Wirtschaft

Zins-Rally setzt Aktien zu Das müssen Anleger jetzt tun

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An den Börsen dominieren derzeit zwei Themen: Inflation und Zinsen.

(Foto: AP)

Die Zinsangst geht an den Börsen um. Viele Anleger fürchten einen Kurseinbruch wie im vergangenen Jahr. Zur Panik besteht allerdings kein Grund.

Ein Jahr ist es her. Mitte März 2020 erlebte der Corona-Absturz seinen Höhepunkt, der Dax rauschte zeitweise unter 9000 Punkte. Mittlerweile haben sich die weltweiten Aktienmärkte vom Ausverkauf sehr gut erholt - und sind auf Rekordkurs. Auch wenn der Dax seit Dezember eher auf der Stelle steht, leuchtet in der Bilanz ein sattes Plus von rund 70 Prozent seit dem Vorjahrestief auf.

Und doch mehren sich wieder die Sorgen vor einem erneuten Crash, denn am Anleihemarkt ziehen die Zinsen kräftig an. Steigende Renditen sehen wir vor allem in den USA - und das ist schlecht für die großen US-Technologietitel. Der Grund: Steigende Anleiherenditen erhöhen die Finanzierungskosten für Staaten und Unternehmen. Aktien von Technologie-Unternehmen reagieren besonders sensibel auf höhere Finanzierungskosten. Die Konsequenz: Für die lange beliebten Tech-Titel geht es nach der Corona-Rallye abwärts.

In der Eurozone ist die Situation anders: Selbst die Anleihen der stark verschuldeten Peripheriestaaten kamen bisher nicht unter Druck. Von dieser Seite kann somit Entwarnung gegeben werden, die europäischen Aktienmärkte liegen daher weiter in Reichweite der oft kürzlich erst verbesserten Höchststände. Die Europäische Zentralbank EZB sieht keinen Handlungsbedarf, und auch Anleger sollten die Füße stillhalten.

Schwieriger ist die Lage an der Wall Street. Anfang August wurden für die richtungsweisenden zehnjährigen US-Staatsanleihen weniger als 0,6 Prozent aufgerufen, jetzt gibt es bereits 1,6 Prozent. Was sich für Anleger auf dem Niveau allmählich zu einer Zinsalternative entwickelt - allerdings besteht ein Dollarrisiko beim Kauf von US-Staatsanleihen - bedeutet für Unternehmen höhere Finanzierungskosten. Doch in der Vergangenheit gab es immer erst dann eine stärkere Korrektur, wenn die Notenbanken ihre Geldpolitik restriktiver gestalteten. Eine solche Kehrtwende zeichnet sich derzeit nicht ab, zumal die noch weiter steigende Inflation von den Währungshütern als vorübergehender Effekt gesehen wird und demnach keine Gegenmaßnahmen erfordert.

Tech-Titel unter Druck

Steigende Zinsen wirken sich am Aktienmarkt derzeit unterschiedlich aus. Während die konjunkturabhängigen Titel aus der Old-Economy und die Corona-Verlierer wie etwa Reiseunternehmen oder Fluggesellschaften wegen der Aussicht auf ein Ende der Pandemie zulegen, geht es bei den Corona-Gewinnern sowie den wachstumsstarken Technologietiteln abwärts. Letztere leiden besonders, weil hier die erwarteten Gewinne in ferner Zukunft der Kurstreiber sind und diese bei steigenden Zinsen in der Gegenwart geringer ausfallen. Zudem weisen die Firmen meist eine höhere Verschuldung auf, die anstehenden Refinanzierungen werden teurer. Gehypte Aktien wie Tesla, Peloton und Zoom rauschten auf Sicht von vier Wochen um 20 bis 30 Prozent abwärts und erreichen langsam wieder ein Niveau, auf dem Schnäppchenjäger aktiv werden können.

An den langfristigen Trends hat sich nichts verändert, für Anleger besteht somit kein Grund, nervös zu werden. Vor allem Langfrist-Anleger, die regelmäßig in den Aktienmarkt über ETF-Sparpläne investieren, profitieren jetzt. Schwankungen an den Börsen gehören dazu und kommen einem ETF-Sparplan-Anleger durch den Cost-Average-Effekt (Durchschnittskosteneffekt) sogar entgegen: Bei hohen Kursen werden weniger Anteile erworben, bei fallenden Kursen erhält der Investor für den gleichen Betrag mehr Anteile.

Thomas Meyer zu Drewer, Leiter öffentlicher Vertrieb bei Lyxor ETF Deutschland, empfiehlt, bei Sparplänen Ruhe zu bewahren und diszipliniert vorzugehen: "Die Erfolgsgeheimnisse hinter ETF-Sparplänen sind die Regelmäßigkeit, die geringen Kosten, der Durchschnittskosteneffekt und die selbst auferlegte Spardisziplin." Darüber hinaus ermöglichen ETFs eine breite Streuung in einen Markt, was gleichzeitig das Einzelrisiko abschwächt.

Dennoch sollten sich Anleger speziell die Corona-Verlierer anschauen. Wer das Risiko nicht scheut, kann in Restaurant-Betreiber, Fluggesellschaften, Casinos, Hotels oder den Einzelhandel in den USA investieren, denn dort zeichnet sich ein Konsum-Boom ab.

Bei den Technologietiteln wird die Branchenrotation hingegen wahrscheinlich weiterhin für Volatilität sorgen. Davon profitieren Discount-Zertifikate, die oft ein besseres Chance-Risiko-Verhältnis haben als ein direkter Aktienkauf. So bietet etwa das Discount-Zertifikat mit der WKN KB388A (Citigroup) bei einer Laufzeit bis Mitte Dezember 2021 eine Maximalrendite von fast 10 Prozent im Jahr, wenn der Nasdaq 100 im Dezember nicht unter 12.500 Punkte notiert. Der Puffer bis dahin beträgt somit rund drei Prozent. Verluste, die allerdings im Discount-Zertifikat geringer ausfallen als in der Aktie selbst, entstehen, wenn der Nasdaq um 11 Prozent oder mehr einbricht. Eine Alternative ist das vergleichbare Papier mit der WKN SB2YG1 (Société Générale), das ebenfalls bis Dezember 2021 läuft.

Benjamin Feingold betreibt das Börsenportal Feingold Research.

Dieser Beitrag stellt keinerlei Empfehlung zum Kauf oder Verkauf von einzelnen Aktien, ETFs, Zertifikaten oder anderen Anlageprodukten dar. Für die Richtigkeit der Daten wird keine Haftung übernommen.

Quelle: ntv.de

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