"Elon ist kein Arschloch"Diese Frau ist Musks Erfolgsgeheimnis
Von Hannes Vogel
Als SpaceX-Betriebsleiterin hält Gwynne Shotwell dem reichsten Mann der Welt seit 24 Jahren den Rücken frei. Sie ist für ihn so wichtig, dass er sie selbst zur Milliardärin gemacht hat. Denn sie versteht ihn wie nur wenige Menschen. Und schafft etwas, das Elon Musk nicht kann.
Als Elon Musk vor drei Wochen beim Börsengang von SpaceX die Eröffnungsglocke läutete, schaute die ganze Welt auf den ersten Billionär der Weltgeschichte. Musk zelebrierte den historischen Moment gewohnt euphorisch. Inmitten einer fanatisch jubelnden Mitarbeiter-Menge reckte er beide zur Faust geballten Hände über den Kopf und brüllte vor der versammelten Weltöffentlichkeit laut "Yeah!" ins Mikrofon, während im Hintergrund die Startrampen seiner Starbase in Boca Chica am Golf von Mexiko in der Sonne glitzerten. Doch noch bevor Musk das Wort ergriff, betrat eine blonde Frau in High Heels und schwarzem Blazer die Bühne und stellte ihn als "meinen Boss seit 24 Jahren" vor: Gwynne Shotwell, die operative Geschäftsführerin von SpaceX.
In gewisser Weise war diese Reihenfolge richtig. Denn obwohl sie so gut wie nie im Rampenlicht steht, ist sie ebenso wie Musk verantwortlich für den unglaublichen Erfolg der Firma. Shotwell ist bei SpaceX die wahre Chefin. Sie hat mit Musk zusammen aus dem Startup in einem alten Lagerhaus in El Segundo eine gut 2 Billionen Dollar teure Börsenrakete mit fast 22.000 Mitarbeitern gemacht. "Gwynne Shotwell ist eine unglaubliche Partnerin gewesen", würdigte Musk ihre Leistung beim IPO. "Sie war eine der Ersten im Unternehmen. Danke Gwynne."
Diese knappe Anerkennung wird Shotwells Bedeutung nicht annähernd gerecht: "Meine Aufgabe ist es, den Zug auf den Gleisen zu halten", beschrieb sie am IPO-Tag selbst ihre Rolle. Seit 2002 ist Shotwell Musks rechte Hand: Mehr als 20 Jahre lang saß sie im SpaceX-Hauptquartier bei Los Angeles am Arbeitsplatz neben ihm. Während der Multimilliardär auf Pressekonferenzen in seiner Vision von der Menschheit als sternfahrender Zivilisation schwelgte und von der Besiedelung des Mars träumte, überwachte sie die Produktion der Raketen, die eines Tages dorthin fliegen sollen. Und sorgte dafür, dass alles pünktlich funktionierte.
Angestellte Nummer 7
Shotwell ist bei SpaceX die unangefochtene Nummer Zwei. Denn sie hat eine einzigartige Fähigkeit: "Musk die Wahrheit zu sagen, ohne ihn zu verärgern", ihm zu widersprechen, ohne ihn zu gängeln, schreibt dessen Biograph Walter Isaacson. Das Standing dafür hat sie sich über mehr als zwei Jahrzehnte erarbeitet. Und wie Musk auch hat SpaceX die Frau aus einem Vorort von Chicago zur Superreichen gemacht: Rund 86 Millionen Dollar kassierte Shotwell im vergangenen Jahr an Gehalt und Aktienoptionen bei SpaceX und war damit die bestbezahlte Mitarbeiterin der Firma und eine der erfolgreichsten US-Managerinnen. Ihre SpaceX-Anteile haben sie zur Milliardärin gemacht.
Als Angestellte Nummer 7 hält sie Musk und seiner Raketenfirma seit fast einem Vierteljahrhundert die Treue. Und ist neben Tom Mueller, der bis 2020 Chef-Triebwerksentwickler war, und Hans Königsmann, dem Startchefingenieur, der SpaceX 2021 verließ, bis heute wohl die wichtigste Mitarbeiterin der Firma. Zu SpaceX kam die gelernte Ingenieurin, nachdem sie vorher bei Chrysler gearbeitet hatte und für ein Weltraum-Startup namens Microcosm, genau wie Königsmann. Ihr Ex-Kollege lud sie ein, doch kurz mit reinzukommen und Elon Musk zu treffen, nachdem sie Königsmann bei dessen neuem Arbeitgeber SpaceX abgesetzt hatte. Das Kennenlernen verlief gut: Shotwell war beeindruckt von Musks Detailwissen, Musk lud sie schon am nächsten Tag zum Jobinterview ein. Shotwell wurde erst Chefin für Geschäftsentwicklung und 2008 dann Chief Operating Officer. Ihre Dauerpräsenz sollte zum Erfolgsgeheimnis für Musks Startup werden.
Eigentlich teilt Elon Musk seine Macht mit niemandem: N1, das Kürzel für "Nummer 1", wird er bei Tesla intern von seinen Untergebenen genannt - ein Machthaber, den niemand infrage stellen darf. Jahrelang hat Musk mit der Idee gerungen, bei Tesla einem externen Manager die Führung zu übergeben. Aber seine Ambitionen und sein Ego standen ihm im Weg. Musk wollte die Kontrolle nicht abgeben, war davon überzeugt, dass nur er selbst die Produktionsprobleme etwa beim Model 3 in den Griff bekommen kann - jahrelang steckte Tesla in der "Produktionshölle" fest. Musk schlief sogar in der Fabrik, und seine E-Auto-Firma kratzte am Bankrott.
Umso außergewöhnlicher ist daher, dass er sich auf Shotwell eingelassen hat. Anders als bei Tesla, wo Musk keinen anderen Manager neben sich duldet, ist Shotwell seit der Anfangszeit von SpaceX als seine 1. Offizierin gesetzt. Er gab früh viel Kontrolle an sie ab - und sie führte sein Unternehmen in mehr als zwei Jahrzehnten lautlos und stetig in immer höhere Umlaufbahnen.
Verkaufsprofi für Raketen, die es nicht gibt
Die Managerin ist nicht bloß kühle Verwalterin, sondern die wichtigste Vertrieblerin und Entwicklerin von Musks Vision. "Shotwell vollbrachte das Wunder, etwas zu verkaufen, das die Firma gar nicht hatte", schreibt Musks erster Biograph Ashlee Vance: eine flugtaugliche Rakete. Gemeinsam mit Musk tütete sie in Washington SpaceX' allerersten Auftrag ein: 3,5 Millionen Dollar vom Pentagon, für Starts von Kommunikationssatelliten fürs US-Militär.
Doch am Anfang jagte bei SpaceX ein Misserfolg den nächsten, die Fertigstellung verzögerte sich. Trotzdem gelang es Shotwell, rund ein Dutzend Flüge zu verkaufen, noch bevor mit der Falcon 1 die erste Demonstrationsrakete den Orbit erreichte. Danach schaffte sie es, den ersten Großauftrag über fast 280 Millionen Dollar von der Nasa für Versorgungsflüge zur ISS an Land zu ziehen, der SpaceX in den Anfangsjahren über Wasser hielt. Diese Erfolge hätten sie zu "Musks ultimativer Vertrauter" bei SpaceX gemacht, schreibt Vance. Und ihre uneingeschränkte Loyalität.
Auch SpaceX' wichtigstes Alleinstellungsmerkmal hat Shotwell hart erarbeitet: die Wiederverwendbarkeit von Raketen. Eines der wichtigsten Ziele, hat Shotwell gesagt, sei, dass Musks Booster so oft wie möglich fliegen. SpaceX zielt nicht darauf, an jedem Start ein Vermögen zu verdienen. Sondern die Kosten für den Trip ins All so stark zu drücken, dass kein anderer Konkurrent mehr eine Chance hat. "Unsere Konkurrenz scheißt sich aus Angst vor uns ein", hat Vance die Managerin zitiert. Denn seit dem ersten Start der Falcon 9 im Jahr 2010 ist das Arbeitspferd von SpaceX, mit dem Musk vor allem seine Starlink-Satelliten ins All schießt, inzwischen mehr als 650-mal geflogen, allein 165-mal im vergangenen Jahr - rechnerisch drei Raketenstarts pro Woche. Mehr als 80 Prozent aller globalen Weltraumtransporte erledigt SpaceX inzwischen.
"Die Verwundeten versorgen"
Wegen seiner Egomanie, seinem Hang zum Risiko und seiner Tendenz, alle gültigen Regeln zu brechen, ist Elon Musk ein Mann mit dem Potenzial zur Selbstzerstörung. Shotwells größtes Talent besteht darin, diese Selbstzerstörung zu verhindern, Musks schlimmste Impulse bei SpaceX zu kontrollieren und sie in produktive Bahnen zu lenken.
Denn Musk verlangt von seinen Leuten regelmäßig das Unmögliche, wer widerspricht, wird zur Schnecke gemacht oder gefeuert. "Ich habe gelernt, niemals nein zu sagen", hat etwa Triebwerksingenieur Mueller über Musk bekannt. "Sag einfach, du wirst es versuchen - und erklär später, warum es nicht geklappt hat, falls es schiefgeht." Anders als Musk weiß Shotwell, wann es genug ist. Oder zumindest, dass es keinen Sinn ergibt, jede Idee sofort ungestüm zu verfolgen. Über die Jahre hat sie die Kunst perfektioniert, Musk zu vertrösten, ohne dass er ihren Widerstand als Ablehnung versteht. Den Mut dazu haben nicht viele bei SpaceX.
Hilfreich ist dabei, dass ihr Ehemann genau wie Musk das Asperger-Syndrom hat. Und Shotwell deshalb versteht, dass Musk oft das Gespür für menschliche Emotionen, Empathie und soziale Interaktionsregeln fehlt. Dass er sich selten darum schert, wie andere sich bei seinen Tiraden fühlen. "Elon ist kein Arschloch, aber er sagt manchmal Dinge, die ziemlich arschig sind", zitiert Isaacson Musks Vertraute. "Teil meines Jobs ist es, die Verwundeten zu versorgen."
Shotwell managt nicht nur Musks Launen. Sie räumt auch nach den Katastrophen auf, die sie verursachen. Im Umgang mit Musk haben die Ingenieure bei SpaceX Überlebensstrategien entwickelt. Eine davon ist laut Vance, vollkommen illusorische Zeitpläne aufzustellen, "von denen sie wissen, dass sie Musk zufriedenstellen, aber die faktisch nicht einhaltbar sind." Wenn Kunden diese Ankündigungen dann ernst nehmen, muss das meistens Shotwell ausbügeln. "Arme Gwynne", zitiert Vance einen anderen frühen SpaceX-Angestellten. "Ihr beim Telefonieren mit den Kunden zuzuhören, ist qualvoll."
Trotzdem sagte Shotwell schon vor fast zehn Jahren: "Ich liebe es, für Elon zu arbeiten." Damit trägt sie auch Verantwortung für die Folgen, die Musk und seine Disruption in der Welt hinterlassen. Auch wenn sie den ungenügsamen Billionär gelegentlich diplomatisch temperiert: Wirklich die Stirn bietet Shotwell ihm nicht, wie sie Musk-Biograph Isaacson verriet: "Ich höre genau zu, nehme ihn ernst, lese seine Absichten und versuche umzusetzen, was er will - selbst wenn seine Ideen anfangs verrückt klingen."