Wirtschaft

Quer durch Schichten und Gruppen Die neuen Corona-Ungleichheiten

Ein Junge sitzt zu Hause an einem Tisch und schreibt in einem Schulheft. Foto: Antti Aimo-Koivisto/Lehtikuva/dpa/Archivbild

Vor dem Coronavirus sind nur scheinbar alle gleich.

(Foto: Antti Aimo-Koivisto/Lehtikuva/dpa/Archivbild)

Nimmt die soziale Ungleichheit in der Corona-Krise zu? Im Alltag hat man diesen Eindruck. Auch der Bundespräsident spricht das an. Aber man hört besonders in Deutschland erstaunlich wenig von den Experten, von Soziologen oder Ökonomen, auch wenig von Politikern zu diesem Thema. Ein Gastbeitrag von Historiker Hartmut Kaelble.

Die Corona-Krise schafft fünf ungewohnte soziale Ungleichheiten.

Neue Ungleichheiten entstehen erstens meist quer durch die heutigen sozialen Hierarchien hindurch. Die Superreichen trifft die Corona-Krise unterschiedlich. Manager von Lebensmittelketten profitieren von der Krise, aber Manager von Fluggesellschaften, von Hotelketten oder von Medienunternehmen leiden darunter. Die Aktienkurse steigen bisher und die Aktienbesitzer gewinnen, aber der Immobilienboom ist häufig gestoppt.

Auch die Mittelschicht ist gespalten. Die freien Berufe und viele mittlere Unternehmer leiden unter der Krise. Freiberuflichen Künstlern, Übersetzern, Journalisten, Reisebürobesitzern und Busunternehmern, zeitweise auch niedergelassenen Ärzten blieben die Aufträge, Kunden und Patienten weg. Dagegen sind die höheren Beamten und Angestellten, aber auch Bauunternehmer und Architektenbüros, IT-Unternehmer, lokale Apotheker oder Buchhändler eher Gewinner. Sie stehen oft weniger unter Druck, arbeiten, wenn möglich, im Homeoffice, bekommen als Beamte und Angestellte ihr Gehalt pünktlich und beginnen über ein besseres Leben mit weniger Stress durch das Coronavirus und über neue Werte der Entschleunigung zu philosophieren.

Über den Autor

Hartmut Kaelble ist emeritierter Professor für Geschichte an der Humboldt-Universität Berlin und lehrte zudem lange am Europakolleg in Brügge. Er gehört zu den bekanntesten Sozialhistorikern Europas.

Auch in den unteren Schichten, die selten ins Homeoffice gehen können, entstehen neue soziale Trennlinien. Arbeiter und untere Angestellte in Unternehmen, die mit Mobilität oder mit persönlichen Diensten zu tun haben, Fluggesellschaften, Automobilkonzerne, Hotelketten, Taxiunternehmen, Autohäuser und Restaurants droht Entlassung oder zumindest Kurzarbeit. Dagegen finden Verkäufer und Fahrer in Lebensmittelläden, in der Baubranche, in der IT-Branche und in der pharmazeutischen Industrie und Gesundheitsbranche leicht neue Jobs. Das sind soziale Ungleichheiten, die nicht in unser gewohntes Schema passen.

Ungleichheit vor dem Tod

Zweitens verschärften sich die Unterschiede in den Bildungschancen mit der Schließung und zögernden Wiedereröffnung der Kitas, Schulen und Hochschulen ebenfalls. Ob sie die bisherigen sozialen Hierarchien einfach verstärken, ist bisher unklar. Nicht nur Kinder aus isolierten Einwandererfamilien, sondern auch aus beruflich sehr anspannten Mittelschichtfamilien, vor allem Einelternfamilien, waren benachteiligt. Die neue Zuwendung der Eltern beim Lernen zu Hause erhielten Schüler nicht nur von Mittelschichteltern, sondern auch von den bildungsmotivierten Zuwandererfamilien.

Drittens könnte sich auch die Ungleichheit zwischen den Geschlechtern weiter verstärkt haben. Männer sind zwar von der Infektion und von dem Tod durch den Coronavirus stärker betroffen. Aber Frauen leiden vor allem in Teilzeit- und Minijobs stärker an Entlassungen. Sie drohen auch in der Familie in die alte Hausfrauen- und Mutterrolle zurückgedrängt und mit der Kinderbetreuung und der Schule zu Hause besonders belastet zu werden.

Die Unterschiede verschärften sich viertens zwischen den Altersgruppen. Schüler fühlen sich durch die neuen Lernformen angeregt. Junge Erwachsene in der Ausbildung leiden dagegen unter den schwierigen Zukunftsaussichten oder dem neuen digitalisierten Unterricht. Junge Erwerbstätige ohne Familie genießen den Stressabbau des Homeworking. Eltern mit Kindern und noch mehr alleinstehende Mütter und Väter stehen dagegen unter heftigem Stress, die in das Haus verlagerte Schulausbildung neben den beruflichen Problemen zu organisieren, vor allem, wenn sie zu den Verlierern der Krise gehören.

Ehepaaren nach der Elternphase hat die Corona-Krise oft mehr Entspannung gebracht, wenn sie sich nicht um alte Eltern kümmern mussten. Die Alten sind vom Coronavirus besonders bedroht. Er ist ein neues Todesrisiko, das sich vor allem durch die Fernsehbilder aus Bergamo in das Gedächtnis eingrub. Aber die Corona-Krise sieht auch für sie sehr unterschiedlich aus. Viele Alte im dritten, rüstigen Alter erlebten die Corona-Krise als Entspannung. Aber die Alten im vierten, gebrechlichen Alter in Altersheimen, in Pflegeheimen oder Palliativkliniken litten, weil sie von ihren Familien getrennt waren oder einsam sterben mussten. Alle diese sozialen Gegensätze zwischen den Altersgruppen sind nicht völlig neu, aber wurden ungewohnt verschärft.

Fünftens ist auch die soziale Ungleichheit vor dem Tod durch das Coronavirus massiv. In Europa ist die Sterblichkeit durch dieses Virus in dicht bevölkerten Unterschichten- und Einwandererviertel erheblich höher als anderswo in Städten oder auf dem Land. Wir wissen bisher noch nicht, ob diese Ungleichheit vor dem Tod noch schärfer ist als durch den Killer Nr. 1 der heutigen Gesellschaft, die Herz- und Kreislaufkrankheiten. Aber abgemildert wurde die Ungleichheit vor dem Tod in der Pandemie mit Sicherheit nicht.

Vor dem Virus sind nicht alle gleich

Warum wurden diese neuen sozialen Ungleichheiten in der Öffentlichkeit trotzdem kein großes Thema? Das hat mit drei Gründen zu tun. Erstens gehen die meisten davon aus, dass diese neuen sozialen Ungleichheiten wieder verschwinden werden, wenn der Impfstoff im Frühjahr 2021 angeblich verfügbar ist und die Corona-Krise enden soll. Sie werden bisher nicht als dauerhafte Ungleichheiten angesehen, gegen die man angehen muss.

Darüber hinaus wird das Coronavirus oft nicht als eine Plage angesehen, die die Ärmeren trifft und die Reichen verschont. Es traf auch prominente Politiker wie Donald Trump, Boris Johnson oder Jair Bolsonaro und hätte fast auch Angela Merkel erwischt. Die Liste der prominenten Corona-Toten ist lang. Dadurch entstand der irrtümliche Eindruck, dass vor dem Coronavirus alle gleich sind.

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Schließlich waren die Proteste, die es gab, also die Jungen, die sich nicht an die Regeln hielten und feierten, die Demonstrationen gegen die staatlichen Auflagen, auch die Gewalttätigkeit gegen die Polizei wie in Stuttgart oder Frankfurt, diffus in ihren Zielen. Sie werden mit dem Ende des Coronavirus wohl wieder zurückgehen. Das Vertrauen in die Regierung stieg sogar in einigen europäischen Ländern, nicht nur in Deutschland, auch im während des Frühjahrs hart getroffenen Italien. Der Konsens unter den Bürgern über die Maßnahmen der Regierungen ist oft hoch. Der Blick in die Geschichte zeigt freilich, dass der Zusammenhalt in der Anfangsphase harter neuer Bedrohungen oft groß war, aber in langen Krisen zerfiel.

Im Ganzen werden die neuen sozialen Ungleichheiten in der Corona-Krise unterschätzt und sind in der Öffentlichkeit unterbelichtet. Es braucht Zeit, bis wissenschaftliche Untersuchungen handfeste Resultate vorweisen. Erst in Monaten und oder sogar Jahren, wenn die akute Krise vielleicht vorbei ist, wird voll erkennbar sein, wie sehr sich die Ungleichheit der Ausbildung verschärfte, wie die Ungleichheit in der Arbeit durch die Digitalisierung weiter beschleunigt wurde, ob sich die Ungleichheit zwischen den Geschlechtern wieder verstärkte oder Frauen sich erfolgreich dagegen wehrten und welche dauerhaften neuen Unterschiede zwischen den Altersgruppen entstanden. Das Thema der sozialen Ungleichheit durch die Corona-Pandemie wird uns weiter beschäftigen.

Quelle: ntv.de