"Überversorgung im Juli"Der neue Tankrabatt kommt aus Teheran

Statt Knappheit bald Überfluss? Nach der Öffnung der Straße von Hormus dürfte neben Lieferungen aus der Golf-Region auch iranisches Öl auf den Weltmarkt strömen. Die Ölpreise gehen kräftig zurück.
Der globale Ölmarkt ist seit jeher ein sehr unberechenbares Terrain. Doch das, was sich in den vergangenen Monaten dort abspielte, ist auch für diese Branche eher ungewöhnlich. Nachdem die USA Ende Februar gemeinsam mit Israel den Iran angegriffen hatten, häuften sich die Warnungen vor astronomisch steigenden Preisen. 150 Dollar, gar 200 Dollar für das Barrel (1 Barrel=159 Liter) wurden vorhergesagt.
Auch von substanziellen Lieferausfällen war die Rede. Mit entsprechenden Folgen für Raffinerien, Fluggesellschaften und die Chemieindustrie. Die Bundesregierung sah sich in der Pflicht, einen Tankrabatt zu finanzieren, aus Furcht vor wütenden Autofahrer-Wählern.
Nun aber, angesichts des Abkommens, das die USA und der Iran aller Voraussicht nach schließen werden, sieht es so aus, als stehe den Deutschen eine ganz andere Art von Tankrabatt ins Haus. Alles sieht danach aus, dass es bald eher zu viel als zu wenig Rohöl auf den Weltmärkten geben wird. Die Internationale Energieagentur (IEA) schreibt in ihrem neuesten Ölmarktbericht, der die Gespräche zum Vertragsabschluss mit dem Iran schon berücksichtigte: "Ein erster Blick auf die Bilanzen für 2027 lässt erkennen, dass sich im nächsten Jahr ein erheblicher Überschuss abzeichnet." Während die Nachfrage nur um etwa zwei Mio. Barrel pro Tag zulegen werde, steige das Angebot an Öl absehbar um das Vierfache dieser Menge.
Bei der Energieberatung Rystad Energy, einem der renommiertesten Beobachter der Branche, rechnet man sogar noch deutlich früher mit einem solchen Effekt. Man gehe davon aus, dass die "Märkte im Juli zu einer Überversorgung zurückkehren", schrieben die Analysten in ihrem eigenen Bericht zum Ölmarkt.
"Verhaltene Nachfrageerholung"
Schon jetzt zeigt sich ein deutlicher Preisverfall: Nachdem der Preis für die Referenzsorte Brent im März auf mehr als 110 Dollar geschossen war, liegt er nun nur noch bei knapp 78 Dollar. Auch an den deutschen Tankstellen zeigt sich das. Laut dem Portal clevertanken.de liegt der Preis für einen Liter Super E10 im Durchschnitt der größten deutschen Städte nur noch bei 1,82 Euro - nach 2,18 Anfang April. Darin fallen auch die 17 Cent Tankrabatt der Bundesregierung, der am 1. Juli endet. Doch das Ausmaß des Preisverfalls ist deutlich größer.
Zudem ist es denkbar, dass die globalen Kosten für den Rohstoff noch weiter zurückgehen. Die Experten von Rystad weisen darauf hin, dass es zwar zu einem beträchtlichen Lieferausfall aus dem Nahen Osten kam, weil der Iran die Straße von Hormus blockierte. Allerdings steigerten sowohl die USA als auch lateinamerikanische Staaten wie Brasilien ihre Produktion, was den Druck abmilderte.
Nun könnte auch aus den Emiraten und Saudi-Arabien innerhalb weniger Wochen wieder mehr Öl fließen. Hinzu kommt, dass im Rahmen des Abkommens auch Lieferungen aus dem Iran wieder auf den gesamten Markt drängen könnten - und nicht nur in die Länder, die sich an den Sanktionen nicht beteiligt hatten. "Sollte das Abkommen Bestand haben, dürften sich die Exporte und die Produktion aus der Golfregion allmählich erholen - nicht zuletzt, weil die iranischen Ölexporte wieder in vollem Umfang aufgenommen werden können", schreibt die IEA.
Bei Rystad ist von einer "deutliche Rückkehr zum Versorgungsniveau der Vorkriegszeit" die Rede, "verbunden mit einer eher verhaltenen Nachfrageerholung".
Mehr E-Autos, mehr Wärmepumpen
Denn das ist der dritte Effekt, der auf die Preise drücken dürfte: Vor allem in Asien aber auch in Europa hat der Krieg dazu geführt, dass die so genannte Elektrifizierung rascher voranschreitet: Die Verkäufe von Elektroautos nehmen zu, und auch der Absatz von Wärmepumpen als Heizlösung steigt. Beides sind Anwendungen, die zumindest nicht unmittelbar auf fossile Brennstoffe angewiesen sind, sondern auch mit lokal erzeugtem Strom aus Erneuerbaren oder Kernenergie betrieben werden können.
Ob die alte Nachfrage wiederkehrt, ist daher völlig unsicher. Natürlich könne die Entwicklung sich in "niedrigeren Preisen für Raffinerieprodukte niederschlagen und damit zu einem Anstieg der Nachfrage führen", heißt es bei Rystad. "Dennoch erschwert der anhaltende Wandel weg von Kohlenwasserstoffen einen deutlichen Anstieg der Nachfrage nach Raffinerieprodukten."