Wirtschaft

Vom Nerd zum Glatzkopf Bezos vollendet seine Verwandlung

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Jeff Bezos hat sich in den vergangenen Jahrzehnten nicht nur optisch verändert.

(Foto: REUTERS)

Jeff Bezos tritt als Vorstandschef von Amazon zurück. Damit endet die langjährige Metamorphose des Multi-Milliardärs, der sich jetzt stärker etwa seinem Raketen-Projekt widmen kann.

Das muss man Jeff Bezos lassen: Er weiß, wann er Dinge nicht mehr aufschieben kann. Das hat er mit der Ankündigung eindrucksvoll unter Beweis gestellt, als Vorstandschef von Amazon zurückzutreten. Dieser Schritt war unvermeidlich. Oder wie es das Nachrichtenportal Vox ausdrückt: "Die Metamorphose des Jeff Bezos ist abgeschlossen."

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Es war eine lange Entwicklung. In den vergangenen 27 Jahren legte Bezos mit Amazon eine gigantische Erfolgsstory hin. Einen nahezu epischen Aufstieg. 1994 war Amazon nichts als eine Idee, einen Online-Buchhändler aufzumachen. Die präsentierte der gelernte Ingenieur und Informatiker seinen Vorgesetzten beim Hedgefonds D.E. Shaw. Die winkten dankend ab. Der damals 30- jährige Bezos kündigte und baute in Seattle mit seiner damaligen Ehefrau MacKenzie Amazon auf. Heute ist der Konzern an der Börse 1,7 Billionen Dollar wert.

Die nächsten Jahre war Bezos ein völlig normaler Chef eines Internet-Unternehmens, der sich als Familienmenschen sah. Er las Zeitung, frühstückte mit seinen Kindern und achtete darauf, seinen Acht-Stunden-Schlaf zu bekommen. Noch 2018 sagte er, er wolle "als Erfinder, Unternehmer oder Vater gesehen werden." Das sei ihm wichtig. Doch da war er bereits der reichste Mensch des Planeten, und Amazon hatte beim Börsenwert die Marke von einer Billion Dollar übersprungen.

Und Bezos hatte begonnen, seine Haare zu rasieren. Damit war die langsame Transformation von einem Tech-Ceo zu einem Tech-Titanen für alle sichtbar. Im selben Jahr 2013 kaufte Bezos auch die "Washington Post" für satte 250 Millionen Dollar. Damals ging es für ihn bereits in Richtung Glamour. Sein Konzern ging mit dem Streaming-Anbieter Amazon Studios an den Start, und Bezos begann, auf roten Teppichen fotografiert zu werden.

Milliarden für die Raumfahrt

Auf dem Weg dahin hatte Bezos aus dem Online-Buchhändler zunächst ein gehyptes Startup gemacht, das an der Börse abgefeiert wurde, das Platzen der Dotcom-Blase überlebte und in weiten Teilen der Welt den Online-Handel dominiert. Und es ging immer weiter: Neue Dynamik gewann Amazon beispielsweise durch das Kindle und Amazon Prime, später etwa durch den Sprachassistenten Alexa. Der einschneidendste Schritt war allerdings AWS - mit diesem Cloud-Service erfand sich Amazon geradezu neu. Die Sparte mit IT-Services und Speicherplatz im Internet ist mit Abstand der größte Profit-Treiber von Amazon. Insofern ist es nur logisch, dass mit Andy Jassy der AWS-Chef der Nachfolger von Bezos wird.

Mit markanter Glatze und Sonnenbrille war es 2015 Zeit für den nächsten Schritt. Seinem Raumfahrtunternehmen Blue Origin, das irgendwann Privatflüge ins All ermöglichen soll, gelang der erste unbemannte Probeflug. Bis ins Jahr zuvor hatte Bezos rund 500 Millionen Dollar in die Firma gesteckt, die er 2000 gegründet hatte. Nun pumpte er jedes Jahr eine Milliarde Dollar in Blue Origin - finanziert durch den Verkauf von Aktien aus seinem Amazon-Paket.

Während Bezos zahlreiche neue Projekte startete, wurde deutlich: Der Mann möchte cool sein. Vor diesem Hintergrund ist auch die Gründung seines "Day One Funds" einzuordnen, den er 2018 mit seiner Noch-Ehefrau ins Leben rief. Der Wohltätigkeits-Fonds hilft obdachlosen Familien und Vorschulen in sozial schwachen Gegenden. Allerdings entschloss sich Bezos erst dazu, als der öffentliche Druck auf den Multi-Milliardär zunahm, einen Teil seines Vermögens zu spenden.

Dieses Muster wiederholte sich. In den vergangenen beiden Jahren steckte er mehrere Milliarden Dollar in seinen "Earth Fund", der sich mit der Bekämpfung des Klimawandels beschäftigt. Zuvor waren die Forderungen von Amazon-Beschäftigten immer lauter geworden, Bezos möge bitte für den Umweltschutz aktiv werden. Beim von Amazon in den USA eingeführten Mindestlohn war es genauso. Dieser Entscheidung ging Druck von namhaften Amazon-Mitarbeitern und US-Politikern voraus. Derweil ließen sich Bezos und seine Frau scheiden. MacKenzie Scott wurde zur Multi-Milliardärin, trat der Initiative "giving pledge" bei und versprach, einen Großteil ihres Vermögens zu spenden.

"Hatte noch nie mehr Energie"

Mit dem Rücktritt als Vorstandsvorsitzender fügt sich Bezos ins Unvermeidliche: Die Herausforderungen für Amazon sind so groß, dass das Tagesgeschäft seine volle Aufmerksamkeit verlangen würde. Dann bliebe kaum Zeit für die vielen anderen Dinge, mit denen sich der 57-Jährige beschäftigen möchte.

Da ist zum Beispiel das Problem, dass mit dem Online-Handel Amazons Kern-Geschäft an Dynamik verliert. Hinzu kommt Ärger mit Händlern, die über die Plattform Marketplace Waren anbieten. Der Vorwurf: Das Unternehmen würde seine marktbeherrschende Stellung missbrauchen. Außerdem ist Amazon sowohl in Washington als auch in Brüssel ins Visier von Wettbewerbshütern geraten. Anders ausgedrückt: Amazon hat es geschafft, im vergangenen Quartal die Schallmauer von einem Umsatz in Höhe von 100 Milliarden Dollar zu durchbrechen. Es dürfte nahezu unmöglich sein, dieses Tempo in den kommenden Jahren zu halten.

"Ich hatte noch nie mehr Energie", schrieb Bezos den Amazon-Angestellten. In seiner zukünftigen Rolle als Verwaltungsratschef wolle er seine Aufmerksamkeit auf neue Produkte und Initiativen konzentrieren - so wie er es bei Alexa und dem Kindle getan hatte.

Im vergangenen Juli musste Bezos gemeinsam mit den Chefs von Apple, Facebook und Google stundenlang vor dem Kartell-Unterausschuss des US-Kongresses Rede und Antwort stehen. Nach Ansicht der meisten Beobachter schlug sich Bezos gut. Doch sicher hätte er lieber etwas anderes gemacht - beispielsweise eine Rakete gebaut.

Quelle: ntv.de

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