Wirtschaft

Expertin zur Straße von Hormus"Entscheidend ist nicht allein die Wiedereröffnung"

08.04.2026, 18:58 Uhr
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Die Straße von Hormus ist an der schmalsten Stelle zwar 33 Kilometer breit - tatsächlich gibt es aber nur zwei Fahrrinnen von drei Kilometern Breite. (Foto: picture alliance / dpa)

Die Straße von Hormus ist wieder offen - vorerst. Doch es wird noch einige Zeit dauern, bis sich auch die Energiepreise wieder normalisieren. Warum das so ist, erklärt die Expertin Heena Nazir im Interview. Sie vertritt die Gesellschaft Germany Trade & Invest (GTAI) in Dubai. Die GTAI ist die Gesellschaft der Bundesrepublik Deutschland für Außenwirtschaft und Standortmarketing.

ntv.de: Wie schnell können die Öllieferungen nun wieder anlaufen?

Heena Nazir: Die Öllieferungen können nach einer Stabilisierung der Lage grundsätzlich relativ rasch wieder anlaufen. Eine vollständige Rückkehr zum Normalbetrieb dürfte jedoch deutlich länger dauern. Entscheidend ist nicht allein die Wiedereröffnung der Passage durch die Straße von Hormus. Die eigentliche Verzögerung entsteht danach: Tanker müssen neu disponiert werden, Rückstaus in der Schifffahrt müssen sich auflösen, Versicherer müssen wieder verlässlich Deckung bieten und die Exportterminals müssen störungsfrei arbeiten. Hinzu kommt die Größenordnung des Engpasses.

Wie meinen Sie das?

Über Hormus laufen knapp 20 Millionen Barrel Öl pro Tag, während sich über alternative Routen nur etwa 3,5 bis 5,5 Millionen Barrel pro Tag zusätzlich umleiten lassen. Selbst bei optimaler Nutzung bestehender Infrastruktur bleibt damit eine erhebliche Lücke. Ich würde deshalb eher von einer schrittweisen Normalisierung über mehrere Monate ausgehen als von einer schnellen Rückkehr auf das Vorkrisenniveau.

Wie schnell können sich die Energiepreise, insbesondere Benzin- und Dieselpreise, normalisieren?

Auch bei den Preisen ist eher mit einer allmählichen als mit einer schnellen Entspannung zu rechnen. Der Rohölpreis reagiert in der Regel relativ schnell auf geopolitische Signale. Bei Benzin und Diesel verläuft die Anpassung deutlich langsamer, weil zwischen dem Rohölmarkt und den Endverbraucherpreisen mehrere Verarbeitungs- und Vertriebsstufen liegen - von der Raffinerie über Transport und Lagerung bis hin zum Vertrieb.

Hinzu kommt, dass viele Produkte auf Basis zuvor eingekaufter Rohölmengen hergestellt werden. Gleichzeitig bleiben Risikoaufschläge häufig zunächst bestehen, etwa durch höhere Versicherungsprämien und Transportkosten. Deshalb sinken Energiepreise nicht automatisch im Gleichschritt mit einer Entspannung der Lage. Eine Entlastung dürfte zwar eintreten, an den Tankstellen aber erst mit Verzögerung sichtbar werden.

Was würde es bedeuten, wenn der Iran künftig Gebühren für die Passage erheben sollte?

Der wirtschaftliche Effekt eines solchen Schritts läge weniger in den Gebühren selbst als in der zusätzlichen Unsicherheit, die dadurch entstehen würde. Über die Straße von Hormus laufen rund 20 Millionen Barrel Öl pro Tag sowie ein erheblicher Teil des globalen LNG-Handels. Schon geringe Zusatzkosten wirken damit unmittelbar auf ein sehr großes Volumen. Entscheidend ist jedoch die Reaktion der Märkte.

Inwiefern?

Versicherungsprämien würden steigen, Frachtkosten würden zunehmen, und viele Marktteilnehmer würden vorsichtiger agieren. Für Unternehmen würde vor allem die Planungsunsicherheit zunehmen, weil sich Transportkosten, Lieferzeiten und Risikobewertungen schwerer kalkulieren lassen. Strategisch würde ein solcher Schritt signalisieren, dass ein ohnehin sensibler Engpass weiter politisiert wird. Rechtlich wäre ein pauschales Gebührenmodell für die reine Durchfahrt zudem hochproblematisch. Für die Märkte wäre jedoch vor allem entscheidend, dass ein zusätzlicher Kosten- und Unsicherheitsfaktor entsteht.

Wie schnell könnte beispielsweise Saudi-Arabien mittels Pipeline-Bau die Straße von Hormus umgehen?

Kurzfristig wäre zusätzlicher Pipeline-Bau keine realistische Antwort auf die aktuelle Krise. Saudi-Arabien verfügt mit der East-West-Pipeline bereits über die wichtigste Umgehungsroute und kann einen Teil seiner Exporte über das Rote Meer abwickeln. Die verfügbare zusätzliche Kapazität bleibt jedoch begrenzt und liegt zusammen mit den Möglichkeiten der VAE bei etwa 3,5 bis 5,5 Millionen Barrel pro Tag. Dem stehen knapp 20 Millionen Barrel pro Tag gegenüber, die normalerweise durch die Straße von Hormus transportiert werden. Das zeigt, dass sich der Engpass strukturell nicht kurzfristig ersetzen lässt.

Wäre das eine langfristige Option?

Ein Ausbau von Pipelinekapazitäten kann strategisch sinnvoll sein, weil er die Verwundbarkeit reduziert und Exportwege diversifiziert. Als unmittelbare Reaktion auf eine akute Krise eignet sich Pipeline-Bau jedoch nicht. Auch langfristig würde er die Bedeutung der Straße von Hormus nur teilweise verringern, nicht aber vollständig ersetzen.

Mit Heena Nazir sprach Volker Petersen

Quelle: ntv.de

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