Wirtschaft
Symbol der chinesischen Wirtschaftskraft: Shanghai.
Symbol der chinesischen Wirtschaftskraft: Shanghai.(Foto: REUTERS)
Freitag, 29. Dezember 2017

Gefährliche Schulden: China steckt in den roten Zahlen

"Der Osten ist rot", sangen einst die Roten Garden. Heute schreibt der Osten rote Zahlen - die Verschuldung der chinesischen Unternehmen steigt rasant. Ob daraus eine große Finanzkrise wird, ist ungewiss. Für die deutsche Wirtschaft ist es in jedem Fall unerfreulich.

Seit vierzig Jahren beeindruckt China die Welt mit Wachstumsrekorden - und die deutsche Wirtschaft hat davon kräftig profitiert. China ist inzwischen größter Markt für fast alles. Ob Autos oder Maschinen: Eine Wirtschaftsflaute im Reich der Mitte würde deutsche Schlüsselbranchen in die Krise reißen. Doch das chinesische Wachstum ist zunehmend auf Pump finanziert.

In den vergangenen zehn Jahren ist die Verschuldung des chinesischen Privatsektors - ohne Banken - dramatisch in die Höhe geschossen, auf mittlerweile 230 Prozent des Bruttoinlandsprodukts. Der Internationale Währungsfonds warnte deswegen im August vor "wachsenden Risiken einer disruptiven Anpassung und/oder einer deutlichen Verlangsamung des Wachstums" - ein Crash ist möglich.

Gefährlich ist aus Sicht von Ökonomen weniger die Verschuldungsquote an sich als das Tempo, in dem der Schuldenberg höher wird. Falls die chinesische Kommunistische Partei (KP) nicht auf die Bremse tritt, könnte die Verschuldung laut IWF bis 2022 auf 290 Prozent steigen. "Wenn aber die chinesische Zentralbank die Kreditvergabe bremst, schwächt sich sofort das Wachstum ab", sagt der Ökonom Thomas Mayer, Direktor des Forschungsinstituts Flossbach von Storch und ehemaliger Chefvolkswirt der Deutschen Bank. "Man könnte sagen, dass die chinesische Regierung Gefangener ihrer eigenen Politik ist."

Doch ob eine chinesische Finanzkrise droht, ist ungewiss. "Es lässt sich feststellen, da ist etwas im Gange, das gefährlich ist", sagt Mayer. "Aber man kann nicht prognostizieren, ob und wann eine Krise kommt." In China ist ein undurchsichtiger Sektor des Finanzwesens entstanden: "Bankeinlagen bringen auch in China den Sparern relativ wenig Geld", sagt Mayer. Daher erhöhten Schattenbanken die Rendite für Sparanlagen über sogenannte Wealth Management Products.

"In diesen Instrumenten wird über Verschuldung zu niedrigeren Zinsen der Ertrag einer verzinslichen Anlage erhöht", sagt der Volkswirt. "Mit den Finanzanlagen in diesen Wealth Management Products werden sowohl Unternehmenskredite als auch Finanzgeschäfte finanziert. Wenn Kredite schlecht werden, fallen aber diese Finanzprodukte in relativ hohem Umfang aus."

"Westliche Analyse läuft ins Leere"

Das würde das Finanzwesen schwer treffen. Falls es in China eine Finanzkrise gebe, würde diese nach Mayers Einschätzung eher dem japanischen Muster ähneln als der internationalen Finanzkrise des Jahres 2008. Denn in China ebenso wie in Japan dominiert die interne Verschuldung, es gibt vergleichsweise wenig Gläubiger außerhalb der Landesgrenzen. "Wenn die Assets in nicht mehr realistische Höhen steigen, können solche Blasen platzen, sobald der Erste 'Feuer' ruft", sagt Mayer.

Nachdem die japanische Blase 1990 platzte, litt die damals noch zweitgrößte Wirtschaftsnation der Erde an jahrelanger Wachstumsschwäche. "Die Wahrscheinlichkeit einer Finanzkrise in China lässt sich nicht quantifizieren", sagt Markus Taube, Inhaber des Lehrstuhls für Ostasienwirtschaft an der Universität Duisburg/Essen. "Wir haben in China keine klassische Marktwirtschaft, und solange dies der Fall ist, läuft unsere klassische westliche Analyse ins Leere." Der Bankensektor sei staatlich gesteuert, und der chinesische Staat verfüge nach wie vor über sehr viel Geld. Dementsprechend erwartet Taube innerhalb der nächsten zehn Jahre "eigentlich keine Finanzkrise" in China.

Doch das bedeutet keineswegs, dass in Fernost alles in Ordnung wäre. "Die Entwicklung in China läuft in die falsche Richtung", sagt Taube. "Das ist auch bei vielen chinesischen Unternehmen zu spüren. Die sind auf einmal groß und kräftig, aber nicht weise geworden." Chinesische Unternehmen überschätzten sich in vielen Bereichen, vor allem bei der eigenen Innovationskraft. "Das ähnelt einer Art pubertierendem Halbstarkentum." Doch bleibe China für viele deutsche Unternehmen der wichtigste Markt, "sie werden sich nicht zurückziehen", prophezeit der Wissenschaftler.

Auf Einkaufstour

Der Schuldenboom in der Volksrepublik hat noch in einer zweiten Hinsicht direkte Auswirkungen auf Deutschland: chinesische Firmenübernahmen. Die chinesische KP will erklärtermaßen die technologische Weltführung übernehmen, ein Mittel dazu ist die Übernahme von High-Tech-Firmen. Firmenkäufe auf Pump sind in den USA, Europa und Japan ebenfalls seit jeher üblich, doch ohne dass die Gesamtverschuldung vergleichbar rasant steigen würde.

Seit 2005 haben chinesische Firmen 24 Milliarden Dollar für deutsche Unternehmen ausgegeben, davon allein 11 Milliarden im Jahr 2016. Das berichtet die konservative US-Denkfabrik American Enterprise Institute (AEI), die in ihrem "China Global Investment Tracker" chinesische Aktivitäten weltweit beobachtet. In diesem Jahr waren es laut AEI bislang vier Milliarden Dollar, dazu zählte die Beteiligung der als undurchsichtig geltenden Hainan-Airlines-Gruppe an der Deutschen Bank.

"Chinas heimische Schuldensituation ist schrecklich und wird mutmaßlich noch schlimmer", sagt Chinafachmann Derek Scissors, der Autor des Investment Trackers. Aber das ändert nach Scissors' Einschätzung nichts daran, dass chinesischen Unternehmen Kredite in ausländischen Währungen zur Verfügung gestellt werden. Die chinesische Führung habe die Devisenreserven stabilisiert. "Das wird es möglich machen, die Investitionssummen (im Ausland) nächstes Jahr wieder zu erhöhen."

Das deckt sich mit der Einschätzung in China tätiger deutscher Unternehmen, die vom Zentrum für Europäische Wirtschaftsforschung (ZEW) in Mannheim befragt werden. "Circa 66 Prozent der befragten Manager geht von einer weiteren Zunahme der chinesischen Auslandsakquisitionen auf Sicht von einem halben Jahr aus, etwa 55 Prozent rechnet damit, dass in diesem Zeitraum Deutschland als Zielland noch attraktiver wird", sagt Michael Schröder, Leiter des Forschungsbereichs Internationale Finanzmärkte am ZEW.

Quelle: n-tv.de