Wirtschaft

"Macht diese Zeitung fertig!" Bank-Kontrolleur stachelte Wirecard-Boss an

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Schütz begründete seine Wortwahl mit Unwissen.

(Foto: dpa)

Im Wirecard-Skandal wird eine private Mail eines Aufsichtsratsmitglieds der Deutschen Bank öffentlich, die nach dem Urteil der Opposition "engen Filz in der deutschen Finanzelite" zeigt. Der Konzern bemüht sich um Schadensbegrenzung.

Von 2015 an war es die britische Tageszeitung "Financial Times" (FT), die immer wieder mutmaßliche Machenschaften von Wirecard offenlegte, die sich später als richtig erwiesen. Stets sah sich die Führungsriege des Pleite-Konzerns gezwungen, gegen die Berichte verbal oder juristisch anzugehen. Nur zu gern glaubten Akteure am Kapitalmarkt und in der Politik den Beschwichtigungen des ehemaligen Wirecard-Chefs Markus Braun, der sich selbst als Opfer von Ganoven darstellt.

Im Nachhinein wundert es jedenfalls nicht, dass Braun, der in Untersuchungshaft sitzt und einer Anklage als bandenmäßiger Betrüger entgegensieht, in einer Mail im Februar 2019 schrieb, kürzlich sein "langjähriges FT-Abo" gekündigt zu haben - versehen mit einem Smiley. "Aber ich glaube das wird jetzt schnell in eine andere Richtung gehen."* Es folgte ein Zwinker-Smiley. Die Emojis und die Formulierungen decken sich mit der öffentlichen Wahrnehmung von Braun, dieser habe in einer Art Parallelwelt gelebt, Fakten ignoriert und seinem eigenen Budenzauber geglaubt.

Der Empfänger antwortete: "hab ich mir schon gedacht. hab ja in der FT gelesen dass du ganz ein schlimmer bist." Zwinker-Smiley. Nachdem der Schreiber auf einen geplanten Kurztrip nach Frankreich eingeht, der im Zentrum des Mailwechsels steht, folgt die Bemerkung: "habe übrigens 3x wirecard aktien gekauft letzte woche, macht diese zeitung fertig!!" Die Botschaft endet mit "lg", also "liebe Grüße".

Öffentlich gemacht hat die entscheidende Passage Jens Zimmermann, der für die SPD im Wirecard-Untersuchungsausschuss sitzt, in der Sitzung des Gremiums in der Nacht zum Freitag. Der Mailwechsel, der ntv.de vollständig vorliegt, wäre eine Petitesse angesichts des größten Bilanzfälschungsskandals in der deutschen Nachkriegszeit, wäre der Duz-Freund Brauns nicht Alexander Schütz, Chef der von ihm gegründeten C-Quadrat Investment Group und seit Jahren kritisch beäugtes Mitglied des Aufsichtsrates der Deutschen Bank, die wie andere deutsche Geldhäuser Wirecard Millionenkredite gewährt hatte.

Deutsche Bank distanziert sich

Der Sozialdemokrat konfrontierte den Vorstandsvorsitzenden des Konzerns, Christian Sewing, der wie andere Spitzenmanager der deutschen Bankenszene als Zeuge geladen war, mit den Aussagen von Schütz. Sewing erklärte, die Mail nicht zu kennen - was glaubhaft ist. "Die Email ist ein seltener Einblick in die Gedankenwelt eines Aufsichtsrates der Deutschen Bank und alles andere als ein Ruhmesblatt für den größten Finanzkonzern Deutschlands", sagte Zimmermann nach der Sitzung ntv.de. Fabio De Masi, der das Wirecard-Debakel für die Linke parlamentarisch aufarbeitet, sah in den Äußerungen einen Beleg für den "engen Filz in der deutschen Finanzelite". Schütz sei "einer der letzten Freunde Brauns". De Masi twitterte: "Dass Herr Sewing auch davon nicht eindeutig distanzieren wollte, ist aufschlussreich!" Woraufhin sich Deutsche-Bank-Sprecher Jörg Eigendorf zu Wort meldete, was vermuten lässt, dass der Konzern alles andere als begeistert ist von den Einlassungen seines Aufsichtsratsmitglieds: "Wir haben von einer solchen Email erst in dieser Nacht erfahren. Grundsätzlich kommentieren wir private Aussagen von Aufsichtsratsmitgliedern nicht. Allerdings sind unabhängig davon sowohl Inhalt als auch Haltung der zitierten Aussage inakzeptabel - ganz gleich von wem sie kommt."

Zimmermann erinnerte zudem daran, dass "schon die Berufung von Herrn Schütz in den Aufsichtsrat der Deutschen Bank umstritten" gewesen sei. "Sein Ruf in der Finanzwelt ist alles andere als tadellos." Schütz hatte über seine Finanzfirma C-Quadrat die Anteile des hochverschuldeten Mischkonzerns Hainan Jiaoguan Holding (HNA) verwaltet, eine chinesische Holding, die Marktbeobachter als sehr undurchsichtig einstufen. Selbst Sewings Vorgänger John Cryan lehnte es lange ab, den Chef von HNA zu treffen. Die Deutsche Bank kaufte die Aktien zurück. Im HNA-Gebilde verblieb ein sehr kleiner Teil, die das Unternehmen von Schütz, der wie Markus Braun Österreicher ist, Ende 2019 übernahm. Schütz war für die HNA im Mai 2017 in den Aufsichtsrat eingezogen, sein Mandat läuft bis 2023.

Der Österreicher hatte die private Sicherheitsfirma Aventus in Wien gegründet, die auf ihrer Website "Akquisition, Sicherung und Kontrolle von Informationen" als "Kernkompetenz" nennt. Ihr Geschäftsführer Gerald Karner erklärt dazu: "In der globalisierten Wirtschaftswelt sind fundierte Hintergrundinformationen zu Personen und Unternehmen aus nicht-öffentlichen Quellen notwendig, um die richtigen Schritte setzen zu können."

"Ich lag falsch"

Schütz bemühte sich um Schadensbegrenzung. Er begründete - wie viele andere direkt oder indirekt Beteiligte des Skandals auch - seine Wortwahl von damals mit Unwissen und Vertrauen. "Ich habe Markus Braun Anfang 2019 geglaubt, dass Wirecard ein integres Unternehmen ist, das zu Unrecht diffamiert wird und dass es tatsächlich eine mediale Kampagne initiiert von short sellern gegen das Unternehmen gibt. Mittlerweile ist klar, dass ich damit falsch lag", zitierte ihn die "Frankfurter Allgemeine Zeitung" in einer Stellungnahme für das Blatt. Schütz entschuldigte sich bei der "Financial Times und ihren Reportern für diese emotionale und deplatzierte Äußerung". Er wisse, dass sie einen wesentlichen Beitrag zur Enthüllung des Skandals geleistet haben, wofür dem Team um Reporter Dan McCrum Anerkennung gebühre.

McCrum erhielt kürzlich den Deutschen Reporterpreis. Die Laudatio hielt Bundesfinanzminister Olaf Scholz, der den Journalisten als "Aufklärer in bester Historie der Pressefreiheit" lobte. Froh sei er, dass die Staatsanwaltschaft München die Ermittlungen gegen McCrum "eingestellt hat und sich jetzt auf die Täter konzentriert", sagte er. Die Worte lösten unter Kennern der Materie Reaktionen zwischen Grinsen und lautem Lachen aus. Scholz ist Dienstherr der Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht (Bafin) - sie hatte ebenso wie Wirecard McCrum im April 2019 angezeigt und die Ermittlungen gegen den FT-Mann ins Rollen gebracht.

*Anmerkung der Redaktion: Die Zitate aus den Mails wurden im Original übernommen. Rechtschreib- und Grammatikfehler wurden nicht korrigiert.

Quelle: ntv.de