Wirtschaft

Anleger geben sich sorglos Das Rückschlagrisiko an den Börsen wächst

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Der Lufthansa-Kranich war seit Einführung des Dax dabei. Kommende Woche steigt die Airline wohl ab.

(Foto: picture alliance / dpa)

Der Dax ist in den vergangenen Wochen so schnell gestiegen wie seit Jahrzehnten nicht. Ein entsprechend schnelle Erholung der Wirtschaft von der Corona-Krise ist alles andere als sicher. Experten warnen die Anleger vor Rückschlägen. Zudem muss sich der Dax wohl von einem Gründungsmitglied verabschieden.

Kommt nach der jüngsten Aktienrally an den Weltmärkten die Ernüchterung? Zumindest wächst derzeit die Gefahr eines Rückschlags. Einen ersten Vorgeschmack hat der Dax an seinem letzten Handelstag im Mai bereits geliefert. Experten warnen vor der Sorglosigkeit, mit der Anleger nach dem Corona-Crash weltweit wieder zulangten. Denn Unsicherheiten gibt es genug. Nach fünf Handelstagen im Plus hat der Dax am Freitag erstmals wieder Verluste verzeichnet. Der deutsche Leitindex verabschiedete sich nach einigem Auf und Ab im Handelsverlauf mit einem Abschlag von 1,65 Prozent bei 11.586,85 Punkten.

Seit dem März-Tief hat der deutsche Leitindex inzwischen um rund 40 Prozent aufgeholt. Eine solche Rally hat der Markt laut der Landesbank Baden-Württemberg (LBBW) seit der Jahrtausendwende nicht mehr gesehen.

Die jüngsten Hoffnungen an den Börsen auf eine rasche Erholung der Weltwirtschaft könnten Experten zufolge schnell verfliegen. Denn entscheidend sei die Entwicklung Chinas, das als erstes Land von der Coronavirus-Pandemie getroffen wurde und auch als erstes Land seine Wirtschaft wieder hochfahre, sagt Martin Lück, Chef-Anlagestratege für Deutschland, Österreich und Osteuropa beim weltgrößten Vermögensverwalter Blackrock. Sollte der Aufschwung trotz der dortigen Kommandowirtschaft stocken, wäre das für den Westen eine ernüchternde Erkenntnis. "Sie würde bedeuten, dass es zu der Normalität, welche optimistische Aktienanleger dieser Tage bereits wieder einpreisen, noch ein sehr weiter Weg ist."

Ein weiterer Risikofaktor seien die wachsenden Spannungen mit den USA wegen des chinesischen Sicherheitsgesetzes für Hongkong, warnt Marktanalyst Milan Cutkovic vom Brokerhaus AxiTrader. "Dies könnte auch den Handelsdeal bedrohen und schürt so die Angst vor einer Neuauflage des Handelskonflikts der vergangenen zwei Jahre."

Aufstiegskandidat Deutsche Wohnen

Bei den Konjunkturdaten wartet der Höhepunkt am Freitag: die US-Arbeitsmarktdaten. Einen Vorgeschmack liefern die Zahlen der privaten Arbeitsagentur ADP am Mittwoch. Am Montag und Mittwoch sind die Barometer für die Stimmung der Einkaufsmanager in der US-Industrie und im Dienstleistungssektor, die sogenannten ISM-Indizes, an der Reihe. "Während die Arbeitslosigkeit weiter gestiegen ist, erwarten wir bei den ISM-Indizes immerhin eine gewisse Stabilisierung", sagt Commerzbank-Volkswirt Christoph Balz.

Diesseits des Atlantiks stehen die deutschen und europäischen Einkaufsmanager-Indizes am Montag sowie die europäischen Einzelhandelsumsätze am Donnerstag auf dem Terminplan. Zum Wochenabschluss folgen die Auftragseingänge der deutschen Industrie. Hier müsse für April mit einem Minus von 20 Prozent gerechnet werden, nach einem Rückgang von mehr als 15 Prozent im Vormonat, sagt Commerzbank-Experte Balz.

Daneben warten Börsianer gespannt auf die Ergebnisse der geldpolitischen Beratungen der Europäischen Zentralbank am Donnerstag. Eine Zinssenkung gilt zwar als ausgeschlossen. Allerdings wachse der Druck auf die EZB, ihre Anleihekäufe auszuweiten, sagt Ulrich Stephan, Chef-Anlagestratege für Privat- und Firmenkunden bei der Deutschen Bank. "Erstens zeigen die Konflikte um einen EU-Wiederaufbaufonds, dass die Hauptlast der Krisenbekämpfung unverändert bei der EZB liegt." Außerdem wäre das bisherige Volumen von 750 Milliarden Euro voraussichtlich bereits im September ausgeschöpft.

Ebenfalls am Donnerstag überprüft die Deutsche Börse die Zusammensetzung ihrer Indizes. Sie werde dabei voraussichtlich den Abstieg des Dax-Gründungsmitglieds Lufthansa aus der ersten deutschen Börsenliga verkünden, prognostiziert LBBW-Analyst Uwe Streich. Den Platz der Fluggesellschaft werde wohl der Immobilienkonzern Deutsche Wohnen übernehmen.

Quelle: ntv.de, mbo/rts/dpa