Menschenrechtskommissar des Europarats hatte kürzlich ebenfalls vor pauschalen Verboten mit Blick auf Social Media gewarnt. Die Verantwortung läge dann nicht mehr bei den Plattformen, die umstrittene Inhalte anbieten, sondern bei den Nutzerinnen und Nutzern, hatte Michael O'Flaherty betont.
In Deutschland arbeitet eine von Bundesfamilienministerin Karin Prien (CDU) eingesetzte Expertenkommission an Handlungsempfehlungen zum "Kinder- und Jugendschutz in der digitalen Welt". Die Ergebnisse sollen im Sommer vorliegen. Die CDU fordert ein Social-Media-Verbot für Unter-14-Jährige und will Plattform-Betreiber verpflichten, ein effektives Prüfsystem einzuführen". Die SPD-Bundestagsfraktion plädiert ihrerseits für abgestufte Regelungen je nach Alter für die Nutzung von Social-Media-Plattformen. Nach zahlreichen Studien kann eine intensive Nutzung sozialer Medien etwa Depressions- und Angstsymptome verstärken.