Wirtschaft

Wie der VW-Machtkampf eskalierte Diess warf Aufsichtsräten "Straftaten" vor

111677844.jpg

Vorstandschef Diess und Betriebsratschef Osterloh (v.l.) zogen lange an einem Strang. Das ist jetzt vorbei.

(Foto: picture alliance/dpa)

Offiziell heißt es, Volkswagen-Boss Diess solle mehr Freiraum für die Führung des Autokonzerns bekommen. Tatsächlich ging seiner Abberufung als VW-Markenchef ein außergewöhnlich heftiger Streit zwischen Vorstandschef und Aufsichtsrat voraus.

Der Teilentmachtung von VW-Konzernchef Herbert Diess ging Medieninformationen zufolge ein heftiger Streit zwischen dem Vorstandsvorsitzenden und dem Aufsichtsrat voraus. Diess habe, so berichtet das "Handelsblatt", dem Präsidium des Aufsichtsgremiums Rechtsverstöße vorgeworfen. "Das sind Straftaten, die im Aufsichtsratspräsidium passiert [sind] und dort offensichtlich zugeordnet werden können", soll Diess demzufolge vergangene Woche auf einer Konferenz vor rund 3400 Führungskräften des Autokonzerns gewettert haben. Der Vorwurf bezog sich auf Kritik am Vorstandschef wegen Problemen bei den Modellen Golf 8 und ID.3, die auf einer Aufsichtsratssitzung geäußert und anschließend an die Presse durchgestochen worden sei.

VW Vorzüge
VW Vorzüge 173,02

Diess' vor der versammelten Führungsmannschaft geäußerte Vorwürfe wiederum lösten bei den Mitgliedern des Aufsichtsratspräsidiums Empörung aus. Dem Gremium gehören der Aufsichtsratsvorsitzende Hans Dieter Pötsch sowie Großaktionär Wolfgang Porsche, Niedersachsens SPD-Ministerpräsident Stephan Weil, IG-Metall-Chef Jörg Hofmann, VW-Konzernbetriebsratschef Bernd Osterloh und Audi-Betriebsrat Peter Mosch an. Sofort wurde die Einberufung einer Sondersitzung des Aufsichtsrats veranlasst. Bei diesem Treffen soll sogar der unmittelbare Rauswurf des Konzernchefs gefordert worden sein. Zu einem entsprechenden Beschluss kam es allerdings zunächst nicht.

Stattdessen wurde für den gestrigen Montag eine weitere Sitzung einberufen, auf der die Aufseher dann als vermeintlich gesichtswahrende Lösung die Abberufung von Diess als Markenchef für VW beschlossen. Diesen Posten übernimmt der als arbeitnehmernah geltende, bisher für die operative Leitung der Marke zuständige Vorstand Ralf Brandstätter. Diess bleibt als - allerdings erheblich geschwächter - Vorstandschef des Gesamtkonzerns im Amt. Offiziell wird die Personalentscheidung damit begründet, dass Diess mehr Zeit und Freiraum für die Führung des Konzerns bekommen solle. Tatsächlich, so das "Handelsblatt", seien Diess' Vorwürfe gegen das Aufsichtsratspräsidium der Grund.

Unter Druck gesetzt

Diess soll sich inzwischen für seinen Vorwurf bei den Aufsichtsräten entschuldigt haben. Dennoch ist das Vertrauensverhältnis zwischen dem Gremium und dem Konzernchef wohl zerstört. Über seine endgültige Abberufung wird im Unternehmen bereits spekuliert. Dabei hatte der Manager seine Position vor Kurzem noch ganz anders eingeschätzt. Er soll, so berichtete das "Manager Magazin", eine vorzeitige Verlängerung seines Vertrags bis 2025 gefordert haben - auch um eine ausreichende Machtbasis für den weiteren Umbau des schwerfälligen Konzerns inklusive umfangreicher Sparmaßnahmen zu haben.

Das allerdings wollten die mächtigen Arbeitnehmervertreter in Aufsichtsrat und Aufsichtsratspräsidium nicht hinnehmen. Bereits vor gut zwei Wochen berichtete die "Bild"-Zeitung, Gewerkschaftschef Hofmann und Betriebsratsvorsitzender Osterloh planten einen "Putsch" gegen Diess, was die beiden Arbeitnehmervertreter vehement zurückwiesen. In jedem Fall wurde der Konzernchef bei der kurz darauf folgenden Aufsichtsratssitzung mit deutlicher Kritik wegen der Schwierigkeiten bei Golf und ID.3 unter Druck gesetzt. Diese Kritik wurde über Präsidiumsmitglieder dann auch an Journalisten weitergegeben, ganz offensichtlich mit der Absicht, Diess zu schaden. Das ärgerte diesen wiederum so sehr, dass er sich zu dem Vorwurf der "Straftaten" hinreißen ließ und damit seine eigene Demontage besiegelte.

Quelle: ntv.de, mbo