Wirtschaft

Laut VWs Schuldeingeständnis Das Tagebuch der Diesel-"Verschwörung"

Diesel-Affäre

Beendet ist "Diesel-Gate" für VW noch lange nicht. In vielen Ländern sind Klagen von Kunden und Anlegern sowie strafrechtliche Ermittlungen anhängig.

(Foto: dpa)

Im Zuge des Vergleichs mit der US-Justiz gesteht Volkswagen seine Schuld im Abgas-Skandal ein. Über Jahre haben demnach hochrangige VW-Mitarbeiter den Betrug bewusst vorangetrieben und die Ermittlungsarbeit behindert.

Die Ermittlungen der US-Justiz in Sachen Abgasmanipulation bei Volkswagen sind noch nicht beendet. Die individuellen Verfahren gegen sechs Ingenieure und Manager wegen "Verschwörung" zu Straftaten laufen weiter. Aber der Konzern hat sich nach langen Verhandlungen mit dem Justizministerium offiziell schuldig bekannt und sich dabei mit den Ermittlern auf eine grundlegende Version geeinigt, wie der Betrug ablief - und zwar so:  

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Alles beginnt 2005 mit dem Projekt "US'07". Volkswagen plant eine große Diesel-Offensive auf dem US-Markt - mit kleineren, von VW entwickelten 2.0 Liter Motoren und größeren von Audi entwickelten 3.0 Liter Motoren. Damit ihre starken Motoren die Tests für die damals neuen, verschärften US-Abgasnormen für den Stickoxidausstoß bestehen, entwickeln zunächst Audi-Ingenieure eine Software, die erkennt, ob sich das Fahrzeug in einem Testzyklus oder auf der Straße befindet.

Im Straßenmodus regelt das sogenannte "Defeat Device" die Zufuhr des Abgasreinigungsmittels AdBlue herunter. Das hat unter anderem den Vorteil, dass der AdBlue-Tank kleiner und der Kofferraum - wichtig für die Vermarktung in den USA - größer ausfallen kann. Zudem sind die Serviceintervalle zum Nachfüllen der Flüssigkeit erheblich größer.

Bald erkennen auch die VW-Ingenieure, dass sie sich entscheiden müssen: Soll ihr 2.0 Liter Dieselmotor die neuen Abgasnormen erfüllen oder soll er leistungsstark sein mit einem geringem AdBlue-Verbrauch? Sie entscheiden sich - obwohl Mitarbeiter wiederholt warnen, dass dies in den USA illegal sei - für letzteres und verwenden dafür das von Audi entwickelte "Defeat Device". In einer E-Mail vom 17 Mai 2006 schreibt ein Ingenieur, die Software könne "absolut nicht für US'07 verwendet werden".

"Nicht erwischen lassen"

Trotz Warnungen weiterer Mitarbeiter wird auf einem Meeting im November 2006 angeordnet: US'07 wird mit der umstrittenen Software fortgesetzt, und die betreffenden Mitarbeiter sollen sich "nicht erwischen lassen". Dies wird bei einem weiteren Meeting im Oktober 2007 bestätigt. An den Entscheidungen sind hochrangige Ingenieure bis zu Chef der Motorenentwicklung beteiligt.

Ab 2008 startet die Marketing-Kampagne von Volkswagen, die die neuen "Green Diesel"-Modelle als besonders umweltfreundlich anpreist. Ab 2009 kommen die ersten Wagen auf den Markt. Gegenüber den zuständigen Behörden verschweigen VW-Mitarbeiter im Rahmen der Zulassungsverfahren für die verschiedenen Fahrzeuge bewusst die Betrugssoftware.

Im Laufe der Jahre stellt sich allerdings heraus, dass der Betrug nicht bei allen Wagen funktioniert. Kunden melden Probleme mit manchen 2.0 Liter Dieseln, die die Ingenieure darauf zurückführen, dass das "Defeat Device" nicht konsequent genug in den "Straßenmodus" schaltet. Sie entwickeln deshalb ein Software-Update, dass eine verbesserte Erkennung für die Testsituationen enthält. Den Behörden allerdings erzählen die VW-Verantwortlichen, die Software-Nachbesserung verbessere die Wagen und reduziere den Abgasausstoß.

Behinderung der Justiz

Im Frühjahr 2014 weist eine erste Untersuchung der Universität von West Virginia und dem International Council on Clean Transportation krasse Abweichungen des Stickoxidausstoßes auf der Straße und im Testzyklus nach. Sowohl die US-Umweltbehörden als auch VW sind alarmiert. Die Motorenentwicklung von VW gründet eine Task Force, die Antworten auf die immer drängenderen Nachfragen der Behörden formulieren soll. Hochrangige Manager entscheiden, dass die Existenz des "Defeat Device" nicht zugegeben werden soll.

Im April und Mai wird die Angelegenheit in der VW-Hierarchie immer weiter nach oben gereicht, bis zum obersten Qualitätsbeauftragten des Konzerns. Den US-Behörden werden jedoch weiter vorgeschobene Ausreden für die auffälligen Untersuchungsergebnisse präsentiert. Für das US-Justizministerium ein klarer Fall von Behinderung der Justiz.

Erst am 19. August erwähnt ein VW-Vertreter - trotz der gegenteiligen Anordnung durch seine Vorgesetzten - erstmals das "Defeat Device". Anfang September gibt Volkswagen offiziell die Existenz der Betrugssoftware in den 2.0 Liter Motoren zu. Die ganze Wahrheit tischt der Konzern auch jetzt noch nicht auf, sondern behauptet fälschlich, die zuständigen Manager hätten bislang nichts von den Manipulationen gewusst.

Am 18. September macht die Umweltbehörde EPA die Angelegenheit öffentlich. Zwei Tage später informiert auch Volkswagen offiziell darüber und kündigt eine externe Untersuchung der Vorfälle an. Erst Wochen später gibt auch Audi zu, dass die die 3.0 Liter Motoren ebenfalls manipuliert sind.

Quelle: ntv.de