Wirtschaft

Unister-Krimi von Venedig Drahtzieher des Betrugsdeals schweigt

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Der wegen Betrug angeklagte Kreditvermittler Wilfried S. spricht mit seinem Anwalt Martin Habig.

(Foto: dpa)

Der Internetreisekonzern Unister steckt 2016 in finanziellen Schwierigkeiten. Der Chef lässt sich auf einen dubiosen Millionen-Deal ein. Dann folgt eine Tragödie. Wie konnte es dazu kommen? Die Antwort darauf soll nun das Landgericht Leipzig geben.

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In Venedig macht Unister-Gründer Thomas Wagner das schlechteste Geschäft seines Lebens.

(Foto: picture alliance / dpa)

Es ist eine schier unglaubliche Räuberpistole, von der die erste Zeugin im Prozess um den Millionen- Betrug bei Unister berichtet. Von einem israelischen Ehrenmann ist die Rede und von tadellosen Geschäften, die dann aber mit schäbigen Kunstleder-Koffern hektisch auf einem Hotelparkplatz abgewickelt werden. Die Architektin und Maklerin aus Menden in Nordrhein-Westfalen schildert einen "Rip-Deal", auf den sie reinfiel - und wenig später dann auch der Gründer des Leipziger Internetunternehmens Unister, Thomas Wagner. Angeklagt ist in dem Prozess am Landgericht Leipzig der mutmaßliche Vermittler des Betrugs.

Der 69 Jahre alte Mann aus Unna zieht es am Dienstag vor, zu schweigen. Später im Verfahren werde sich sein Mandant wohl äußern, kündigt Verteidiger Martin Habig an. So hört der Angeklagte - Bürstenhaarschnitt, hellblauer Pullover, schlabberige Jeans und Sakko - zunächst nur zu, wie Ankläger Dirk Reuter von der Generalstaatanwaltschaft Dresden ihm den zweifachen Betrug erst an der Architektin und dann am Unister-Gründer vorwirft. Demnach steckte die Leipziger Unister-Gruppe, einst gefeiertes Internet-Start-up und Schwergewicht bei der Online-Vermittlung von Reisen und Flügen, 2016 seit längerem "in erheblichen finanziellen Schwierigkeiten".

Thomas Wagner brauchte Geld - und ließ sich auf den dubiosen Deal ein. Einen 15-Millionen-Euro-Kredit sollte er von einem angeblichen israelischen Diamentenhändler namens Levy Vass erhalten und dafür 1,5 Millionen Euro in bar als Sicherheit in Venedig übergeben. Der angeklagte Vermittler habe sich für Levy Vass verbürgt, so die Anklage.

Erst Falschgeld, dann Flugzeugabsturz

Wagner hob das Geld von einem Unister-Konto ab und flog damit zusammen mit einem weiteren Unister-Gesellschafter am 13. Juli 2016 nach Italien. Auf einem Hotelparkplatz übergab er das Geld. Doch statt der vereinbarten Summe von 4,09 Millionen Schweizer Franken - angeblich 25 Prozent der Kreditsumme - enthielt der Koffer, den Levy Vass an Wagner übergab, ganz überwiegend Falschgeld. Der angebliche Ehrenmann aber verschwand mit den 1,5 Millionen Euro. Wagner zeigte den Betrug bei der italienischen Grenzpolizei in Venedig an. Auf der Rückreise nach Leipzig starb er zusammen mit drei weiteren Menschen bei einem Flugzeugabsturz in Slowenien. Danach meldete Unister Insolvenz an.

Die ebenfalls betrogene Architektin sagt: "Für mich war das eine ganz abgekartete Geschichte." Sie habe zwar Zweifel an der Seriosität des Ganzen gehabt, aber der Angeklagte habe sie "massiv und mit Händen und Füßen bearbeitet", dass alles seine Richtigkeit habe. Er kenne Levy Vass seit 18 Jahren und habe immer tadellose Geschäfte mit ihm gemacht, soll er beteuert haben. Auf dem Hotelparkplatz - bei ihr war es in der slowenischen Hauptstadt Ljubljana - sei alles sehr schnell gegangen. "Das war schon ziemlich geschickt gemacht", erzählt die eloquente Frau.

Von "Monopoly-Geld" spricht hingegen ihr Fahrer, der als Zeuge gehört wird, von "ganz normalem Papier". Den Koffer samt dem Falschgeld wirft die Architektin später weg. Nach Levy Vass suchen die Ermittler noch immer. Niemand glaubt, dass dies sein richtiger Name ist. Und auch Israeli soll der angebliche Diamentenhändler nicht gewesen sein. "Typischerweise werden Rip-Deals von Menschen begangen, die vom Balkan stammen", sagt Staatsanwalt Dirk Reuter. Die Legende des israelischen Diamentenhändlers sei in den bekannt gewordenen Fällen oft benutzt worden. Der Prozess gegen den Finanzvermittler wird an diesem Mittwoch fortgesetzt. Dann sollen Unister-Mitarbeiter als Zeugen gehört werden, die laut Anklage von Wagners Plänen wussten - und ihm abgeraten haben.

Quelle: ntv.de, Birgit Zimmermann, dpa

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