Wirtschaft

Was Unicredit wirklich will"Das ist eigentlich gar kein Übernahmeangebot"

16.03.2026, 17:31 Uhr
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Die Commerzbank will unbedingt unabhängig bleiben. (Foto: picture alliance / Eibner-Pressefoto)

Die Unicredit will die Commerzbank übernehmen - trotz Widerstands aus Politik und Management. Experte Berghof sieht in der aktuellen Offerte allerdings weniger ein echtes Übernahmeangebot als viel mehr ein "taktisches Manöver". Es ziele nicht darauf ab, erfolgreich zu sein.

Herr Burghof, die italienische Großbank Unicredit hat ein offizielles Übernahmeangebot für die Commerzbank vorgelegt. Wie ist das zu bewerten?

Hans-Peter Burghof: Wenn man streng ist, muss man sagen: Das ist eigentlich gar kein Übernahmeangebot.

Sondern?

Es ist vielmehr ein taktisches Manöver. Die Absicht ist nicht, mit diesem Angebot sofort eine Mehrheit der Aktien zu erwerben. Dafür ist es für Aktionäre auch viel zu unattraktiv. Entscheidend ist etwas anderes: Mit dem offiziellen Übernahmeangebot zwingt Unicredit alle Beteiligten, Farbe zu bekennen. Finanzaufsicht, Kartellbehörden, die Bundesregierung und auch der Vorstand der Commerzbank müssen das Angebot nun prüfen und sich dazu äußern. Auf dieser Grundlage kann die Unicredit dann entscheiden, wie sie weiter vorgeht und welche nächsten Schritte sinnvoll sind.

Es ist also unwahrscheinlich, dass die Übernahme jetzt gelingt?

Dieses konkrete Angebot zielt nicht darauf ab, erfolgreich zu sein. Wenn dennoch überraschend viele Commerzbank-Aktionäre zugreifen würden, wäre das für Unicredit vielleicht sogar eine problematische Situation. Da Unicredit den Kauf über eigene Aktien finanzieren will, müsste die Bank im Extremfall sehr viele Aktien tauschen. Dadurch könnte sich die Aktionärsstruktur der Unicredit stark verändern. Das werden Unicredit-Chef Orcel oder seine Aktionäre zu diesem Zeitpunkt vielleicht gar nicht wollen.

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Hans-Peter Burghof ist Hochschullehrer und Inhaber des Lehrstuhls für Bankwirtschaft und Finanzdienstleistungen an der Universität Hohenheim. (Foto: picture alliance/dpa)

Was müsste passieren, damit eine Übernahme realistischer wird?

Da gibt es mehrere Bedingungen. Erstens darf die Commerzbank für Unicredit nicht zu teuer werden. Zweitens muss Orcel politisch Brücken bauen. Er hat selbst gesagt, dass er die Bank nicht gegen den Widerstand der Bundesregierung übernehmen will. An der Bundesregierung vorbei wäre das schon ein ziemlicher Ritt. Also muss er versuchen, die Politik zu überzeugen. Wenn Unicredit beispielsweise über 30 Prozent kommt und alle Aufseher zugestimmt haben, könnte er argumentieren: Schaut her, das ist alles rechtlich sauber – jetzt reden wir politisch darüber.

Wie kann sich die Commerzbank jetzt noch gegen eine Übernahme wehren?

Der wirksamste Hebel ist, den eigenen Wert weiter zu steigern. Je erfolgreicher die Commerzbank wirtschaftet, desto teurer wird eine Übernahme für Unicredit. Genau das sieht man bereits am Aktienkurs. Er hat sich in den vergangenen fünf Jahren von einst fünf Euro auf zeitweise 36 Euro vervielfacht. Je höher der Kurs steigt, desto unattraktiver wird der Deal für den Käufer.

Hat die Commerzbank dafür denn noch Spielräume?

Das ist ein wichtiger Punkt – sie sind inzwischen begrenzt. Vor allem im wichtigen Firmenkundengeschäft muss die Commerzbank aufpassen, dass sie nicht zu stark am Personal spart. Eine Hausbankbeziehung ist in guten Zeiten relativ pflegeleicht, wird aber sehr arbeitsintensiv, sobald der Kunde in eine Krise gerät. Wenn Banken hier zu stark ausdünnen, riskieren sie langfristig ihre Reputation.

Was würde eine Übernahme für Privatkunden bedeuten – müssten sie mit Veränderungen bei Filialen, Gebühren oder Produkten rechnen?

Wenn zwei große Banken zusammengehen, kann es passieren, dass bestimmte Leistungen teurer werden. Das hat man in anderen Ländern bereits gesehen, etwa bei Unternehmenskrediten nach großen Bankenfusionen. Im deutschen Privatkundengeschäft dürfte der Effekt allerdings gering ausfallen, weil es dort viel Wettbewerb gibt. Die Kunden haben viele Alternativen und können die Bank vergleichsweise leicht wechseln. Deshalb ist es unwahrscheinlich, dass sich die Konditionen für Privatkunden dramatisch verschlechtern.

Gilt das auch für die Einlagensicherung? Die Unicredit ist eine italienische Bank.

Rein rechtlich sollte das keinen Unterschied machen. In der EU sind Einlagen bis 100.000 Euro abgesichert – unabhängig davon, in welchem Mitgliedstaat die Bank sitzt. Allerdings gilt das vor allem unter normalen politischen Bedingungen.

Wie meinen Sie das?

Wir bewegen uns geopolitisch in einer Phase, in der internationale Regeln wie das Völkerrecht infrage gestellt werden, und auch das Recht der EU ist zwischenstaatliches Recht. In einer Krise kann es also sehr wohl eine Rolle spielen, in welchem Land eine Bank sitzt und welcher Staat letztlich hinter ihr steht. Im Extremfall ist die Wahrscheinlichkeit höher, dass ein Sparer bei einer Bank im eigenen Land einen Ausgleich bekommt.

Das Interview ist zuerst bei Capital.de erschienen.

Quelle: ntv.de

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