Wirtschaft

Ende einer Ära im Autobau Dr. Z verabschiedet sich bei Daimler

Jahrelang steht der markante Schnauzbart von Dieter Zetsche sinnbildlich für den Autobauer Daimler. Im Unternehmen ist der promovierte Ingenieur selbst zur Marke geworden. Mit dem Abgang des 66-Jährigen endet jetzt eine Ära. Sein Nachfolger tritt in große Fußstapfen - und übernimmt viele Baustellen.

Applaus dürfte Dieter Zetsche nach mehr als 13 Jahren als Daimler-Chef auf der Hauptversammlung in Berlin sicher sein, wenn er das Lenkrad an seinen Nachfolger Ola Källenius übergibt. Viel gesagt hat Zetsche bisher nicht über seinen Abschied, immerhin aber, dass er mit sich "total im Frieden" sei. Mit dem 66-Jährigen, der zwischendurch auch mal als "Dr. Z" unterwegs war, geht auch das Gesicht von Daimler. Der promovierte Ingenieur ist seit mehr als 40 Jahren im Unternehmen und selbst zur Marke geworden. Er hat den Konzern umgekrempelt, ihm die Krawatten ab- und die Sneakers zur Jeans angewöhnt.

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Ein bisschen Kritik wird in den Lobreden auf den Mann mit dem markanten Schnauzbart trotzdem nicht fehlen. "Zetsches Bilanz ist gemischt", sagt etwa Michael Muders, Fondsmanager von Union Investment. Zetsche habe viel erreicht, zuletzt aber zu zögerlich agiert. Umso größer sind nun die Erwartungen auch anderer Investoren an den jüngeren Nachfolger: Källenius soll den traditionellen Auto- und Lastwagenbauer ins Zeitalter von Elektroantrieb und Mobilitätsdienste führen, ohne dass Gewinn und Beschäftigung darunter stark leiden. Und das, während sich die wichtigen Absatzmärkte gerade abkühlen.

"Er tritt in sehr große Fußstapfen von Dieter Zetsche – dieser hat bei Daimler in einem schwierigen Umfeld einen guten Job gemacht", sagt Christian Ludwig, Autoanalyst vom Bankhaus Lampe. So steuerte Zetsche den Stuttgarter Konzern kurz vor Ausbruch der Finanzkrise 2007 weg vom Abgrund, als er den kriselnden US-Hersteller Chrysler verkaufte. Im nächsten Jahrzehnt gelang der Pkw-Marke Mercedes-Benz dann mit grundlegend neuem, sportlicherem Design und mehr Kompaktwagenmodellen wie SUVs die Aufholjagd auf die Konkurrenten BMW und Audi.

Aktionäre sind nicht zufrieden

Auch Qualitätsmängel mussten überwunden werden. "Ein paar Aufräumarbeiten" habe er geleistet, sagte Zetsche kürzlich selbst bescheiden. Die Rückkehr der Marke mit dem Stern zur Spitzenposition des weltgrößten Premium-Autobauers 2016 markierte den Höhepunkt seiner Daimler-Karriere. Doch seit dem vergangenen Jahr läuft es nicht mehr rund bei den Schwaben. "Plötzlich muss die Dividende gekürzt und ein Effizienzprogramm aufgelegt werden wegen Problemen, die längst bekannt waren - wie die Abkühlung in China und der Handelsstreit", moniert Union-Investment-Mann Muders. Daimler hätte früher und offener über Probleme reden müssen, kritisiert der Fondsmanager.

"Zetsche hat zuletzt nicht mehr vorausschauend agiert, sondern nur noch reagiert." Källenius müsse deshalb früher aktiv werden und nicht erst, wenn das Unternehmen mit dem Rücken zur Wand stehe. Der 49-jährige Schwede, ein studierter Betriebswirt, solle außerdem häufiger als Zetsche den direkten Kontakt mit Investoren suchen.

Unter Zetsche habe Daimler nicht so viel Wert für die Aktionäre geschaffen wie die Konkurrenz, kritisieren außerdem die Analysten vom Investmenthaus Evercore ISI. So habe die Aktienrendite in den vergangenen Jahren bei den Schwaben 130 Prozent betragen, bei BMW hingegen 171 Prozent und bei Volkswagen 167 Prozent. "Beschäftigte und Lieferanten sind happy - die einzigen, die nicht zufrieden sein können, sind die Aktionäre", schreiben sie in einer Analyse.

Die wichtigste Aufgabe des neuen Daimler-Chefs sei es, den Umbruch von Fahrzeugen mit Diesel- oder Benzinmotoren hin zu solchen mit alternativen Antrieben zu bewältigen, um die Klimaschutzvorschriften in der EU zur CO2-Reduktion einzuhalten. Die Krux für alle Autobauer dabei: Die Entwicklungsausgaben steigen, weil für weitere rund zwei Jahrzehnte Übergangszeit gleichzeitig auch Verbrenner- und Hybridmotoren weiterentwickelt und gebaut werden müssen. Die E-Autos sind wegen der Batteriekosten noch deutlich teurer in der Herstellung. Also muss gespart werden, wie Zetsche im Februar ankündigte.

4200 Euro Ruhegeld am Tag

Källenius müsse dafür sorgen, dass Mercedes weniger selbst herstelle und mehr von Zulieferern kaufe, um Kosten zu drücken, fordert Muders. "Motorenentwicklung und die personalintensive Produktion des Antriebsstrangs verlieren im Zeitalter von Elektroautos an Bedeutung", sagt der Fondsmanager. Also müssten hier Stellen abgebaut und dafür in anderen Bereichen wie Softwareentwicklung für autonomes Fahren oder Mobilitätsdienste neue Jobs geschaffen werden.

Weniger Beschäftigung würde vor allem die Komponentenwerke treffen, allen voran das größte in Untertürkheim mit seinen knapp 19.000 Beschäftigten. Bis Ende 2029 haben die Daimler-Mitarbeiter in Deutschland eine Beschäftigungszusage. Nur zehn Jahre später will Källenius die Modellpalette komplett auf CO2-freie Antriebe umstellen.

Zetsche selbst hat seinen jetzigen Nachfolger schon vor Jahren einen "echten Car Guy" genannt. Källenius wird eigene Akzente setzen wollen und müssen, die groben Linien inklusive eines kompletten Umbaus des Konzerns sind aber klar. Alles Wichtige der vergangenen Monate hat er ohnehin mit entschieden. Er ist derjenige, der all die jüngst vereinbarten Kooperationen etwa mit dem chinesischen Großinvestor Geely beim Kleinwagen Smart oder mit dem Konkurrenten BMW bei der Entwicklung des autonomen Fahrens jetzt mit Leben füllen muss.

All das wird der Vater dreier erwachsener Kinder aus der Ferne verfolgen müssen. Seinen Ruhestand will Zetsche aber nicht lange genießen - obwohl er ihm dank üppiger Pensionsansprüche mit rund 4200 Euro Ruhegeld am Tag versüßt wird. Schon am Tag nach der Hauptversammlung soll der Aufsichtsrat des Reisekonzerns Tui laut Medienberichten Zetsche zum neuen Chefkontrolleur wählen. Nach einer sogenannten Abkühlungsphase will Zetsche zudem wieder als Aufsichtsrat bei Daimler einsteigen. Geplant ist, dass er 2021 dort den Vorsitz übernimmt - und dann Ola Källenius auf die Finger schaut.

Quelle: n-tv.de, jki/rts/AFP/dpa

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