Wirtschaft

Hedgefonds pokern gegen AMS Bei Osram haben nun die Zocker das Sagen

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Geht jetzt das Licht aus?

(Foto: REUTERS)

Wenige Tage vor Ablauf der Angebotsfrist durch den österreichischen Chiphersteller AMS wird Osram zur Spielwiese von Spekulanten. Angeblich haben Hedgefonds fast die Hälfte der Aktien aufgekauft. Die Lage für das Traditionsunternehmen ist vertrakt.

Im Übernahmepoker um das 110 Jahre alte Unternehmen Osram wird es spannend. Allem Anschein nach wird der Chip- und Sensorenhersteller AMS bis kommenden Donnerstag, wenn die Angebotsfrist für das renommierte Lichtunternehmen ausläuft, die selbstgesteckte Schwelle von 55 Prozent nicht mehr erreichen können. Laut einem Bericht der "Süddeutschen Zeitung" haben sich Hedgefonds massiv mit Aktien eingedeckt und damit den Weg zu einer Übernahme möglicherweise blockiert.

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"Es scheint, dass eine Reihe von Hedgefonds Aktien erworben haben mit dem Ziel, diese erst zu einem späteren Zeitpunkt und zu einem höheren Preis anzudienen", zitiert die Zeitung Osram-Chef Olaf Berlien. Zwischen 35 und 45 Prozent der Papiere sollen bereits in den Händen der gefürchteten Heuschrecken liegen.

Ende Oktober war der mächtige britische Hedgefonds Sand Grove Capital Management mit 5,75 Prozent bei Osram eingestiegen. Dass Hedgefonds sich bei Unternehmen einkaufen, die Ziel eines Übernahmeinteressenten sind, ist nichts Ungewöhnliches. Sand Grove verfolgt laut eigenen Angaben eine "ereignisgesteuerte Strategie" - will also aus der Situation kurzfristigen Gewinn schlagen.

Profitieren können Hedgefonds auf zweierlei Weise: Entweder sie wetten darauf, dass es ihnen gelingt, den Kaufinteressenten - in diesem Fall AMS - zu einem höheren Kaufpreis zu zwingen und ihre Aktien mit einem teuren Aufschlag zu verkaufen. Oder sie wetten darauf, dass der Deal platzt, dann setzen sie auf fallende Kurse. So oder so können sie ihren Schnitt machen. Die Frage ist, ob die Pläne der Heuschrecken möglicherweise nun dadurch zunichte gemacht werden, dass zu viele Hedgefonds ihn gleichzeitig verfolgen.

"Die letzte Chance"

Ausgeschlossen ist es nicht, dass der AMS-Deal noch platzt. "In trockenen Tüchern ist das hier noch lange nicht", zitiert die "Süddeutsche Zeitung" Insider. Die Kaufofferte nachbessern wollen die Österreicher auf keinen Fall. "Um eventuelle Marktspekulationen zu beenden, bestätigt AMS, weder den Angebotspreis von 41 Euro ändern noch die Mindestannahmeschwelle von 55 Prozent senken zu wollen", ließ das Unternehmen wissen. "AMS sieht keine Vorteile in einer bedeutenden Minderheitsbeteiligung an Osram ohne klaren Weg zur Erlangung von Kontrolle."

Nach bisherigen Informationen wurden AMS bislang nur 3,3 Prozent der Aktien angedient. Mit den knapp 20 Prozent, die das Unternehmen vorher hielt, kommen die Österreicher damit auf 23,3 Prozent des Osram-Kapitals. Rein rechnerisch können sie der konzertierten Macht der Hedgefonds damit nichts mehr entgegensetzen: Der Anteil von Indexfonds am MDax-Titel Osram wird auf zehn Prozent geschätzt. In Privatbesitz sollen rund ein Viertel der Aktien liegen, womit den Kleinaktionären eine besondere Rolle in diesem Poker zukommt.

Selbst wenn sie alle ihre Anteile AMS andienen würden, würde das nicht ausreichen, um die Hürde von 55 Prozent zu nehmen. Eine Pressemitteilung vom Mittwochabend, in dem die Österreicher die Anleger aufforderten, die "letzte Chance" zu nutzen und die Aktien einzureichen, kommt deshalb praktisch einem Hilferuf gleich. Er dürfte auch an die in London und New York sitzenden Hedgefonds gerichtet gewesen sein.

Dass diese nun auf einem komfortablen Polster an Osram-Papieren sitzen, verdanken die Hedgefonds verkaufswilligen Großinvestoren wie dem Versicherer Allianz. AMS hat Osram-Aktionären mit 41 Euro je Anteilsschein einen Preis über dem aktuellen Börsenkurs von 39,15 Euro geboten. Allianz Global Investors (AGI), die mit 9,4 Prozent der größte Einzelaktionär bei Osram waren, sollen ihre Aktien laut "Wirtschaftswoche" unter Preis verkauft haben, weil sie das Geld sofort und nicht erst im kommenden Jahr nach Übernahme einstreichen wollten.

Geschacher ruiniert die Finanzen

AMS und Osram hatten den Anlegern zuletzt in einem gemeinsamen offenen Brief zur Annahme des Kaufangebots geraten. Der Zusammenschluss biete "die große Chance, die Neuausrichtung von Osram noch schneller voranzutreiben". Die IG Metall und der Osram-Betriebsrat sind nach wie vor gegen die Übernahme. Noch am Donnerstag zeigen beide klare Kante: "Das Osram-Pokerspiel" gefährde das Unternehmen, kritisierte die Gewerkschaft in einer Pressemitteilung. Laut IG Metall würden immer mehr Hedgefonds die Chance sehen, "durch Spekulationsgewinne infolge des AMS-Vorgehens Extraprofite einzustreichen".

Der Osram-Betriebsrat wirft AMS zudem vor, ein "aggressives und nicht nachhaltiges Finanzierungskonzept" zu verfolgen. Außerdem verweist er auf die aktuellen Untersuchungen der Wiener Staatsanwaltschaft gegen mögliche Insidergeschäfte der AMS-Führungsriege. Daher fordern die Betriebsräte alle Osram-Aktionäre auf, "verantwortungsbewusst für den Erhalt von Industriearbeitsplätzen in Deutschland zu handeln und ihre Aktien nicht an AMS zu verkaufen".

Der Schaden ist jedoch schon angerichtet. Das Geschacher kommt AMS teuer zu tehen. Je teurer die Übernahme, desto heftiger werden später die Sparmaßnahmen ausfallen. Für AMS ist es bereits der zweite Übernahmeversuch, der zu floppen droht. In der ersten Runde war das Unternehmen aus der Steiermark mit einer selbstgesteckten Annahmequote von 62,5 Prozent gescheitert. "Die Hedgefonds werden jetzt pokern. Das wird die Finanzen noch mehr ruinieren", zitiert die "Süddeutsche Zeitung" IG-Metall-Mann und Osram-Aufsichtsrat Klauds Abel.

Während Investoren um Geld, Macht und Anteile zocken, wird die Zukunft des Unternehmens und der 26.000 Mitarbeiter damit immer ungewisser. 2018/19 war das Unternehmen in die roten Zahlen gerutscht - unter anderem wegen einer Abschreibung von 171 Millionen Euro auf das Gemeinschaftsunternehmens mit Continental. Osram-Chef Berlien wollte das Ruder herumreißen. Um in neue Technologien zu investieren, wollte er neue Investoren ins Boot holen. Stattdessen ist das Unternehmen nun zum Spielball der Spekulanten geworden.

Quelle: ntv.de, mit dpa und DJ