Wirtschaft
Saudi-Arabiens König Salman (r.) hat seinen Sohn Mohammed zum Thronfolger ernannt.
Saudi-Arabiens König Salman (r.) hat seinen Sohn Mohammed zum Thronfolger ernannt.(Foto: REUTERS)
Dienstag, 16. Oktober 2018

Wirtschaft hofiert Herrscherhaus: Boykottiert Saudi-Arabien!

Ein Kommentar von Jan Gänger

Ist Anstand wichtiger als Geschäfte mit Saudi-Arabien? Die deutsche Wirtschaft gibt darauf eine klare Antwort: Natürlich nicht! Das ist eine moralische Bankrotterklärung.

Wer von fundamentalistischem Islam, Menschenrechtsverletzungen, Frauenfeindlichkleit, Terrorismus, Grausamkeit, Korruption und Verkommenheit hört, dem kommt schnell der Islamische Staat in den Sinn. Doch er könnte ebenso an Saudi-Arabien denken - eine autoritär geführte Vetternwirtschaft, die den Islam in etwa so interpretiert wie der IS und die für grundlegende westliche Werte nur Verachtung übrig hat. Deutschen Unternehmen ist das herzlich egal.

Auch dass vermutlich ein Oppositioneller im saudischen Konsulat in Istanbul umgebracht wurde, ändert daran nichts. Da ist es nur konsequent, dass kein deutscher Konzern seine Teilnahme an der als "Wüsten-Davos" bezeichneten Wirtschaftskonferenz abgesagt hat, die Ende Oktober stattfindet. Hauptsache, man kann Geschäfte mit dem Königreich machen.

Zahlreiche US-Unternehmen haben ihre Zusage dagegen zurückgezogen. Doch die deutsche Wirtschaft kann sich dazu nicht durchringen. Sie ist heilfroh, weil sich Bundesaußenminister Heiko Maas bei den Saudis für seinen Vorgänger Sigmar Gabriel entschuldigt hat. Der hatte dem Königreich angesichts dessen dubioser Rolle bei dem - später zurückgenommenen - Rücktritt des libanesischen Regierungschefs Saad Hariri "Abenteurertum" vorgeworfen. Zudem hatte Gabriel in diesem Zusammenhang auch auf die von den Saudis organisierte Isolierung des Golfemirats Katar sowie auf den Stellvertreterkrieg hingewiesen, den sich Saudi-Arabien und der Iran im Jemen liefern. Der saudische Kronprinz Mohammed bin Salman hatte dem Vernehmen nach daraufhin gegen deutsche Firmen einen Vergabestopp für Regierungsaufträge verhängt.

Saudi-Arabien nahm die Entschuldigung an. Und weil die Bundesregierung auch die Lieferung von vier Artillerie-Ortungssystemen erlaubte, steht Geschäften deutscher Konzerne nun nichts mehr entgegen. Es sieht ganz danach aus, als könne sich Saudi-Arabien alles erlauben.

Seit Jahrzehnten lassen westliche Regierungen und Unternehmen aus wirtschaftlichen und strategischen Interessen den Herren des Öls jede Ungeheuerlichkeit durchgehen. Zur Erinnerung: Saudi Arabien vollstreckt Todesurteile, in der Regel durch Enthauptung. Es kommt vor, dass der Körper des Hingerichteten später gekreuzigt zur Schau gestellt wird. Kritiker des Herrscherhauses, Frauenrechtlerinnen, Ehebrecher oder Homosexuelle müssen mit Gefängnis und Peitschenhieben rechnen.

Das Regime exportiert seine wahhabitische Ideologie mit viel Geld, indem es radikale Prediger, fundamentalistische Milizen, den Bau von Moscheen, Schulen oder Kulturzentren finanziert. Dadurch fördert das Königreich erfolgreich weltweit den radikalen Islam und schwächt liberale Auslegungen.

Doch das kümmert die deutsche Wirtschaft nicht. Sie weist lieber darauf hin, dass sich Saudi-Arabien unter dem Kronprinzen ja modernisiere und öffne. Was das konkret heißt? Beispielsweise, dass dort Frauen mittlerweile Auto fahren und ins Fußballstadion dürfen. Das täuscht allerdings darüber hinweg, dass sie dort tagtäglich unterdrückt werden.

Die Reformen in Saudi-Arabien haben einzig und allein einen Zweck: den Machterhalt des Regimes. Daher ist es entweder naiv oder unaufrichtig, Geschäfte dadurch zu rechtfertigen, dass man mit ihnen zur Modernisierung des Landes beitrage. Das Gegenteil ist der Fall.

Quelle: n-tv.de