Wirtschaft

Mammutaufgabe Wirecard-Prozess Die Schuldigen zu bestrafen, reicht nicht

Im Mammutverfahren zur wohl größten Bilanzfälschung der deutschen Wirtschaftsgeschichte will man die Verursacher zur Rechenschaft ziehen. Aber das ist nicht genug. Es müssen auch Konsequenzen gezogen werden. Um die Aktienkultur in Deutschland wieder zu stärken.

Weitere Märchenstunden in München? Nein, dieses Mal nicht. Die Staatsanwälte haben vorgesorgt. Über Jahre hinweg haben sie ermittelt. Die Anklageschrift umfasst 474 Seiten. Die Anklage gegen Markus Braun, den ehemaligen Vorstandschef des 2020 kollabierten Dax-Konzerns Wirecard, und von zwei Mitangeklagten hat es in sich: Bilanzfälschung, Marktmanipulation, besonders schwere Untreue und bandenmäßigen Betrug.

Braun ist für Beobachter das Gesicht des Skandals - trotz Unschuldsvermutung. Die Vorwürfe gegen ihn und zwei weitere Angeklagte wurden über Jahre gesammelt, ausgewertet und haarklein ausformuliert. Allein der Anklagesatz, der Teil der Anklage, der zum Prozessauftakt mündlich verlesen werden muss, umfasst knapp 90 Seiten. Für das Vorlesen wurden rund fünf Stunden taxiert.

Die Beweislast, die sich durch 450 Vernehmungen und rund 40 Durchsuchungen ergeben hat, muss erdrückend sein. Anders ist es kaum zu erklären, dass Braun rund zweieinhalb Jahre in Untersuchungshaft sitzt. Es wird zu klären sein, was Braun und die Mitangeklagten wussten und wann sie es wussten. Hat Braun von Anfang an nur gelogen? Und welche Rolle spielte sein untergetauchter Stellvertreter Jan Marsalek? Wurde Braun, den gewiefte Kommunikationsberater als Wiedergänger von Apple-Superhirn Steve Jobs zu positionieren versuchten, total überschätzt? Oder war er komplett unfähig und hat dummerweise alle Warnhinweise übersehen?

In dem Mammutverfahren geht es um viel mehr

In dem Verfahren im bombensicheren Gerichtssaal im Keller der Justizvollzugsanstalt München-Stadelheim wird es darum gehen, den oder die Schuldigen auszumachen - und sie zu verurteilen. Aber das reicht nicht. In dem Mammutverfahren geht es um viel mehr. Wenn das Verfahren irgendwann, im Jahr 2024 vielleicht, zu Ende geht, muss Klarheit herrschen, was da wie geschah. Wie es möglich war, dass eine Handvoll Manager ein komplettes und ausgefeiltes Sicherungssystem so täuschen konnten, dass Anleger und Profiinvestoren Milliardensummen verloren.

Wie konnte es sein, dass selbst die Bundesregierung nichts merkte? Wie konnten Finanzaufseher, Staatsanwälte und Medien so lange hinters Licht geführt werden? Und warum nennen sich Wirtschaftsprüfer eigentlich Wirtschaftsprüfer, wenn Auffälligkeiten keine Konsequenzen provozieren? Haben die wirklich nichts gemerkt? Wurden sie bestochen? Oder waren sie, motiviert durch die Hoffnung auf lukrative Anschlussaufträge, einfach nur gnadenlos naiv?

Diese Klarheit ist wichtig. Um den deutschen Kapitalmarkt zu rehabilitieren und die immer wieder so geforderte Aktienkultur in Deutschland zu stärken. Und auch, um die Sicherungssysteme künftig so anzupassen, dass solche brutalen Betrügereien nicht noch ein weiteres Mal passieren. Am Ende müssen Konsequenzen gezogen werden. Damit ein solcher beispielloser Betrug an Aktionären, Kreditgebern und Mitarbeitern nicht noch ein weiteres Mal passiert.

Quelle: ntv.de

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