Wirtschaft

Nur moderates GehaltsplusChemiebranche einigt sich auf "Krisen-Tarifabschluss"

25.03.2026, 13:47 Uhr
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Mehrere Chemie-Unternehmen, wie etwa BASF und Evonik, haben Sparprogramme und Jobabbau beschlossen. (Foto: dpa)

Die Chemiebranche steckt in der Krise: Der Iran-Krieg und die damit steigenden Energiepreise stürzen große Konzerne wie BASF und Evonik in zusätzliche Turbulenzen. In dieser Situation geben sich die Gewerkschaften mit einem eher bescheidenen Tarifvertrag zufrieden.

Für die rund 585.000 Beschäftigten der kriselnden deutschen Chemie- und Pharmaindustrie gibt es einen neuen Tarifvertrag. Die Industriegewerkschaft Bergbau, Chemie, Energie (IGBCE) und der Bundesarbeitgeberverband Chemie (BAVC) hätten sich auf Entgelterhöhungen in zwei Schritten sowie Beiträge zur Beschäftigungssicherung bei einer Laufzeit von 27 Monaten geeinigt, teilten beide Seiten nach zweitägigen Verhandlungen in Bad Breisig mit. Im Kern fließen in diesem Jahr 300 Euro pro Person in die Beschäftigungssicherung, 2027 folgen eine Entgelterhöhung von 2,1 Prozent sowie weitere 300 Euro pro Kopf zur Beschäftigungssicherung. 2028 soll es eine weitere Entgelterhöhung um 2,4 Prozent geben.

"Für diesen Krisen-Abschluss sind wir bis an die Schmerzgrenze gegangen", sagte der IGBCE-Vorsitzende Michael Vassiliadis. BAVC-Präsidentin Katja Scharpwinkel ergänzte: "Der Tarifabschluss zeigt, dass wir in einer schwierigen Situation gemeinsam Verantwortung übernehmen." Durch den Iran-Krieg habe sich die Lage der angeschlagenen Branche zugespitzt, erläuterte Vassiliadis. Die Beschäftigten gingen mit dem Abschluss in die Vorleistung. Nun sei die Politik am Zug, um die Rahmenbedingungen für die Branche zu verbessern. "Dauerhaft mehr zahlen die Arbeitgeber erst ab 2027 – und das zu krisengerechten Konditionen", ergänzte BAVC-Verhandlungsleiter Matthias Bürk. Unternehmen, die nicht wesentlich von der Krise betroffen sind, könnten aber eine oder beide Stufen der Tariferhöhung um drei Monate vorziehen.

Mit dem vereinbarten Beschäftigungssicherungsbeitrag gehe man neue Wege auf dem Feld der Jobsicherung, teilte die Gewerkschaft mit. Das Geld zur Beschäftigungssicherung gehe an den seit 2010 bestehenden Demografiefonds der Branche, dessen Nutzungszwecke um den Faktor Beschäftigungssicherung erweitert werden. Aus dem betrieblichen Topf könnten so beispielsweise Projekte zur Standortsicherung, Umqualifizierung oder Arbeitszeitreduzierung finanziert werden.

Die Gespräche in Bad Breisig waren die dritte Verhandlungsrunde auf Bundesebene. Die IG BCE wollte Jobs in der Konjunkturflaute sichern und höhere Entgelte über der Inflationsrate erreichen, wenngleich sie auf eine konkrete Lohnforderung verzichtete. Die Arbeitgeber pochten dagegen auf Lohnzurückhaltung angesichts der Krise der Chemie. BAVC-Verhandlungsführer Bürk betonte, die Branche produziere 20 Prozent weniger als 2018, zahle aber deutlich höhere Tariflöhne. Der aktuelle Tarifvertrag war Ende Februar ausgelaufen.

Abschluss ohne Streik

Die Chemie- und Pharmabranche ist die drittgrößte Industriebranche in Deutschland nach dem Auto- und Maschinenbau. Dem Chemieverband VCI zufolge erzielte sie 2025 einen Umsatz von rund 220 Milliarden Euro. Während die Pharmabranche wächst, steckt die Chemie seit Langem in der Flaute. Ihr machen teure Energie, US-Zölle, die schwache Konjunktur und Überkapazitäten am Weltmarkt zu schaffen. Der Iran-Krieg hatte die Lage verschärft, denn die Branche ist vom Anstieg der Energiepreise stark betroffen. Sie verbraucht viel Öl und Gas, zugleich spielen die Rohstoffe eine zentrale Rolle als Ausgangsstoffe etwa für Kunststoffe, Dünger, Medikamente, Lösungsmittel und Kosmetika.

Chemiekonzerne wie BASF und Evonik haben bereits Sparmaßnahmen samt Stellenabbau verkündet. Der US-Konzern Dow schließt Chemieanlagen in Sachsen und Sachsen-Anhalt, und Wacker Chemie aus München meldete einen Rekordverlust für 2025. Nach Einschätzung von BASF-Chef Markus Kamieth erlebt die Chemieindustrie "wohl ihre schwierigste Zeit seit 25 Jahren". Aus Sicht des Ifo-Instituts drohen der Branche dieses Jahr weitere Produktions- und Jobkürzungen.

Der Chemie-Abschluss ist die erste größere Einigung in der deutschen Industrie in diesem Jahr. Für den öffentlichen Dienst der Länder hat Verdi einen Abschluss über 27 Monate erreicht, der den Beschäftigten in drei Stufen 5,8 Prozent mehr Geld bringt. Streiks und Warnstreiks machen den Bürgern vor allem im Verkehr das Leben schwer, wenn Piloten der Lufthansa oder Bahn- und Busfahrer die Arbeit niederlegen. Im Herbst verhandelt die IG Metall mit den Arbeitgebern über die Gehälter von rund 3,8 Millionen Beschäftigten in der Metall- und Elektroindustrie. In der Chemieindustrie wiederum haben es die Tarifpartner erneut geschafft, ohne Arbeitskämpfe zu einer Einigung zu kommen. Den letzten Streik in der Branche gab es vor mehr als einem halben Jahrhundert - im Jahr 1971.

Quelle: ntv.de, jog/rts/dpa

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