Wirtschaft

Zum Tod von Alan Greenspan Erst Magier, dann Buhmann

22.06.2026, 16:12 Uhr
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Alan Greenspan leitete die Federal Reserve von 1987 bis 2006. (Foto: REUTERS)

Fast zwei Jahrzehnte prägte Alan Greenspan als Fed-Chef die Zinspolitik der USA. Der Mann hinter dem Geld schien unantastbar - die Finanzwelt feierte ihn als Orakel und Magier. Doch dann kam die Finanzkrise.

Kaum ein Zentralbanker hat den modernen Kapitalismus so geprägt wie Alan Greenspan. Fast zwei Jahrzehnte stand als mächtigster Geldpolitiker der Welt an der Spitze der US-Notenbank – vom Ende des Kalten Krieges bis zum Beginn des digitalen Zeitalters. Nun ist er im Alter von 100 Jahren gestorben.

Greenspan führte die Fed während eines der längsten wirtschaftlichen Booms in der Geschichte der USA. Er steuerte die Zentralbank durch das Platzen der „Dotcom“-Blase und die Folgen der Terroranschläge vom 11. September 2001. Er erlangte Promi-Status, als die Aktienkurse unter Präsident Bill Clinton auf Rekordhöhen stiegen - trotz seiner Warnung, dass "irrationaler Überschwang" die Aktienkurse übermäßig in die Höhe treibe.

1987 wurde er von Ronald Reagan erstmals nominiert und ging nach fünf aufeinanderfolgenden Amtszeiten 2006 in den Ruhestand. Doch die Finanzkrise der beiden nächsten Jahre zerstörte seinen legendären Ruf. Aus einem Genie, dem Konjunktur und Inflation zu gehorchen schienen, wurde ein Sündenbock. Sein Name steht seitdem vor allem für eine fahrlässige Niedrigzinspolitik, die einem verheerenden Crash den Boden bereitete.

"Der großartigste Zentralbanker in der Weltgeschichte", hieß es in den Lobeshymnen der Politiker noch, als die USA Greenspan zur Jahrtausendwende für weitere vier Jahre an die Spitze der Notenbank Federal Reserve beriefen. Der damals bereits seit 13 Jahren amtierende Fed-Chef galt in der Welt des Geldes als Maß aller Dinge, genoss Kultstatus an den Finanzmärkten und hatte die Rückendeckung sowohl von Republikanern als auch von Demokraten.. Er war ein Meister des "Fed-Speak" - also in langen, verschachtelten Sätzen scheinbar viel zu sagen, allerdings ohne eine eindeutig interpretierbare Botschaft zu liefern. Das sollte verhindern, übertriebene Marktbewegungen auszulösen. Oder wie es Greenspan ausdrückte: "Wenn Sie glauben, ich hätte mich besonders klar ausgedrückt, dann haben Sie mich missverstanden."

"Greenspan-Put"

Greenspan war in große Fußstapfen getreten. Er hatte den Job vom legendären Paul Volcker übernommen, dem es gelungen war, die galoppierende Inflation mit einer gewagten Hochzinspolitik zu zügeln.. Aber Greenspan, der im New Yorker Stadtteil Washington Heights aufgewachsene Sohn eines Börsenmaklers und Finanzanalysten, wurde selbst rasch zum Superstar unter den Geldpolitikern. Der hagere Ökonom mit der großen Brille, der 1977 an der New York University promoviert hatte, schien einfach alles richtig zu machen. 1987, direkt nach seinem Amtsantritt, meisterte er in einer Art erster Nagelprobe das als "Schwarzer Montag" in die Finanzgeschichte eingegangene Börsenbeben. Die Fed öffnete die Geldschleusen, um die Panik der Anleger mit massenhafter Liquidität zu kontern.

Die Methode wirkte. Sie sollte zum Markenzeichen des Notenbankchefs werden. Geboren war das Versprechen, das in den Handelssälen der Finanzprofis fortan als "Greenspan-Put" bezeichnet wurde: Wenn es hart auf hart kommt, könnt ihr euch auf die Fed verlassen. Von den unangenehmen Risiken und Nebenwirkungen niedriger Zinsen und billigen Geldes war damals noch nicht so viel zu hören.

Greenspans Erfolg hielt an - unter seiner geldpolitischen Führung legte die US-Wirtschaft eine der längsten Blütezeiten in ihrer Geschichte hin. Anfang 2000 wurde es dem "Economist" unheimlich: Das renommierte Wirtschaftsmagazin beschrieb den Notenbanker als "Allmächtigen" der Finanzwelt. "Investoren verlassen sich so sehr auf Greenspans magische Hand, dass sie die Aktien in der Annahme hochbieten, dass er sie schon retten wird, wenn es schief geht."

Es dauerte dann noch sieben Jahre, bis es richtig krachte. Zunächst wurde Greenspan weiter für seine vermeintliche Weitsicht als Orakel gefeiert. Als der Terroranschlag auf die Zwillingstürme des World Trade Centers vom 11. September 2001 die Börsen erneut taumeln ließ, griff Greenspan einmal mehr zum bewährten Allheilmittel - und senkte entschlossen die Leitzinsen. Es wirkte. Doch wenn der Geldhahn zu lange offen steht, kann es zu Flurschäden kommen.

Heute gilt es als weitgehend unumstritten: Die Geldschwemme aus dem Greenspan-Tropf war ein Wegbereiter der Spekulationsblasen, die 2007 zum Zusammenbruch des Häusermarktes und dann zum konjunkturellen Kollaps führten. Die schlimmste Wirtschaftskrise der Nachkriegszeit fiel aber nicht mehr in Greenspans Amtszeit. Er ging vorher in Rente - die Aufräumarbeiten übernahm sein Nachfolger Ben Bernanke. Die Bewertung seiner Amtszeit blieb bis zuletzt zwiespältig: Für die einen war Greenspan der Architekt eines langen Wirtschaftsaufschwungs, für die anderen trug er mit seiner lockeren Geldpolitik eine Mitverantwortung für die Finanzkrise.

Quelle: ntv.de, jga/dpa