Wirtschaft
Lieber ohne Weste und Helm: Lütke Daldrup ist Manager, nicht Bauarbeiter.
Lieber ohne Weste und Helm: Lütke Daldrup ist Manager, nicht Bauarbeiter.(Foto: picture alliance / Jörg Carstens)
Samstag, 14. April 2018

Besuch am Pannen-Airport: "Der BER ist nur ein Betriebsunfall"

Von Diana Dittmer

Flughafenchef Lütke Daldrup verspricht: Der fünfte Eröffnungstermin im Oktober 2020 klappt. 39 von 40 Gebäuden sind fertig, beteuert er beim Rundgang am BER. Der Erfolg sei programmiert. Und das Chaos bald vergessen.

Engelbert Lütke Daldrup mag keine Sicherheitsweste und keinen Helm, wenn er Besucher durch sein Flughafengebäude führt. Nun, er kann es sich aussuchen. Er ist seit einem Jahr Chef des Pannenairports BER. Auf Fotos will er eben nicht wie ein Bauarbeiter dastehen.

Licht am Ende des Tunnels?: Blick durch die Scheiben des Hauptpiers hinaus zum Vorplatz.
Licht am Ende des Tunnels?: Blick durch die Scheiben des Hauptpiers hinaus zum Vorplatz.(Foto: Diana Dittmer)

"Mein Name ist Engelbert Lütke Daldrup und ich werde Ihnen heute die fertigen und fast fertigen Gebäude am neuen Hauptstadtflughafen präsentieren", verkündet der Hausherr vor ausländischen Journalisten. Er setzt auf Kommunikation. Nicht nur die Nation, die ganze Welt blickt mit Häme nach Berlin. Deutschlands Ansehen in Sachen Ingenieurskunst und Pünktlichkeit hat durch den BER schwer gelitten. Der Flughafen "besudele den guten Ruf Berlins!", er "mache die Hauptstadt zu einer Lachnummer", höhnt der britische "Telegraph" zum Beispiel.

Lütke Daldrup hat deswegen nur ein Ziel: "Das Ding muss fertig werden. Das ist meine Mission", sagt er. Eigentlich will er aber noch viel mehr: Er will die Welt davon überzeugen, dass der BER doch noch eine Erfolgsgeschichte wird. Doch dafür braucht es viel Geduld und Spucke.

Insgesamt fünf Mal wurde die Eröffnung verschoben. Es gab Probleme mit der Brandschutzanlage, den Türen, Sprinkler- und Lichtanlagen, Firmen gingen pleite. Die Kosten explodierten, die Chefs kamen, plagten sich mit dem, was ihre Vorgänger hinterlassen hatten - und gingen wieder. Der BER versank im Planungschaos. Lütke Daldrup ist inzwischen der vierte an der Spitze, der für das Pannenprojekt wirbt.

Jetzt endlich befinde sich das Bauprojekt in "sicheren Bahnen", verspricht Lütke Daldrup. Man habe den Partnern des BER neue Verlässlichkeit demonstriert. Das Pier Süd sei fertig und die Erfahrungen helfen, das größte Problemkind des BER, das Hauptpier, fertigzustellen. Seit neun Monaten ist der Airport im Testmodus: Techniker prüfen die Anlagen auf ihre Funktionsfähigkeit. Insgesamt 39 von 40 Gebäuden seien fertig.

"Im Oktober 2020 wird es klappen", verspricht Lütke Daldrup. Der Eröffnungstermin sei diesmal belastbar, weil er "unternehmerisch entschieden" worden sei. Man lasse sich "nicht mehr von Wünschen oder Projektionen leiten", erklärt der ehemalige Stadtplaner. Das sei der Unterschied zu seinen Vorgängern.

Geister-Hallen und Dübel-Kolonnen

Die VIP-Lounges am Pier Süd, im Chillout-Design mit braunem Flokati-Teppichen, Gardinen und großen bequemen Sesseln in passenden Stoffbezügen, wo der Rundgang beginnt, warten schon lange auf Reisende. An einer Wand muss noch nachgebessert werden. Hier hängen nur noch die nackten Monitorhalter. Sie haben kürzlich das Zeitliche gesegnet, bevor auch nur ein Passagier eine Fluginformation auf ihnen gesucht hat. 

"Haben Sie die weggeworfen?", will einer aus der Gruppe wissen. "Hier wird nichts weggeworfen. Hier wird nur noch gewartet, so wie üblich bei Großbauten", lautet die Antwort. Der Ton klingt etwas zu barsch. Aber Wartung passt. Nach Baustelle sieht es hier tatsächlich nicht mehr aus.

Kein Kunst am Bau, aber die schwarzen Klappen an der Decke könnten trotzdem Deko sein.
Kein Kunst am Bau, aber die schwarzen Klappen an der Decke könnten trotzdem Deko sein.(Foto: Diana Dittmer)

Die Räume und Gänge auf dem Rundweg von Pier Süd zum Hauptpier wirken als wurden sie eilig evakuiert. Kein Arbeiter weit und breit. Von der Decke hängen schwarze Klappen, die den Blick ins Innere der Deckenkonstruktion freigeben, sie sollen noch anderthalb Jahre offenstehen. Eigentlich sieht es so aus, als seien sie Kunst am Bau. Sind sie aber nicht. Wenn die Kabelarbeiten beendet sind, werden sie geschlossen, heißt es.

Was noch an konkreten Arbeiten am BER zu erledigen sei, fragt jemand. Da seien zum Beispiel Plastikdübel, die in Metalldübel getauscht werden müssten, antwortet der 61-Jährige sparsam  - auch etwas lustlos. Mit technischen Details will sich Lütke Daldup offenbar nicht mehr aufhalten. Das waren die Themen vor einem Jahr. Jetzt sind die Behörden am Zug. Sie müssen die Installationen abnehmen. Wird etwas bemängelt, wird nachgebessert. "Beim BER schaut man etwas genauer hin", warnt der Flughafenchef. Trotzdem ist er zuversichtlich, dass alle Genehmigungen in der vorgesehenen Zeit erteilt werden.

Und wenn doch was funktioniert ...?

Passend zur Zuversicht, geht er schnell und dabei fast lässig. Sorgen hat er nicht, glaubt man seinem Gang. Er gibt den Hausherrn, aber er hält Distanz zum Pannen-Bau. Es ist ja auch nicht seine verkorkste Geschichte. Der Tross hinter ihm wird derweil immer länger. Sportlich hüpft er auf ein Passagierlaufband, das nicht in Betrieb ist. Dort schlendert er entlang, während die Journalisten artig nebenherrennen, als wollten sie dem Laufband nicht so recht trauen. Es könnte sich ja doch plötzlich in Bewegung setzen. Der Hausherr weiß es besser. Zumindest ein Kameramann erkennt die Gunst der Stunde und rennt vorneweg, um ihn schnell noch abzulichten.

Der Flughafenchef weiß sich in Szene zu setzen. In dem Punkt erinnert er an Hartmut Mehdorn, den zweiten BER-Chef. Allerdings hat Lütke Daldrup nicht so viel von einem Haudegen wie sein Vor-Vorgänger. Keile gegen Aufsichtsrat und Eigner gibt es bei ihm nicht. "Wir haben eine Gesellschafterstruktur, die angemessen ist", bekundet er pflichtschuldig. Provozieren lässt er sich nicht. Er schürt keine Feuer, er erstickt sie.

BER-Chef Engelbert Lütke Daldrup strotzt vor Zuversicht.
BER-Chef Engelbert Lütke Daldrup strotzt vor Zuversicht.(Foto: Diana Dittmer)

Auch die Vergangenheit interessiert ihn nicht. "Ich bin für die Zukunft zuständig", sagt er. Ein bisschen Kritik kann ihm ein Schweizer Reporter dann aber doch noch abringen. "Was können die Deutschen denn nun aus dem Projekt lernen?", will er wissen. Der Flughafenchef kann ein kleines Stöhnen nicht verbergen: "Wir wollen in Deutschland die höchsten Standards haben und meinen, Gutgemeintes zu addieren, bringe das Beste hervor. Aber Einzelinteressen zu bedienen, hilft nicht. Wir müssen einen gesamtheitlichen Blick lernen."

Mittagessen mit Aussicht

Plötzlich tauchen doch noch drei Dutzend Arbeiter auf. Sie haben Mittagspause. Es ist viertel vor zwölf. Sie sitzen an Klapptischen entlang der großen Panoramascheiben mit Sicht aufs Rollfeld. Als der Chef mit dem Besuchertrupp im Schlepptau näherkommt, ist es allen kurz peinlich. Der Pressesprecher rettet die Situation: "Mahlzeit". Der BER-Chef lobt ihn: "Gut gemacht".

Wohler fühlt sich der Hausherr im menschenleeren Hauptpier mit der riesigen Einkaufslandschaft. Das Hauptpier ist die Mutter aller Terminals, ein Multitasking-Wunder, aber auch der Albtraum aller Techniker. Quer über dem Eingang schwebt in fast 30 Meter Höhe ein großes rotes Netz. Es soll einen fliegenden Teppich darstellen - diesmal echte Kunst am Bau. Es soll eine Einladung für die Reisenden sein, abzuheben. Die Löcher im teppich scheinen symptomatisch.

1000 Flugabfertigungen soll es pro Tag geben, wenn der BER 2020 ans Netz geht. Mit nur drei Rolltreppen kommen Reisende vom unterirdischen Bahnhof zum Check-in. Bahnen aus der Innenstadt werden sie im Viertelstundentakt ausspucken. Wie der Ernstfall funktioniert, wird man sehen.

Schon bei seiner Eröffnung könnte der Flughafen wieder zu klein sein. Ab diesem Jahr wird ein kleines Zusatz-Terminal gebaut. Im Jahr 2021 soll der Airport bereits Kapazitäten für 33 Millionen Passagiere haben. "Wir haben dazugelernt", sagt Lütke Daldrup. "Wir wollen nicht mehr so komplex, sondern in einfachen Strukturen bauen." 

Neue BER-Logik

Alle kritischen Nachfragen kontert Lütke Daldrup mit Optimismus: "Der BER ist eine Erfolgsgeschichte. Die gute Nachricht ist: Der Flugverkehr in Berlin ist erfreulich gewachsen." Der Sprecher des BER-Partners Touristik & Corporates pflichtet dem Flughafenchef bei: "Berlin hat eine große Comeback-Story. Der BER ist nur ein Betriebsunfall in der Comebackstory."

Es ist die BER-eigene Logik: Klappt es mit der Eröffnung 2020, wird kein Hahn mehr danach krähen, was vorher war. Der Flughafen wird eine Erfolgsgeschichte, nicht weil er so grandios geplant, gebaut und gemanagt wurde, sondern gerade wegen all seiner Probleme. Ein Totschlagargument. Gleichzeitig kostet jeder weitere Tag, den der Flughafen stillsteht, den Steuerzahler immer noch bis zu einer Million Euro.

Ob er Angst vor der neuen Konkurrenz hat, will ein Korrespondent wissen. In der Nähe von Warschau ist ein großes Hub für die Luftfahrt geplant. Lütke Daldrup sieht auch dem gelassen entgegen. "Ich wünsche allen, die einen Flughafen bauen, viel Erfolg."

Bilderserie

Quelle: n-tv.de