Wirtschaft

Programme sagen Zinsen voraus Computer verstehen Notenbanken besser

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Während die Experten noch analysieren, weiß die Software schon, wann der nächste Zinsschritt kommt.

(Foto: REUTERS)

Das Entschlüsseln von Zentralbank-Statements gleicht einer Wissenschaft. Jedes Wort der Währungshüter klopfen Analysten auf seine mögliche Bedeutung ab. Doch woran Experten lange rätseln, werten Algorithmen in Sekunden aus - und sind dabei auch noch viel präziser.

Wie erwartet änderte die US-Notenbank nichts an den Leitzinsen. Auch die dazugehörige Erklärung, man beobachte die weitere wirtschaftliche Entwicklung, las sich für nicht Eingeweihte nahezu genauso wie in den Monaten zuvor - lediglich das Wörtchen "geduldig" fehlte. Das reichte, zusammen mit wenigen Sätzen von Notenbankchef Jerome Powell, die Kurse an den US-amerikanischen Börsen auf neue Rekordstände zu katapultieren. Die für das allgemeine Zinsniveau wichtigen Anleihe-Renditen sackten im Gegenzug ab. Powell hatte seine Mission erfüllt, ohne tatsächlich an der Zinsschraube zu drehen.

Zentralbanken wie die amerikanische Federal Reserve und die Europäische Zentralbank beeinflussen die Finanzmärkte hauptsächlich durch ihre Kommunikation. Einzelne Stichworte - oder ihr Fehlen - können die Kurse massiv bewegen. Die Nuancen sind dabei so subtil, dass sich Investoren und Analysten zunehmend nicht mehr auf ihre eigene Expertise verlassen, wenn sie versuchen, die Äußerungen von Notenbankern zu verstehen. Viele Banken und Hedgefonds setzen stattdessen Künstliche Intelligenz (KI) ein, die die teils kryptischen Statements der Notenbanker genauer und vor allem viel schneller analysieren könne, berichtet "Bloomberg".

97 Prozent Trefferquote

Er "habe nicht mal Zeit, die PDF-Datei von der Notenbank zu öffnen", bevor ihm der hauseigene Algorithmus schon eine Auswertung zur Zinsentscheidung vorlege, zitiert der Finanznachrichtendienst einen Analysten der schwedischen Nordea-Bank. Diese Geschwindigkeit kann in Zeiten von computergesteuertem Hochfrequenzhandel an den Börsen entscheidende Vorteile bringen.

Darüber hinaus seien Algorithmen auch in der Lage, menschliche Schwächen bei der Analyse der Zentralbankaussagen auszugleichen, argumentiert Evan Schnidman, dessen Unternehmen Prattle Analytics eine KI entwickelt hat, die die Kommunikation von 15 wichtigen Zentralbanken weltweit auswertet. Menschliche Experten seien oft voreingenommen und ließen sich von ihren eigenen Erwartungen in die Irre führen, sagt Schnidman gegenüber "Bloomberg". Den Computern passiere das nicht. 97 Prozent aller Zinsentscheidungen in den großen Industrieländern sage seine Software anhand früherer Aussagen fehlerfrei voraus.

Schnidmans Programm wird seinen Angaben zufolge vor allem von Hegdefonds an der Wall Street eingesetzt. Viele große Banken wie Nordea setzen inzwischen eigene mehr oder weniger weit entwickelte intelligente Analysewerkzeuge ein. Für die Währungshüter heißt das, dass sie bei ihrer Kommunikation noch genauer auf jedes Detail achten müssen. Um keine Fehler zu machen, ließen bereits mehrere Zentralbanken ihre Statements vor Veröffentlichung von seinem Programm überprüfen, so Schnidman.

Quelle: n-tv.de, mbo

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