Wirtschaft

Wohin geht das ganze Geld? Eine Sekunde "Tenet" kostet 25.000 Dollar

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John David Washington spielt in "Tenet" einen CIA-Agenten.

(Foto: imago images/Prod.DB)

Hollywood-Blockbuster verschlingen aberwitzige Summen. Nur eine Minute von Christopher Nolans neuem Streifen "Tenet" kostet schon so viel wie ein ganzer deutscher "Tatort". Ein Filmexperte erklärt, wohin das Geld fließt und wer wie viel kassiert.

Mit 220 Millionen Dollar lässt sich in der Unterhaltungsindustrie einiges anstellen. Im Fußballzirkus zum Beispiel investieren gut betuchte Ölscheichs die Summe in einen Fußballer. Steht der Vermögende eher auf schnelle Autos, könnte er sich für den Betrag eine hübsche Sammlung von Ferraris und Bugattis in die Garage stellen. Oder aber man gibt es einem Star-Regisseur wie Christopher Nolan. Genau das haben die Produzenten von Warner getan, seit dem 12. August läuft der neue Streifen des britischen Filmemachers "Tenet" in den deutschen Kinos.

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Star-Regisseur Christopher Nolan hat seinen neuen Film mit sehr teuren Imax-Kameras gedreht.

(Foto: imago images/Cinema Publishers Collection)

1,5 Millionen Dollar für eine Minute, etwa 25.000 Dollar für eine Sekunde - es sind unfassbare Summen, die Blockbuster von einem Kaliber wie "Tenet" verschlingen. Dass so viel Geld investiert wird, ist jedoch nicht neu. Schon vor Jahrzehnten steckten Hollywood-Bosse hohe Summen in Filmproduktionen. Das Geschäft ist vor allem in den USA hochprofitabel. Doch wofür wird das ganze Geld eigentlich ausgegeben? Und was unterscheidet einen "Blockbuster" von anderen Filmen? ntv.de hat dafür mit einem Experten gesprochen.

"A-Filme wie 'Tenet' sind für die große Leinwand konstruiert. Sie eignen sich für Kinoabende als Eventfilm und haben einen bekannten Cast. Sind diese Filme erfolgreich, dann reden wir von einem Blockbuster", erklärt Eckhard Wendling. Er ist Professor an der Hochschule für Medien in Stuttgart und hat ein Buch über Filmproduktion geschrieben. In seiner Forschung setzt er sich unter anderem mit Filmbudgets auseinander. Diese Budgets decken sämtliche Kosten ab, die Filme verursachen. Was bedeutet das konkret für einen Film wie "Tenet"?

Wenn eine echte Boeing 747 in ein Lagerhaus kracht

Laut Wendling sind vor allem Ort, Handlung und Zeit die entscheidenden Kostenfaktoren bei der Filmproduktion. "Tenet" wurde zum Beispiel an sieben verschiedenen Orten auf fünf Kontinenten gedreht, unter anderem in Großbritannien, Indien und in Estland. Allein die Reise- und Unterbringungskosten für die mehrere Hundert Mann starke Crew liegt bei diesem Film im siebenstelligen Bereich. Zudem wurde der Film auf 70 Millimeter und dazu noch mit Imax-Kameras gedreht. Dabei entstehen zwar Bilder von einer einzigartigen Qualität. Dafür ist das Verfahren sehr aufwendig: Die mehr als 500.000 Euro teure Kamera ist sehr klobig und erfordert eine Produktionscrew, die aus hochbezahlten Spezialisten besteht.

Fans lieben Nolans Filme dafür, schätzen die beeindruckenden Bilder. "Er ist für die exzessive Anwendung absoluter Edgy-Technologien bekannt. Alles was machbar ist, setzt er auch ein und das hat eben seinen Preis", sagt Wendling.

Seit "Mad Max: Fury Road" hat sich in Hollywood außerdem durchgesetzt, Actionszenen wieder vermehrt real zu drehen. Neben Tom Cruise ist auch Nolan dafür bekannt, so wenig unechte Effekte wie möglich zu verwenden. In seinem neuen Film lässt er deshalb eine echte Boeing 747 in ein Lagerhaus krachen. Selbst erfahrenen Stars wie Robert Pattinson verschlug das die Sprache: "Ich dachte nur: Wird es so was in einem Film noch mal geben?" Die Szene entsprang jedoch nicht nur Nolans Liebe zu handgemachten Effekten. In diesem Fall war der Einsatz des Passagierflugzeugs reines Kalkül: Angeblich sei es günstiger gewesen, ein gebrauchtes Flugzeug zu kaufen, als die Szene am Computer zu inszenieren.

Obwohl die Kosten für die Technik und Action-Stunts vergleichsweise hoch sind, stellen sie in Hollywood-Filmen nur einen Bruchteil des Gesamtbudgets dar. Bekannt ist, dass Superstars exorbitant hohe Gagen für ihr Engagement erhalten. Was wohl nur wenige wissen: Ein Film wie "Tenet" kostet bereits Millionen von Dollar, bevor überhaupt Kameras angeschaltet geschweige denn Schauspieler gecastet wurden.

Allein das Drehbuch kostet bis zu 10 Millionen Dollar

"Allein für die Rechte an einem Film können bis zu 10 Prozent des Budgets aufgebraucht werden", erklärt Wendling. Ein Drehbuch-Autor bekommt rund 5 Prozent des Kuchens. Beruht der Film auf einer literarischen Vorlage, wird der Urheber ebenfalls mit bis zu 5 Prozent entlohnt. Das Drehbuch von "Tenet" muss demzufolge alleine zehn Millionen Euro gekostet haben. In den USA geben Produktionen zusätzlich bis zu fünf Prozent für Medienrechtler aus, die Verträge für die Rechteverwertung aufsetzen.

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Eckhard Wendling lehrt an der Hochschule für Medien in Stuttgart.

Um die US-Filmwirtschaft besser zu erklären, verwendet Wendling die Formulierungen "above the line" und "below the line". "Die Kosten 'below the line' enthalten alles, was mit der handwerklichen Produktion des Films zu tun hat." Damit sind zum Beispiel Bühnentechniker, Visagisten oder Kostümbildner gemeint. Der teuerste von ihnen ist in der Regel der Kameramann.

Dann gibt es noch die Mitarbeiter "above the line", die Wendling "talents" nennt. "Das sind Leute, die nicht nur für ihre eigentliche Arbeit, sondern vor allem für ihren bekannten Namen bezahlt werden", erläutert er. Talents sind nicht nur die Schauspieler in den Hauptrollen, sondern auch der Regisseur und der Komponist. Komponisten wie Hans Zimmer oder Ludwig Göransson kassieren siebenstellige Summen für die Filmmusik. Der Regisseur des Films bezieht rund fünf Prozent des Budgets, Superstars wie Christoper Nolan werden in der Regel zusätzlich am Gewinn des Films beteiligt.

Marvel-Filme würden sich bei freiem Eintritt lohnen

Produktionsfirmen profitieren dabei nicht nur von der Qualität und der Bekanntheit der "talents", die Zuschauermassen in die Kinos ziehen. Schon in der Planungsphase sind die Publikumsmagneten wichtig. Warum? "Dazu muss man verstehen, wie die amerikanische Filmwirtschaft funktioniert", sagt Wendling.

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Christopher Nolan (r.) hat auch das Drehbuch für "Tenet" geschrieben.

(Foto: imago images/Cinema Publishers Collection)

Im Gegensatz zu Deutschland werden US-amerikanische Filme oft auch mit Krediten finanziert. Geht eine Filmproduktion mit einem großen Namen wie zum Beispiel Tom Cruise zu einem Geldinstitut, wird die Anfrage als kreditwürdig eingestuft: Superstars minimieren für die Banken das Rückzahlungsrisiko. Die "Big Five", die großen fünf amerikanischen Major-Studios, zahlen die Filme meist aus eigener Mitteln. Besitzt der Film besonders großes Vermarktungspotenzial, greifen die Firmen besonders tief in die Tasche. "Marvel-Filme würden sich bereits lohnen, wenn der Eintritt zum Film kostenlos wäre. Die Merchandise-Erlöse finanzieren diese Filme oft komplett durch", sagt Wendling.

"Tenet" hingegen lässt sich hingegen kaum vermarkten. Die Handlung des Films ist sehr komplex, Figuren der Hauptdarsteller lassen sich kaum auf Bettwäsche drucken oder in Spielwarengeschäften verkaufen. Das sei das besondere an "Tenet", erklärt Wendling.

Wird "Tenet" Nolans erster echter Flop?

Christopher Nolan wird von vielen Kinofans verehrt, aber eine sichere Bank an den Kinokassen sind seine Filme trotzdem nicht: Abseits der "The Dark Knight"-Trilogie und "Inception" waren seine Werke zwar meist erfolgreich, aber eben auch keine absoluten Mega-Hits. Damit sich sein neuester Film lohnt, muss er Berechnungen des Branchenportals variety.com zufolge rund 400 Millionen Euro einspielen, damit Warner am Ende kein Geld verliert.

Derzeit steht der Film bei rund 210 Millionen Euro Umsatz. Ob er letztendlich ein Top oder Flop wird, hängt von mehreren Faktoren ab. Einer ist die weitere Entwicklung der Pandemie, da diese entscheidet, ob überhaupt Leute in die Kinos gehen. Ein anderer ist die Konkurrenzsituation. Der nächste große Blockbuster kommt erst im November in die Kinos. Es ist der neue James-Bond-Film "Keine Zeit zu sterben".

Quelle: ntv.de