Wirtschaft

Grenke-Aktien brechen erneut ein Ein Spekulant demonstriert seine Macht

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"Im Zweifel für den Angeklagten" gilt bei den Anlegern nicht. Sie gehen vorsichtshalber lieber in Deckung.

(Foto: imago images / Sven Simon)

Das Leasingunternehmen Grenke wehrt sich gegen die schweren Betrugsvorwürfe eines Investors. Der Aktienkurs rauscht dennoch weiter in die Tiefe, denn der Zeitpunkt des Angriffs ist gut gewählt.

Der Kurssturz bei der Leasingfirma Grenke geht weiter. Die Titel des MDax-Unternehmens aus Baden-Baden brachen erneut ein - knapp eine Milliarde Euro Börsenwert haben sich damit seit gestern in Luft aufgelöst. Das zeigt, welche Macht Leerverkäufer haben, wenn sie Unternehmen zum richtigen Zeitpunkt attackieren.

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"Bei Investoren überwiegt die Angst, nach dem Wirecard-Skandal erneut auf eine kuriose Buchhaltung hereinzufallen", sagte ein Börsenhändler. Außerdem wolle sich niemand dem Vorwurf aussetzen, die Aktie gehalten zu haben, obwohl die Anschuldigungen "überall in den Zeitungen" gestanden hätten.

Grenke, ein 1978 gegründetes Unternehmen, das Geld mit der Vermietung von Büroausstattung und IT-Ausrüstung verdient, steht unter Beschuss des britischen Investors Fraser Perring. Er hat einen 64-seitigen Bericht veröffentlicht, in dem er Vorwürfe wie Bilanzfälschung, Geldwäsche und Betrug gegen den Konzern erhebt.

Perring hatte bereits 2016, damals noch mit seinem Partner Matthew Earl unter dem Namen "Zatarra Research & Investigations", vor Unregelmäßigkeiten bei dem mittlerweile insolventen Finanzkonzern Wirecard gewarnt und damit wiederholt dafür gesorgt, dass die Aktie nach unten rauschte. Zwischenzeitlich geriet der Brite ins Visier der deutschen Finanzdienstleistungsaufsicht Bafin, die gegen ihn wegen Kursmanipulation ermittelte. Doch Recherchen der "Financial Times" bestätigten die Vorwürfe. Wirecard räumte im Juni diesen Jahres Luftbuchungen von 1,9 Milliarden Euro ein.

"Im Zweifel für den Angeklagten"

Perring ist ein sogenannter Short-Seller, ein Leerverkäufer. Derartige Aktiengeschäfte sind an der Börse ein gängiges Mittel. Investoren verkaufen dabei Wertpapiere, die sie sich zuvor gegen eine Gebühr von anderen Marktteilnehmern geliehen haben. Sinkt der Aktienkurs bis zum Rückgabe-Datum, können sie sich am Markt billiger mit den Titeln eindecken und streichen die Differenz ein. Steigt der Kurs, droht den Leerverkäufern ein Verlust. Das heißt: Der Brite hat ein Interesse daran, dass der Kurs der Grenke-Aktien möglichst tief fällt. Seine Firma Viceroy Research hat die im MDax gelisteten Aktien nach eigenen Angaben leer verkauft.

"Wir müssen vorsichtig sein", sagt Oliver Roth von der Oddo Seydler Bank im Gespräch mit ntv. Denn bisher gebe es lediglich Vorwürfe eines Short-Sellers, der den Ruf eines Unternehmens schädige. "Im Zweifel für den Angeklagten - und hier ist ja noch nicht einmal eine Anklage in Sicht", so der Kapitalmarkstratege.

Doch viele Anleger gehen lieber in Deckung und verkaufen ihre Aktien völlig unabhängig davon, ob an den Vorwürfen überhaupt etwas dran ist. Der Angriff auf Grenke sei gut vorbereitet, der Zeitpunkt dafür "perfekt", heißt es bei der Warburg Bank. Es sehe zwar so aus, als ob einige der Anschuldigungen sich als substanzlos erweisen würden, doch müsse Grenke vieles erklären, was kurzfristig nicht zu schaffen sein dürfte.

Vor diesem Hintergrund geht es für die Aktien weiter abwärts. Es nützt Grenke derzeit wenig, dass die Firma seit vielen Jahren erfolgreich wirtschaftet und sowohl Eigentümer als auch Management einen guten Ruf haben. Vielen Aktionären ist das offenbar egal: Sie wollen nicht abwarten, ob an den Vorwürfen wirklich etwas dran ist. Sie verkaufen lieber, obwohl Grenke dementiert.

Grenke kündigt rechtliche Schritte an

Perring kommt zugute, dass Grenke wie Wirecard komplexe Finanzierungsgeschäfte abwickelt und ein Geflecht aus Gesellschaften betreibt. Konkret wirft Viceroy dem Anbieter von IT-Leasing und anderen Finanzdienstleistungen vor, die Bilanz aufgebläht und zu hohe Gewinne und Kassenbestände ausgewiesen zu haben. Grenke habe Unternehmen überteuert von verbundenen Firmen gekauft. Der Konzern setze für zugekaufte Firmen in der Bilanz zu hohe Werte an und halte somit Gewinne künstlich hoch. Fazit des Leerverkäufers: Die Grenke-Aktie sei "uninvestierbar wegen unverhohlenen Betrugs in der Buchführung". Darunter seien Dutzende Transaktionen mit Gesellschaften, zu denen nicht offengelegte Verbindungen bestanden. Die internen Kontrollen fehlten bei Grenke komplett.

Grenke wies die Behauptungen in Perrings Analyse "auf das Schärfste" zurück und kündigte an, juristisch gegen den Investor vorzugehen. Insbesondere sei nachweislich falsch, dass ein Großteil der ausgewiesenen liquiden Mittel von 1,08 Milliarden Euro nicht existiere. Auch die übrigen Vorwürfe Perrings sollen widerlegt werden. Das Unternehmen bereite eine ausführliche Antwort auch zu diesen Vorwürfen vor und werde dazu Stellung nehmen.

Nun ist die Bafin am Zug. "Jetzt hat die Behörde die Möglichkeit, aus den Fehlern zu lernen, die sie bei Wirecard gemacht hat", sagte Kapitalmarktstratege Roth. Die Aufseher kündigten an, die Vorwürfe zu untersuchen. Außerdem prüfen sie, ob es Marktmanipulationen durch Leerverkäufer gegeben hat.

Quelle: ntv.de, mit rts/dpa/DJ