Wirtschaft

Sparfuchs und Sonderling "Buffett wird ein Trüffelschwein bleiben"

Investmentlegende Warren Buffett hat sich und viele seiner Aktionäre reich gemacht. Heute wird er 90. Wie steht es um die Zauberkräfte des "Wizard of Omaha", wie er in Amerika genannt wird? Was bedeutet ihm Geld? Taugt seine Anlagemethode noch? ntv.de fragt Buffett-Expertin Gisela Baur, die ihn seit über 20 Jahren kennt. Sein Investmentvehikel Berkshire sei immer besser durch Boom und Crash gekommen als andere Fonds, sagt sie. Sie ist sich sicher: "Buffett kann uns immer noch jeden Tag überraschen."

ntv.de: Sie schreiben seit über 20 Jahren über Warren Buffett. Sie waren auf vielen seiner berühmten Aktionärsversammlungen in Omaha, vergangenes Jahr haben Sie eine Biografie veröffentlicht. Wie haben sie beide sich kennengelernt?

Gisela Baur: Als junge Redakteurin bin ich über Warren Buffett gestolpert. Damals war er noch nicht sehr bekannt in Deutschland. Ich wusste, dass er gerne liest. Also habe ich ihm einen 5-seitigen Brief geschrieben und erklärt, warum ich ihn unbedingt sprechen müsste. Es war die Zeit des Neuen Marktes, hier in Deutschland wurden plötzlich alle Aktionäre. Drei Tage später gab mir mein Chef ein Fax von Buffett mit einer Einladung zur Hauptversammlung nach Omaha. Ich bin natürlich hingefahren. Dort habe ich mein erstes Interview mit ihm geführt. Irgendwie hat es von Anfang an gepasst.

Buffett ist ein wandelnder Widerspruch: Er ist superreich, sie nennen ihn "Jahrhundertkapitalist" im Titel ihrer Buffett-Biografie. Gleichzeitig liegt ihm aber wenig am Geld. Wie verträgt sich das?

Er macht sich einfach nichts daraus. Er hat mir irgendwann einmal gesagt: "Ich wäre aber nicht gerne pleite." Aber das ist auch alles. Er hat einen Lebensstandard, den Sie oder ich auch führen könnten. Er hat sein Häuschen, sein Büro. Das will er natürlich finanziert haben. Und auch seine Hamburger zum Essen natürlich. Den einzigen Luxus, den er sich früh geleistet hat, war ein eigenes Flugzeug. Die Maschine hat er "Indefensible" genannt, die "Nicht zu Rechtfertigende". Nachdem er Netjets, ein Unternehmen, das Geschäftsreiseflugzeuge vermietet, gekauft hatte, nutzte er dann aber diese Maschinen.

Warum ist er so unendlich erfolgreich?

Er gerät nicht in die Psychofalle der Gier. Er will den Gewinn und er will Recht haben. Er schaut sich das Geschäftsmodell eines Unternehmens an, dann entscheidet er. Er macht sich viele Gedanken und rechnet, und wenn er dann investiert, dann will er auch Erfolg haben und besser sein als andere.

Er wirkt dabei manchmal recht kauzig und knickerig. Ein bisschen erinnert er an Ebenezer Scrooge, den Geizhals aus der Weihnachtsgeschichte von Charles Dickens. Ist Geiz ein Schlüssel zum Erfolg?

Ja, er ist schon sparsam. Aber eben nicht in dem Sinne, dass er das Geld wollte, um es auf dem Sparbuch zu haben oder abends zählen zu können. Wenn er einen Dollar in der Hand hat, denkt er, er kann damit 10.000 Dollar machen. Jeder einzelne Dollar ist potenzielles Vermögen.

Seiner Schwester hat er deshalb auch nicht aus der Klemme geholfen, als sie sich verspekuliert hat. Das ist schon seltsam.

Es ist ein bisschen Prinzipienreiterei. Ich glaube, er findet es ungerecht, wenn er mit seinem Geld ein einzelnes schlimmes Schicksal lindern würde. Berkshire bekommt viele Hilferufe von Menschen. Über diese Haltung kann man definitiv streiten. Ist es Prinzipienreiterei oder -treue?

Gönnt er sich wirklich nie etwas Luxus? Vielleicht einmal ein teures Dinner, um zu feiern, was er sich hart erarbeitet hat?

Kann ich mir nicht vorstellen. Bei Essen ist er sowieso eigen. In Frankfurt musste ich mal einen Chefkoch fragen, ob er Buffett einen Hamburger zubereiten könnte, ansonsten müsste ich mit ihm zu McDonald's gehen. Der war dann auch unglaublich gut, den hat er sehr genossen. Aber grundsätzlich wird er immer das gute Gespräch vorziehen.

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Gisela Baur ist promovierte Volkswirtin und freie Autorin. Warren Buffett lernte sie 1997 kennen. In den folgenden Jahren führte sie regelmäßig Interviews mit ihm - lange Zeit als einzige Journalistin außerhalb der USA.

Was gehört sonst noch zum Buffett'schen Erfolgsrezept?

Er ist unglaublich gut in Mathe. Seine besten Zeiten hatte er deshalb natürlich, als es noch keine Computer gab. Auch seine Menschenkenntnis ist bares Geld wert. Berkshire mit rund 80 Tochterunternehmen und 380.000 Angestellten wird in Omaha aus einem Büro mit 20 Leuten geführt. Das heißt, es gibt kein Controlling, es gibt keine Strategiesitzungen, keine Überprüfungen der Geschäftsziele der Töchter. Die 20 Leute sind lediglich für die komplexe Bilanz zuständig. Auch das ist unglaublich sparsam oder geizig, wenn sie so wollen. Denn damit haben Sie jedes Jahr ein Prozent mehr Ertrag. Und damit sind Sie automatisch erfolgreicher als andere. Das geht aber nur mit Menschenkenntnis. Da darf Sie niemand übers Ohr hauen. Hilfreich ist sicherlich auch sein fotografisches Gedächtnis.

Buffett hat den amerikanischen Traum gelebt. Am Ende hat die Kasse bei ihm immer geklingelt. Gab es nie Tiefpunkte?

Er schreibt in jedem Jahresbericht von falschen Entscheidungen. Nur die waren immer so klein, dass sie von den richtigen überlagert wurden. Er selbst sagt, seine Geldanlage bei Berkshire anzusiedeln und nicht nur für sich selber und seine engsten Partner investiert zu haben, sei die dümmste Entscheidung seines Lebens gewesen. Denn die Aktionäre von Berkshire verdienen immer eins zu eins mit. Einige sind mit ihm zu Milliardären geworden. Wenn er das sagt, sieht man aber sofort das Zwinkern in seinen Augen. In Wirklichkeit bedauert er das nicht. Unsereins würde sich ärgern. Er macht seine Aktionäre halt reich. So viel zum Thema Geizhals.

Buffett stand Zeit seines Lebens mit technischen Neuerungen auf Kriegsfuß. Einen Computer hat er nur zuhause, zum Bridgespielen. Zu einem Investment in Apple hat er sich dann aber doch irgendwann durchgerungen. Wie verträgt sich das?

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Ich glaube, das Investment in Apple wird missverstanden. Richtig ist, Buffett hat den Tech-Boom nicht mitgemacht. Aber Berkshire ist immer besser durch Boom und Crash durchgekommen als die meisten Fonds. Er hat ein paar Jahre underperformed, weil Tech-Aktien gut gelaufen sind. Aber als die gecrasht sind, war er plötzlich wieder der König. Er will Unternehmen, in die er investiert, verstehen. Und er will Unternehmen, wo er prognostizieren kann, was sie in fünf oder zehn Jahren verdienen werden. Beispiel Cola. Das Getränk wird auch in der Rezession getrunken. Es kostet nicht viel, es hat Wachstumsraten. Es geht in die Emerging Markets. Hier kann man ziemlich genau ausrechnen, wie es laufen wird. Wenn Buffett so ein Unternehmen günstig kriegt, kauft er es. Bei Tech-Firmen hat er zurecht gesagt, dass er nicht beurteilen kann, ob ein Handy oder eine App in drei Jahren nicht obsolet seien. Er kann hier seine Methode nicht anwenden.

Und wieso der Sinneswandel bei Apple?

Apple ist anders: Für Buffett ist es kein Tech-Unternehmen, sondern ein Abo-Geschäft. Apple ist im Bereich Personal Computer so was wie ein eigener Markt und Monopolist. Ich kaufe meinen ersten Mac. Und alle acht oder zehn Jahre den nächsten. Und wenn ich den Mac habe, dann finde ich das iPad und das iPhone auch hübscher. Und damit kann Buffett anfangen zu prognostizieren, wie es weiterläuft.

Die Aktie von Berkshire entwickelt sich seit zwei Jahren schlechter als der breite amerikanische Markt. War's das jetzt mit dem "Zauberer von Omaha", wie er in Amerika genannt wird?

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Gehen Sie mal zurück ins Jahr 2000 und schauen sich die Überschriften von Barron's an. Damals hieß es auch, der alte Mann habe es nicht mehr drauf. Berkshire hat damals auch underperformed. Buffetts Methode ist einfach nicht in jeder Marktphase erfolgreich. Aber er wird ein Trüffelschwein bleiben. Er hat 147 Milliarden Dollar an Cash-Reserven. Er wird jeden Tag hoffen, dass er etwas findet. Aber er wird nicht irgendwas kaufen, nur um zu kaufen. Er kann uns noch jeden Tag überraschen. Allerdings rechne ich angesichts des Börsen-Hypes nicht ganz so schnell mit Investments.

Wie steht Buffett zu seinem Alter? Er ist jetzt 90 und Workoholic. Wird er Berkshire jemals loslassen?

Er wird nicht loslassen, so lange es geht. Er hat Menschen beauftragt, die, wie er sagt, "das Spiel abpfeifen", wenn es soweit ist. Für den Fall, dass er es tatsächlich nicht mehr gut macht oder Schaden anrichtet, hat er schon vor 20 Jahren Menschen die Vollmacht erteilt, ihn vom Platz zu stellen. Wenn er geistig und körperlich durchhält, wird er bis zum letzten Tag arbeiten.

Mit Gisela Baur sprach Diana Dittmer

Quelle: ntv.de

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