Wirtschaft

Stefan Riße im Interview "Die Inflation wird unser ständiger Begleiter"

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Einfach weg: Durch Inflation wird Geld entwertet.

Verbraucher in Deutschland spüren die Inflation sehr deutlich. Die Preise haben massiv angezogen, vieles ist teurer geworden. Die Sorge vor Geldverlust geht um, doch Kapitalmarktexperte und Buchautor Stefan Riße sieht in der Verteuerung auch Chancen.

ntv.de: Der Titel Ihres neuen Buchs lautet "Die Inflation kommt". Doch wer die Nachrichten verfolgt stellt fest: Die Inflation ist längst da und liegt mit 3,8 Prozent auf dem höchsten Wert seit 13 Jahren. Was sind die Treiber?

Buchautor und Kapitalmarktexperte Stefan Riße

Buchautor und Kapitalmarktexperte Stefan Riße

Stefan Riße: Zum einen haben wir aufgestaute Nachfrage durch Corona. Es gibt Dinge, wie Restaurantbesuche, Reisen oder Baumaßnahmen die Menschen während der Hochzeit der Pandemie nicht machen konnten. Das wird jetzt nachgeholt und da ist die Nachfrage dann natürlich besonders hoch. Zum anderen gab es, ganz Deutschland betrachtet, verhältnismäßig wenige Gehaltseinbußen, wodurch Leute Geld beiseitelegen konnten. Und das trifft jetzt aufeinander. Also pandemiebedingtes verringertes Angebot bei gleichzeitig ausbleibenden Gehaltseinbußen. Ein weiterer Treiber sind außerdem Lieferengpässe bei Rohstoffen wie Holz oder anderen Baustoffen und Metallen wie Kupfer. Das wird ja unter anderem für den Bau von E-Autos gebraucht. Wir sehen: Den einen Inflationstreiber gibt es gar nicht, sondern es ist in Zusammenspiel aus Vielem.

Der ein oder andere wird vielleicht schon bemerkt haben, dass zum Beispiel Tanken oder der Restaurantbesuch teurer geworden ist: Wo trifft uns Inflation im Alltag ganz konkret?

Gerade sehen wir die Verteuerung bei fast allem, was für uns als Verbraucher relevant ist. Das fängt an bei dem Restaurant um die Ecke. Das hat seine Preise vielleicht erhöht, weil es durch die Pandemie Personal verloren hat und nun die Löhne erhöhen muss, um wieder attraktiv zu werden. Dann sehen wir das aber auch bei Lebensmitteln oder beim Tanken. Die Spritpreise haben zuletzt massiv angezogen. Besonders stark merken wir Inflation gerade bei Baustoffen. Wir haben durch Corona eine extreme Störung der Lieferketten und extreme Knappheit zum Beispiel bei Holz. Dadurch wird das Wenige, was es am Markt gibt, natürlich begehrt und teuer. Und dann gibt es natürlich den Dauerbrenner Immobilien. Mieter werden es vielleicht schon bemerkt haben: Preissteigerung ist auch hier nichts Ungewöhnliches.

Die Notenbanken und auch die Politik behaupten ja, dass es sich bei der derzeitigen Verteuerung um kurzzeitige Basiseffekte handelt - etwa wegen der vorübergehend abgesenkten Mehrwertsteuer. Teilen Sie diese Einschätzung?

Nein, da widerspreche ich vehement. Wir werden aus den oben genannten Gründen langfristige Preissteigerungen sehen, das hat mit Kurzzeitigkeit nicht viel zu tun. Man kann Inflation ja nicht einfach so bekämpfen. Die Notenbanken haben in der Vergangenheit einen tollen Job gemacht: Zinsen runter, Geld ins System geben oder der Aufkauf von Anleihen. Dadurch hat sich aber die Verschuldung im Verhältnis zur Wirtschaftsleistung mehr als verdoppelt. Jetzt sind die Schuldenberge so groß, dass die Notenbanken die Zinsen keinesfalls so erhöhen können, dass sie Inflation bekämpfen können. Zinserhöhungen in homöopathischen Dosen sind vorstellbar, aber mehr nicht. Und deswegen haben die Notenbanken keine andere Wahl, als das alles schönzureden und darauf zu verweisen, dass das alles Basiseffekte sind. Die Inflation wird ein ständiger Begleiter werden.

Jetzt ist Inflation in der Öffentlichkeit ja immer negativ behaftet. Stecken in der Inflation nicht auch Chancen, zum Beispiel, dass sie Schuldner entlasten kann?

In der Tat ist Entschuldung durch Inflation eine große Chance. Das gilt im Übrigen nicht nur für Staaten, sondern auch für Privatmenschen, die Netto verschuldet sind. Denn durch Geldentwertung schrumpft ja der Wert von Forderungen. Profitieren können aber auch alle die in Sachwerte wie Aktien, Immobilien oder Gold investieren. Da sollten sich alle umsehen, ob es da jetzt nicht Investitionsmöglichkeiten gibt für den klassischen deutschen Sparer.

Sie selber haben ja vor einigen Jahren einen eigenen "Inflation Oppertunities" Investmentfonds aufgelegt und scheiterten mit einem Verlust von knapp 50 Prozent. Ist das Spiel mit der Inflation also auch für Experten gar nicht so einfach?

Ich habe in dem Fonds jetzt nicht speziell auf Verbraucherpreis-Inflation gesetzt, aber ich habe an den Aktienmärkten agiert, ähnlich wie ein Hedgefonds. Ich habe also gegen den Markt gewettet. Da war ich ein halbes Jahr zu früh und dann ziehen die Leute einem ja die Mittel ab. Da hab ich sicher einen Fehler gemacht. Aber: Ich habe die Konsequenz draus gezogen und der Sache ein klares Ende gesetzt.

Der Untertitel Ihres Buches ist" Wie Sie sich jetzt schon schützen"- Jetzt müssen Sie die Katze aber auch aus dem Sack lassen. Welche drei Tipps sollten Sparerinnen und Sparer jetzt beherzigen?

Wer sich das leisten kann und weiß, dass er jetzt lange an einem Ort bleibt, sollte sich eine Eigentumswohnung oder ein Haus zulegen. Das bleibt relativ wertstabil und schützt natürlich vor steigenden Mieten. Dann sind Aktien immer eine gute Anlagemöglichkeit. Dabei würde ich aber gar nicht auf spezielle Substanztitel oder Rohstoffe setzten. Breit gestreute und global agierende Aktienfonds oder ETFS reichen hier völlig aus. Außerdem würde ich diesem Portfolio so zehn maximal zwanzig Prozent Edelmetalle, vorzugsweise Gold, beimischen. Denn das hat am wenigsten Industrieabhängigkeit. Mit so einem Portfolio kommt man auf jeden Fall sehr gut durch die Inflation.

Mit Stefan Riße sprach Veit Schmelter

Quelle: ntv.de

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