Wirtschaft

Droht auch noch Personalnot? Die Bahn hat viel Geld, aber wenig Plan

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Gleisbau-Auszubildende bei der Arbeit. In den kommenden Jahren braucht die Deutsche Bahn viel Personal.

(Foto: picture alliance / dpa)

Die Deutsche Bahn will und muss in den nächsten Jahren viel Geld investieren, um das Schienennetz auf Vordermann zu bringen. Aber es gibt ein paar Probleme: Dem Staatskonzern gehen angeblich die Mitarbeiter aus. Und dazu lähmt die Bürokratie.

Mehr als 150 Millionen Reisende haben im vergangenen Jahr die Züge der Deutschen Bahn benutzt. Diesen Rekord wird sie im Corona-Jahr nicht toppen, langfristig aber soll es hoch hinausgehen. Die Bundesregierung will die Zahl der Zugreisenden bis 2030 fast verdoppeln, das gibt der "Schienenpakt" vor. Doch möglicherweise hat sie die Rechnung ohne die Bahn gemacht. Der Konzern scheint jedenfalls noch nicht ausreichend gerüstet zu sein, um die ehrgeizigen Ziele auch umzusetzen.

Sorgen bereitet derzeit vor allem die teilweise marode Infrastruktur. Um die auf Vordermann zu bringen, stellt der Bund für die nächsten zehn Jahre 156 Milliarden Euro zur Verfügung. An Geld mangelt es also nicht, möglicherweise aber bald an Mitarbeitern: Bis 2030 sollen allein bei der für Neu- und Ausbau zuständigen DB Netz AG 86 Prozent der Belegschaft in Rente gehen, hatte das "Handelsblatt" zuletzt berichtet.

"Das ist die Folge von vielen Jahren des Sparens. Man hat kein neues Personal eingestellt, folglich steigt die Überalterung", sagt Lukas Iffländer, stellvertretender Bundesvorsitzender des Fahrgastverbands Pro Bahn, im ntv-Podcast "Wieder was gelernt". "Wir haben gerade bei der Infrastruktur auch vielerorts alte Technik. Die Stellwerke sind zu Zeiten von Kaiser Wilhelm gebaut worden. Und wenn ich jetzt einem jungen Menschen versuche, einen Job schmackhaft zu machen, bei dem man am Tag acht Hebel bewegt, wird das schwierig. Mit digitalen Stellwerken lässt sich die Jugend besser für solche Jobs gewinnen."

Jeder zweite Mitarbeiter geht in Rente

Junge Menschen wären in der Tat wichtig, um die nahende Rentenwelle einzufangen. 86 Prozent der Belegschaft bei der DB Netz AG entsprechen etwa 39.000 Mitarbeitern. Laut "Handelsblatt" sind jedoch nur 36.500 Neueinstellungen vorgesehen.

Die Deutsche Bahn selbst weist diese Berichte zurück. Die veröffentlichten Zahlen würden aus einer Übersicht aus 2019 stammen und seien von keinem Gremium so beschlossen worden. "Die aktuelle Planungsrunde für 2021 läuft noch und wird erst Ende dieses Jahres mit der Beschlussfassung im Aufsichtsrat abschlossen sein. Es gibt bisher keine konkreten Zahlen", teilt eine Bahnsprecherin auf Anfrage von ntv.de mit. Der Konzern dreht den Spieß lieber um, spricht von einer "Einstellungsoffensive auf hohem Niveau, auch während der Corona-Krise". In den nächsten zehn bis zwölf Jahren würden konzernweit "rund die Hälfte" der aktuell 214.000 Mitarbeiter in Rente gehen, heißt es. "In den kommenden Jahren plant die DB zugleich, rund 100.000 neue Kolleginnen und Kollegen an Bord zu holen."

Bei der DB Netz AG scheint man den Aderlass unter anderem mit einer Neustrukturierung auffangen zu wollen. Zum 1. Oktober sollen Geschäftseinheiten zusammengeführt und neu organisiert werden, geht aus einer Antwort der Bundesregierung auf eine kleine Anfrage der Grünen im Bundestag hervor. "Wir können natürlich hoffen, dass man wirklich mal neu angreift. Wenn ich aber an die bisherigen Jahre bei Pro Bahn zurückdenke, dann haben wir schon zu viele Neuorganisationen erlebt, die eigentlich nichts gebracht haben", kritisiert Fahrgastvertreter Iffländer. "Bisher haben wir bei der DB das große Problem, dass wir zu viele Häuptlinge und zu wenige Indianer haben. Es gibt also einen großen Wasserkopf."

Darüber hinaus bemängelt der Vize-Chef von Pro Bahn, dass die sogenannte Konzernumlage, die bei den Teil-Unternehmen anfällt, stetig steigt: "Die Kosten für den Wasserkopf steigen und es wird viel zu viel Verwaltung betrieben. Dadurch kommt am Schluss viel zu wenig Manpower an der Front an."

Mehr Investitionen, kaum mehr Leistung

Dass es etwas mitunter unübersichtlich wird, liegt an der Struktur des Konzerns. Die Bahn hat über 570 Tochterunternehmen. Darunter zum Beispiel die DB Fernverkehr AG, die für den Fernzug-Betrieb zuständig ist. Die DB Fahrzeuginstandhaltung für Material und Züge, die DB Dialog GmbH für die Kundenbeschwerden. Und eben auch die DB Netz AG. Diese Aufspaltung sorgt für einen Wust an Bürokratie und bringt hohe Kosten mit sich. Doch die großen Sprünge bleiben aus. Obwohl mehr investiert wird, stagniert die Betriebsleistung seit Jahren: 2009 lag sie bei einer Milliarde Trassenkilometern. Gleichzeitig wurden 6,5 Milliarden Euro investiert. Zehn Jahre später waren die Investitionen mit 12,7 Milliarden Euro fast doppelt so hoch. Die Betriebsleistung allerdings ist nicht einmal um 0,1 Milliarden Kilometer gestiegen.

Das deutsche Eisenbahnstreckennetz in Deutschland ist ungefähr 33.000 Kilometer lang, davon ist bislang aber erst weniger als die Hälfte saniert worden. "Die Deutsche Bahn hat vergangenes Jahr einen mittleren dreistelligen Millionenbetrag für die Infrastruktur nicht ausgeben können, weil die Ressourcen fehlen, um das zu verbauen und zu verplanen", moniert Fahrgastvertreter Iffländer den Modernisierungsstau auf der Schiene. Es mangele an Fachkräften, sagt der Pro-Bahn-Vize. "Wir haben viel zu viele Projekte, die eigentlich fertig geplant werden müssen, aber immer noch in der Planung hängen, weil wir zu wenige Planer haben."

Wie es besser geht, zeigen die Nachbarländer. Egal ob in der Schweiz, in Dänemark, Polen oder Tschechien - überall gehe es mit Modernisierungen und Aufrüstungen schneller voran, sagt Iffländer. "Wir sind so ziemlich die Rote Laterne, wenn man sich das anschaut. Die Schweiz hat, wohlgemerkt als Nicht-EU-Land, als erstes Land zu hundert Prozent das europäische Zugsicherungssystem ETCS eingeführt. In Deutschland sind erst ein paar Strecken ausgerüstet. Polen macht uns vor, wie es eigentlich gehen würde, die Belgier wollen bis Ende des Jahrzehnts fertig sein, die Niederländer und Dänen rüsten aus."

Immerhin hat die Bahn vor kurzem einen Nachwuchsrekord verkünden können. Über 4700 Azubis sind allein Anfang diesen Monats in ihre Ausbildung gestartet, so viele wie noch nie. Außerdem sollen alle Stellwerke bis 2035 digital umgerüstet werden. Bislang sollte die Umrüstung erst 2040 abgeschlossen sein. Die Bundesregierung fördert das mit einer halben Milliarde Euro zusätzlich aus dem Konjunkturpaket. An Geld mangelt es also weiter nicht. Jetzt müssen "nur" noch genügend Fachkräfte ausgebildet werden, der Konzern besser organisiert und im Idealfall auch die Bürokratie etwas gezähmt werden.

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Quelle: ntv.de