Wirtschaft

Mobilität in der Großstadt "E-Scooter entlasten Straßenverkehr nicht"

121243169.jpg

Elektrische Tretroller können wohl frühestens im Juli im Straßenverkehr starten. Nach der für Mitte Juni geplanten Zulassung der E-Scooter sind weitere Vorbereitungen nötig.

(Foto: picture alliance/dpa)

Die mit Elektromotoren ausgestatteten Tretroller gehören mittlerweile schon in vielen europäischen Ländern zum Stadtbild. Auch in Deutschland sollen die E-Scooter bald zugelassen werden. Zahlreiche Firmen stehen bereits in den Startlöchern, um die Fortbewegungsmittel an Pendler und Touristen zu verleihen. Eine Revolution im Straßenverkehr erwartet Mobilitätsexpertin Gesa Matthes vom Institut für sozial-ökologische Forschung im Interview mit n-tv.de aber nicht.

n-tv.de: Wird in wenigen Wochen die ganze Stadt voller E-Scooter sein?

Gesa Matthes: Das hängt erstens davon ab, ob sich Unternehmen finden, die viele E-Scooter in die Stadt stellen und zweitens, ob diese potenziellen Anbieter aus den Fehlern in anderen Ländern gelernt haben und ihr Angebot etwas anders aufziehen. Aber ich denke schon, dass die E-Scooter ziemlich schnell sehr präsent auf den Straßen sein werden.

Was ist im Ausland nicht so gut gelaufen?

In den USA oder Frankreich sind sehr schnell sehr viele E-Scooter in Umlauf gebracht worden. Einerseits gab es in diesen Ländern Probleme beim nicht sachgerechten Abstellen. Andererseits hat sich auch gezeigt, dass von den motorisierten Tretrollern neue Gefahren für Verkehrsteilnehmer ausgehen.

Bringen die E-Scooter die Revolution im Straßenverkehr?

Die E-Scooter sind erst mal eine neue Verkehrsmittelvariante. Sie haben aber keine Eigenschaften, die es nicht schon gibt. Es gibt Roller, die nicht elektrisch betrieben sind, es gibt Fahrräder, es gibt E-Bikes. Das besondere an den E-Scootern ist zunächst einmal, dass sie elektrisch betrieben werden. Nutzer müssen sich also wenig anstrengen und sind trotzdem schnell unterwegs. Im Vergleich zum E-Bike sind die Roller in der Anschaffung günstiger, kleiner und zusammenklappbar. Das Potenzial, bestimmte Mobilitätslücken zu schließen, haben sie damit schon.

Wie soll das genau funktionieren?

Auf dem Weg zur Arbeit können verschiedene Verkehrsmittel kombiniert werden. Man könnte beispielsweise mit dem E-Scooter zur Haltestelle fahren, den Tretroller mit in den Nahverkehr nehmen und anschließend für die letzte Strecke ins Büro wieder auf den Roller steigen. In dieser Art von Kombination sehe ich das große Potenzial der E-Scooter. Denn sie sind wesentlich verlässlicher als ein Mietfahrrad, das an der entsprechenden Haltestelle vielleicht nicht verfügbar ist oder auch verlässlicher als eine Busverbindung, die selten verkehrt. Das heißt aber auch, E-Roller wären eine sinnvolle Ergänzung in Räumen, in denen Haltestellen weit auseinanderliegen oder selten bedient werden. Also eher weniger im innerstädtischen Raum.

Inwiefern können E-Scooter dann den Straßenverkehr in Städten entlasten?

Die große Frage ist: Welche Wege können E-Scooter ersetzen und welche nicht? Sind es die Wege, die heute mit dem Pkw zurückgelegt werden? Zunächst einmal können sie kurze Wege ersetzen. Setzt man hier eine Distanz von 5 Kilometern an, reden wir von einem guten Drittel der Pkw-Fahrten. Aber schon heute könnten für diese Wege Fahrräder genutzt werden. Fragt man nach den Gründen warum dennoch der Pkw gewählt wird, geht es häufig um das Transportieren von Dingen, die Beförderung von Personen, eine Mobilitätseinschränkung, das Wetter, die fehlende Infrastruktur oder einfach um Routinen. All diese Argumente gelten auch für E-Scooter. Alleine die mediale Aufmerksamkeit, Neugier und der günstige Zugriff auf die E-Fahrzeuge bewegen möglicherweise ein paar Menschen mehr, ihr Verhalten zu ändern. Attraktiv wird der Roller aber eher für diejenigen sein, die sich heute schon zu Fuß oder mit dem Fahrrad in der Stadt bewegen. In Großstädten werden die E-Scooter die Straßen für den Pkw-Verkehr also nicht wesentlich entlasten.  

Die E-Scooter dürfen nur auf Radwegen fahren. Gerade in Berlin sind die oft in sehr schlechtem Zustand. Wie gefährlich ist so eine Fahrt?

Der Verkehrsminister Andreas Scheuer hat angekündigt, E-Scooter sollen zwar kurze Wege mit dem Pkw ersetzen, aber bitte den Straßenraum der anderen Verkehrsmittel nutzen, also nicht die Pkw-Fahrbahn. Breitere Radwege sind beispielsweise nicht Teil des Konzepts. Auf den Fahrradwegen ist es allerdings jetzt schon so, dass es schnelle und langsame Fahrer gibt und die E-Biker, die besonders zügig unterwegs sind. Die unterschiedlichen Geschwindigkeiten auf den häufig recht schmalen Radwegen sind bereits jetzt ein Problem. Wenn noch ein neues Verkehrsmittel hinzukommt, dass sich dann auch noch anders verhält als ein Fahrrad, dann birgt das natürlich neue Gefährdungspotenziale.

Werden E-Scooter den Schadstoffausstoß in Großstädten senken können?

Das können sie natürlich nur, wenn sie Pkw-Wege ersetzen. In Paris etwa nutzen zum großen Teil Touristen E-Scooter, es gibt außerdem auch einen Spaßfaktor. Damit wird also kein Pkw-, sondern Fußverkehr ersetzt und möglicherweise sogar neuer Verkehr erzeugt, wenn jemand nur aus Spaß herumfährt. Auf diese Weise kann man ganz sicher keine Schadstoffprobleme lösen. Sollten Pkw-Fahrer, die regelmäßig mit dem Auto durch die Innenstadt fahren, auf einen E-Scooter umsteigen, wäre das etwas anderes. Ich bezweifle aber, dass das die große Masse tun wird.

Im Verleih-Betrieb hält ein Tretroller angeblich nicht länger als 28 Tage durch. Danach ist er schrottreif. Wie nachhaltig ist das?

Nachhaltig ist das natürlich überhaupt nicht. Was mich tatsächlich wundert, ist, dass ausgerechnet die E-Scooter bei den Verleih-Anbietern auf so ein großes Interesse stoßen. Die elektrischen Roller sind das letzte Verkehrsmittel, das mir einfallen würde, das sich für den Verleih eignet: Es ist in der Anschaffung nicht teuer und man kann es überallhin gut mithinnehmen.

Der Start der E-Scooter ist erst kürzlich auf Anfang Juli verschoben worden. Ist die deutsche Politik zu zögerlich mit der Verkehrswende?

Auf jeden Fall. Allerdings wird die Einführung der E-Scooter allein die Verkehrswende nicht voranbringen. Hierfür braucht es eine ganze Palette verschiedener Maßnahmen, die die Vorrangstellung des Pkw konsequent zugunsten der anderen Verkehrsmittel reduzieren. Stadtentwicklung und Verkehrsplanung müssen dabei zusammen gedacht werden. Die Mobilitätsprobleme in der Stadt werden mit dem E-Scooter nicht gelöst. Vor allem dann nicht, wenn die Pkw einfach weiter fahren dürfen wie bisher.

Mit Gesa Matthes sprach Juliane Kipper

Quelle: n-tv.de

Mehr zum Thema