Wirtschaft

Hyperinflation in Venezuela Die 1.000.000-Prozent-Katastrophe

RTX476J8.jpg

(Foto: REUTERS)

Hunger, Flucht, Abhängigkeit: Die Hyperinflation zersetzt Venezuela. Wenn das System vor dem Zusammenbruch steht, dann ist Vertrauen die wertvollste Währung.

An einem Sonntag im Mai, der Präsidentschaftswahl in Venezuela, habe ich Glück. Eine Bekannte hat mir eine Whatsapp-Nummer gegeben. Die Person dahinter soll ein Paypal-Konto im Ausland haben und mir Geld in der Landeswährung auf ein venezolanisches Konto überweisen können.

"Hallo Juan, wie geht's? Ich bin Roland, ein Freund von Alejandra. Sie sagte, Du könntest helfen und mir Dollar in Bolívar tauschen?"

"Hallo, Roland, wie geht's? Ja, wie viel brauchst Du? Ich wechsle über Bank of America oder Paypal. Du kannst es mir überweisen. Die Bolívares werden per Banesco geschickt."

(Banesco ist die größte Privatbank Venezuelas. Viele Transaktionen werden über ihre Girokonten abgewickelt.)

"150 Dollar. Meine Kontonummer ist 12345678901234567890*, Inhaber María López*, Personalausweisnummer 12345678*. Wie viel zahlst Du?"

(Die Frau des Bruders einer Freundin hat mir ihre Bankkarte überlassen. Ich habe die Frau noch nie gesehen. Ich habe auch keinen Online-Zugang zum Konto. Ich habe bloß die Angaben, um Geld dorthin zu überweisen und mit der Karte zu bezahlen.)

"850.000 je Dollar. Schick das Geld an rodrigo@yahoo.com* und mir einen Screenshot."

"950?"

"Gut, 890. In ein paar Minuten schicke ich Dir eine Bestätigung deiner Bolívares."

(Fast eine Stunde vergeht.)

"Fertig. Entschuldige die Verzögerung, die Website von Banesco war langsam."

(Womöglich hat Juan* durch diese Verzögerung Geld verdient, weil er auf einen günstigeren Wechselkurs gewartet hat.)

"Super, vielen Dank."

"Kein Problem. Einen schönen Tag noch."

Weder Alejandra* noch ich hatten Juan* zuvor gesehen, nie mit ihm gesprochen. Aber ich habe auf sein Geheiß hin Geld auf ein unbekanntes Konto mit anderem Namen meine Dollar überwiesen und dafür wiederum von einem anderen Bolívares erhalten. So funktioniert Alltag in Venezuela für jene, die Devisen haben oder wollen. Gemessen am Dollar hatte der Bolívar wegen der Hyperinflation allein während meines zweiwöchigen Aufenthalts im Mai fast 30 Prozent seiner Kaufkraft eingebüßt. Mir wurde geraten, etwa alle drei Tage neu zu tauschen, um nicht zu viel Verlust hinnehmen zu müssen.

Der Internationale Währungsfonds IWF beschreibt die Situation in Venezuela als "ähnlich wie Deutschland 1923 oder Simbabwe in den späten 2000er Jahren" - und hat die erwartete Inflation für dieses Jahr symbolisch auf 1 Million Prozent gesetzt. Der Unterschied des Schwarzmarktwerts zum offiziellen Kurs der Venezolanischen Zentralbank BCV ist extrem: mehr als 31-fach. Anfang des Jahres zahlte die BCV für einen Dollar noch 10 Bolívar, bei einem durchschnittlichen Schwarzmarktkurs von knapp 120.000.  Derzeit zahlt sie 172.800 Bolívares, aber auf der Straße bekommt man im Schnitt rund 3,7 Millionen Bolivares.

"Noch nicht mal eine Mango"

Mehr als 80 Prozent der Venezolaner gelten als arm, und ein Drittel der Bevölkerung isst zwei oder weniger Mahlzeiten am Tag. Es gibt Menschen, die wegen an Mangel- und Unterernährung sterben. Der Alltag ist dramatisch. "Ich habe noch nicht einmal mehr eine Mango", heißt es in vielen Teilen Lateinamerikas, wenn man keinen Centavo mehr hat. Es gibt in Venezuela Menschen, die nur Mangos essen, weil die Früchte so günstig sind; das Einzige, was sie bekommen können. Ein monatlicher Mindestlohn ist derzeit rund 1,50 Dollar wert. Das reicht für ein halbes Pfund Butter oder zwei Tassen Kaffee mit Milch. In Caracas' Zentrum gibt es Bäckereien, die über Wochen dieselbe Ware in die Auslage legen, um den Schein zu wahren.

Für manche Familien bestehen die Tage aus der Suche nach einer überlebenswichtigen Arznei für einen Angehörigen. Medizin ist gemessen an den Löhnen unbezahlbar teuer. Jeden Tag fliehen Zehntausende zu Fuß über die Grenzen, vor allem in Richtung Kolumbien. Die dortige Grenzstadt Cúcuta hat auf dem Schwarzmarkt einen eigenen Wechselkurs für Bolívar. All das macht die Hyperinflation. Sie zersetzt eine Gesellschaft.

Jegliches Bargeld ist kostbar und endlich. Ausländische Kreditkarten werden nur vereinzelt akzeptiert, und wer sie benutzt, bezahlt ebenfalls den offiziellen Wechselkurs. Deshalb war ich so froh, dass ich mein ausländisches Geld elektronisch in den Schwarzmarktkreislauf bekommen hatte. Wer nach Venezuela einreist, braucht eine Menge kleiner Dollarscheine, ein Handy mit Internetzugang, ein nationales Bankkonto – und, das wichtigste, Kontakte. Egal, worum es geht, es ist fast immer nötig, jemanden "de confianza", eine vertrauenswürdige Person zu kennen: Geldwechsler, Taxifahrer, oder einfach nur jemanden, der genau weiß, zu welcher Mittagsstunde eine Straße als einigermaßen sicher gilt. Wenn das System vor dem Zusammenbruch steht, ist Vertrauenswürdigkeit die wertvollste Währung. Das macht Hyperinflation. Sie spinnt soziale Netzwerke.

Regierung streicht Nullen

Weil die Gehälter in Venezuela nicht reichen, um Lebensmittel zu kaufen, werden auch Devisen ins Land gebracht. Wie viele davon bar oder indirekt durch Tauschgeschäfte online, ist nicht zu beziffern. Der Tauschweg über Paypal oder ein ausländisches Bankkonto ist häufig nicht möglich. Das wissen auch die Soldaten an den Flughäfen, die ebenfalls unter der Hyperinflation und der Krise leiden. Also heißt es: Dollarscheine im ganzen Handgepäck verstreuen, so ist der Schaden womöglich geringer. Das machen auch die Venezolaner so, die Devisen mit ins Land bringen für ihre Familien, und freimütig davon erzählen.

Bargeld ist so gut wie verschwunden, weil es unmöglich ist, genügend aufzutreiben, um mehr als Kleinigkeiten zu bezahlen. Schlangen bilden sich nur dort, wo auch "en punto" bezahlt werden kann, also per Karte. Aber wenn der Strom ausfällt, steht so gut wie alles still. Auch das macht die Hyperinflation: abhängig.

Das hat weitreichende Auswirkungen, etwa für den Verkehr: In der Metro von Caracas wird nicht kontrolliert. Es hat ohnehin fast niemand das Bargeld, um ein Ticket zu kaufen. Außerdem wäre das Papier des Fahrscheins teurer als der Tarif. Also ist Bahnfahren de facto gratis. Busse fahren wegen fehlender oder zu teurer Ersatzteile kaum. Noch wird Benzin fast verschenkt, derzeit kosten 3 Millionen Liter umgerechnet einen US-Dollar. Bald sollen die Preise steigen und die Abgabe reglementiert werden, um Schmuggel zu verhindern. Wer ein fahrendes Auto hat, kann sich glücklich schätzen. Ein Autoreifen beispielsweise kostet rund 50 Dollar. Dafür müsste jemand mit Mindestlohn fast drei Jahre arbeiten. Deshalb sind auf den Straßen auch immer wieder aufgebockte Autos zu sehen, denen die Räder fehlen.

Im Alltag haben viele Venezolaner schon ihr eigenes Mittel gegen die Hyperinflation, sie lassen im Sprachgebrauch drei Nullen einfach verschwinden. Wer Tausend sagt (mil), meint häufig Millionen (millones). Nun will die venezolanische Regierung am 20. August direkt fünf Nullen streichen. Das ist ein kosmetischer Rettungsversuch, es soll dann auch neue Scheine geben. Der Bolívar wird zum "Bolívar Soberano" und an die staatliche Krypto-Währung Petro gekoppelt. Zudem sollen staatliche Wechselstuben öffnen und die Devisen so in offizielle Kanäle lenken.

*Namen und Angaben von der Redaktion geändert

Quelle: n-tv.de

Mehr zum Thema