Wirtschaft
Die iranische Industrie benötigt zur Modernisierung dringend Kapital und Knowhow von ausländischen Investoren - doch die bleiben weg.
Die iranische Industrie benötigt zur Modernisierung dringend Kapital und Knowhow von ausländischen Investoren - doch die bleiben weg.(Foto: picture alliance / dpa)
Mittwoch, 03. Januar 2018

Experte zu Irans Wirtschaft: "Der Iran erlebt Boom und Krise zugleich"

Die massiven Proteste im Iran entzünden sich auch an der prekären Wirtschaftslage. Robert Espey, Mitarbeiter der deutschen Außenwirtschaftsförderung in Teheran, erklärt im Interview mit n-tv.de, wieso das Land trotz traumhafter Wachstumszahlen in der Krise steckt und was er deutschen Firmen im Land rät. 

n-tv.de: Im vergangenen Jahr (nach iranischem Kalender) wuchs das iranische Inlandsprodukt um sagenhafte 12,5 Prozent, gleichzeitig erreichen uns Berichte, nach denen die Bevölkerung unter einer Wirtschaftskrise leidet. Wie steht es tatsächlich um die Wirtschaft im Iran?

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Robert Espey: Beides ist richtig. Der Iran hat einen Boom erlebt und gleichzeitig die allgemeine Wirtschaftskrise noch nicht überwunden. Das enorme Wachstum des vergangenen Jahres stammt hauptsächlich aus dem Ölsektor. Nach dem Atomdeal und dem Wegfall der internationalen Sanktionen vor zwei Jahren konnte der Iran den Ölexport wieder ausweiten, was zu einem riesigen, aber nur einmaligen Effekt auf das Bruttoinlandsprodukt führte. Auch die mit der Ölförderung zusammenhängende Petrochemie und die Autoindustrie kamen wieder etwas auf die Beine. Der Rest der Wirtschaft wächst allerdings kaum. Die Investitionen, sowohl von privaten Unternehmen als auch des Staatssektors, sind auf ein historisch niedriges Niveau gesunken. Das von der Regierung ausgerufene Ziel von je rund acht Prozent Wachstum in den kommenden Jahren scheint derzeit unerreichbar.

Wieso profitiert das Land nicht von der Wiederbelebung der Ölindustrie?

Der Ölsektor ist einerseits relativ isoliert vom Rest der Wirtschaft. Zudem sind die Exporteinnahmen nicht so bedeutend, wie sie vielleicht erscheinen. Der Iran ist ein großes Land mit einem großen Staatshaushalt. Außerdem muss ein großer Teil der Öleinnahmen in die Branche reinvestiert werden, um die Branche zu modernisieren und die Förderkapazität aufrechtzuerhalten.

Nach dem Ende der Sanktionen hatte der Iran auf eine Öffnung und Modernisierung der gesamten Wirtschaft gehofft. Warum blieb die bisher aus?

Die Wirtschaft leidet nach wie vor an massiven Strukturproblemen. Präsident Hassan Ruhani versucht, die Wirtschaft zu liberalisieren und etwa Privatisierungen voranzutreiben. Doch das findet oft nur auf dem Papier statt. Staatliche oder halbstaatliche Organisationen wie die Armee oder die Revolutionsgarden lassen sich ihren Einfluss auf die Wirtschaft nicht nehmen. Auch der Bankensektor müsste nach Jahren der internationalen Isolation aufgrund der Sanktionen grundlegend reformiert werden. Doch dieser Prozess kommt nur langsam voran. Die Regierung hatte darauf gesetzt, dass ausländische Investoren Kapital und Knowhow ins Land bringen und wichtige Wirtschaftszweige modernisieren. Die Bevölkerung verliert die Hoffnung auf die Realisierung dieses Plans. 

Robert Espey beobachtet in Teheran für die deutsche Außenwirtschaftsförderung Germany Trade and Invest die Entwicklung der iranischen Wirtschaft.
Robert Espey beobachtet in Teheran für die deutsche Außenwirtschaftsförderung Germany Trade and Invest die Entwicklung der iranischen Wirtschaft.

Woran ist dieser Plan gescheitert?

Die internationalen Sanktionen gegen den Iran wurden zwar nach dem Atomabkommen aufgehoben. Die USA haben aber weiter unilaterale Sanktionen in Kraft. Das schreckt viele Unternehmen davon ab, im Iran zu investieren. Vor allem internationale Banken wollen keine Irangeschäfte finanzieren. Das hängt auch mit der Rolle des Staates und den oft undurchschaubaren Eigentumsverhältnissen im Iran zusammen. Investoren oder Banken fürchten, unabsichtlich in Geschäfte etwa mit den Revolutionsgarden verwickelt zu werden. Das Risiko, dafür von den USA bestraft zu werden, ist zu groß. Die Rhetorik von US-Präsident Trump, der das Atomabkommen ablehnt, verunsichert Investoren zudem weiter.

Wie wirkt sich die schlechte Wirtschaftslage auf die Bevölkerung aus?

Mit dem Atomabkommen war den Iranern ein Aufschwung versprochen worden. Stattdessen will nun der Staat Subventionen kürzen, während die Löhne real seit Jahren nicht mehr gestiegen sind. Viele Familien müssen sich genau überlegen, ob sie etwa noch Fleisch einkaufen können. Preissteigerungen treffen diese Menschen hart.

Wie könnte die iranische Führung die Wirtschaftslage verbessern?

Der mit Abstand wichtigste Punkt ist Transparenz. Die undurchsichtige Struktur der Wirtschaft und der Einfluss staatlicher Akteure bremsen das Wachstum und schrecken Investoren ab. Leider ist eine grundlegende Änderung hier kaum zu erwarten. Die Regierung wird bei Reformen von der Obersten Führung gebremst.

Was raten Sie aktuell deutschen Unternehmen, die im Iran tätig sind oder sich dafür interessieren?

Noch ist es zu früh, auf die aktuellen Ereignisse zu reagieren. Die im Land tätigen ausländischen Unternehmen sind von den Unruhen bisher nicht in besonderer Weise betroffen. Generell gilt nach wie vor, dass der Iran für deutsche Unternehmen in einigen Bereichen großen Chancen bietet. Aber jedem muss klar sein, dass bei der derzeitigen politischen Konstellation die Entwicklungsmöglichkeiten des Landes insgesamt stark begrenzt sind.

Mir Robert Espey sprach Max Borowski

Quelle: n-tv.de