Wirtschaft

Expertin Kemfert zu Preisschock"Es wird Monate dauern, bis sich die Lage einpendelt"

10.04.2026, 18:33 Uhr
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Die Ölpreise sind kräftig gestiegen. (Foto: IMAGO/Newscom World)

Wochenlang kannten die Energiepreise nur eine Richtung: nach oben. Ob die brüchige Waffenruhe im Iran-Krieg daran etwas ändern kann, welche Entlastungen es jetzt braucht und wie Deutschland die Unabhängigkeit von fossilen Energien gelingt, sagt DIW-Energieökonomin Claudia Kemfert im Interview mit ntv.de.

ntv.de: Es heißt, wir erleben gerade die global schwerste Energiekrise seit dem Zweiten Weltkrieg. Wie dramatisch ist die Lage in Deutschland wirklich?

Claudia Kemfert: Die Lage ist zweifellos angespannt. In Deutschland und Europa spüren wir die Krise bislang weniger direkt, da wir vergleichsweise geringe Energielieferungen aus dem Nahen Osten beziehen. Dennoch sind wir indirekt stark betroffen, vor allem durch steigende Preise für Öl und Gas. Diese wirken sich auf nahezu alle Güter aus und erhöhen den Inflationsdruck. Entscheidend ist nun, wie lange die Straße von Hormus beeinträchtigt bleibt: Davon hängt ab, ob es zu echten Versorgungsengpässen bei Energie oder auch bei wichtigen Vorprodukten wie Düngemitteln kommt. Je länger die Krise anhält, desto gravierender werden die Folgen.

Nehmen wir an, es kommt zu einer Einigung und die Straße von Hormus wird tatsächlich wieder geöffnet. Wie lange würde es dann dauern, bis die Energiepreise wieder auf Vorkriegsniveau sind, wie rasch könnten sich dann sinkende Rohölpreise an der Tankstelle bemerkbar machen?

Das wird man nicht unmittelbar merken, sondern nur mit deutlicher Verzögerung. Wir beobachten hier den sogenannten "Raketen-Feder-Effekt": Steigende Preise werden sehr schnell und oft sogar mit zusätzlichen Margen weitergegeben und schlagen sich unmittelbar in höheren Benzinpreisen nieder. Sinkende Preise hingegen kommen deutlich langsamer an. Selbst wenn sich die Lage entspannt, wird es mehrere Monate dauern, bis sich die Märkte wieder einpendeln. Und auch dann gilt: Die Preise sinken in der Regel nicht im gleichen Umfang, wie sie zuvor gestiegen sind.

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Claudia Kemfert leitet die Abteilung Energie, Verkehr, Umwelt am Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW Berlin) und ist Professorin für Energiewirtschaft und Energiepolitik an der Leuphana Universität. (Foto: picture alliance / foto2press)

Stichwort erhöhte Margen: Wer profitiert eigentlich von dem Preisschock? Und wer muss die Rechnung zahlen?

Kurzfristig profitieren vor allem Öl- und Gasunternehmen sowie fossile Exportländer wie Russland von hohen Preisen und der starken Volatilität. Gleichzeitig entstehen aber auch neue Gewinner: Länder und Unternehmen, die konsequent auf erneuerbare Energien, Digitalisierung und Elektrifizierung setzen, denn dort liegen die zentralen Wachstumsmärkte und sie stärken zugleich die strategische Unabhängigkeit. Die Verlierer sind vor allem die Importländer fossiler Energien, insbesondere Europa. Deutschland gehört dazu: Wir sind nach wie vor stark von fossilen Energien abhängig und damit verwundbar. Aus früheren Energiekrisen haben wir nicht ausreichend gelernt. Trotz Fortschritten ist unsere Abhängigkeit noch immer zu hoch.

Infolge der steigenden Energiepreise ist die Inflationsrate in Deutschland zuletzt auf 2,7 Prozent geklettert. Die Energiekrise 2022 hat sich in den Lebensmittelpreisen erst mit Verzögerung bemerkbar gemacht. Wie wahrscheinlich ist es, dass das Inflationsgespenst zurückkehrt?

Aktuell ist die Inflationsgefahr noch überschaubar, aber mit erheblichen Unsicherheiten behaftet. Prognosen sind derzeit besonders schwierig, da sie stark von der weiteren Entwicklung der Energiepreise und der geopolitischen Lage abhängen. Mittelfristig kann Inflation jedoch wieder zum Problem werden. Das DIW schätzt die Teuerungsrate in diesem Jahr auf durchschnittlich rund 2,8 Prozent. Die Risiken treten zeitverzögert auf, ähnlich wie in der Energiekrise 2022, als steigende Energiekosten erst später bei Lebensmitteln durchschlugen - allerdings voraussichtlich nicht in dem gleichen Ausmaß wie damals. Entscheidend ist, wie lange diese fossile Energiekrise andauert, davon hängt maßgeblich die weitere Preisentwicklung ab.

Welche Maßnahmen braucht es jetzt für eine schnelle und wirksame Entlastung der Menschen?

Wir brauchen in erster Linie ein gezieltes Klimageld, das nach Einkommen und regionalen Belastungen gestaffelt ausgezahlt wird, um besonders betroffene Haushalte wirksam zu entlasten. Ergänzend sollte die Stromsteuer für alle gesenkt werden, insbesondere für private Haushalte. Gleichzeitig müssen klimafreundliche Alternativen günstiger werden: Das Deutschlandticket sollte deutlich verbilligt werden und damit eine echte Alternative zum Auto darstellen. Zudem wäre ein Social-Leasing-Programm für Elektrofahrzeuge sinnvoll, wie es in Frankreich bereits existiert, mit niedrigen Leasingraten für Haushalte mit geringem Einkommen. Darüber hinaus braucht es Maßnahmen zur Reduktion des Energieverbrauchs, etwa ein Tempolimit, einen besseren und günstigeren ÖPNV, mehr Bahnverkehr sowie mehr Homeoffice-Möglichkeiten. Nur durch diese Kombination aus gezielter Entlastung und strukturellen Veränderungen lässt sich eine sozial gerechte und zugleich nachhaltige Entlastung erreichen.

Wie könnte ein solches Klimageld aussehen?

Das Klimageld könnte aus den Einnahmen der CO₂-Bepreisung finanziert werden. Zusätzlich wäre es sinnvoll, fossile Subventionen schrittweise abzubauen, etwa das Dienstwagen- und Dieselprivileg, und die Mittel umzuschichten. Auch Übergewinne fossiler Unternehmen könnten zur Finanzierung herangezogen werden. Entscheidend ist aber die Umsetzung: Wenn man will, findet man einen Weg, wenn man nicht will, findet man Ausreden. Ein Blick nach Österreich zeigt, dass es geht: Dort wurde innerhalb von sechs Monaten ein funktionierender Auszahlungsmechanismus geschaffen. In Deutschland hat es deutlich länger gedauert. Mittlerweile sind die technischen Voraussetzungen zwar vorhanden, aber der politische Wille kam zu spät.

Auch die Bundesregierung berät über weitere Maßnahmen. Die SPD bringt einen Energiepreisdeckel und eine Übergewinnsteuer ins Gespräch, die CDU will eine Erhöhung der Pendlerpauschale und eine Senkung der Stromsteuer. Welche Vorschläge taugen mehr?

Die Erhöhung der Pendlerpauschale ist ein teurer und wenig zielgenauer Ansatz, der vor allem Haushalte mit hohem Einkommen und langen Wegen begünstigt und zusätzlichen Verkehr fördert, statt ihn zu reduzieren. Ähnlich problematisch sind pauschale Energiesteuersenkungen wie ein Tankrabatt: Sie kosten den Staat Milliarden, kommen nur teilweise bei den Verbraucherinnen an und können in Unternehmensgewinnen landen. Eine Senkung der Stromsteuer kann sinnvoll sein, wenn sie breit wirkt und gezielt Haushalte entlastet. Energiepreisdeckel sind hingegen kritisch zu sehen, da sie teuer sind, Preissignale verzerren und Einsparanreize schwächen. Eine Übergewinnsteuer sollte geprüft werden, da Krisengewinne genutzt werden können, um gezielt zu entlasten.

Sie raten also von der Gießkanne ab und sprechen sich eher für zielgerichtete Maßnahmen aus. Ein Risiko, dass diese nicht schnell genug greifen, sehen Sie nicht?

Wo ein Wille ist, ist auch ein Weg. Eine pro-Kopf-Auszahlung beim Klimageld lässt sich schnell umsetzen, die technischen Voraussetzungen über die Steuer-ID liegen bereits vor. Auch eine Einkommensstaffelung ist möglich, etwa indem das Klimageld versteuert wird und so automatisch sozial ausgewogen wirkt. Entscheidend ist, dass Entlastungen zielgenau erfolgen, sonst entstehen teure Fehlanreize. Das gilt für Haushalte ebenso wie für Unternehmen: Von pauschalen Maßnahmen wie einem Industriestrompreis profitieren auch viele, die ihn nicht benötigen, und es wird zusätzlicher Energieverbrauch subventioniert. Sinnvoller ist es, gezielt Energieeffizienz und Einsparungen zu fördern. Unsere Analysen zeigen, dass nur wenige Industrien wirklich energieintensiv und im internationalen Wettbewerb stehen. Diese kann man gezielt entlasten, etwa über Klimaschutzverträge oder Investitionshilfen für Elektrifizierung und erneuerbare Energien.

Wirtschaftsministerin Reiche setzt stattdessen auf mehr Gasimporte. Ihr Argument: Langfristige Lieferverträge sollen uns absichern. Ist mehr Gas die richtige Antwort auf die Krise?

Mehr Gasimporte sind kurzsichtig und ein teurer energiepolitischer Kurzschluss. Sie verlängern die Abhängigkeit von fossilen Energien, machen uns anfälliger für Preisschocks und geopolitische Risiken und konterkarieren die Klimaziele. Neue Importinfrastruktur und langfristige Verträge binden Kapital in ein auslaufendes System - das sind teure Fehlinvestitionen.

Ministerin Reiche würde wahrscheinlich entgegnen: Wir brauchen Gas als Brückentechnologie für den Übergang zu den Erneuerbaren. Ist da was dran?

Das "Brückentechnologie"-Argument höre ich seit Jahrzehnten. Tatsächlich brauchen wir keine Brücke mehr, weil wir das rettende Ufer - die erneuerbaren Energien - längst erreicht haben. Wer jetzt weiter auf Übergangslösungen setzt, verlängert die fossile Abhängigkeit. Neue Gasinfrastruktur ist teuer und auf Jahrzehnte ausgelegt, das passt nicht zu den Klimazielen. Zudem ist Gas weder günstig noch sicher, wie aktuelle Krisen zeigen. Preis- und Versorgungsschocks machen die Verwundbarkeit des fossilen Systems deutlich. Gleichzeitig sind die Alternativen vorhanden: Erneuerbare Energien, Speicher, Elektrifizierung - sie sind kostengünstiger, sicherer und langfristig verfügbar.

Wie können sich Deutschland und Europa künftig besser gegen eine globale Preiskrise wie durch den Irankrieg wappnen? Welche Lehren sollten wir aus diesem Energiepreisschock ziehen?

Wir müssen konsequent die Abhängigkeit von fossilen Energien reduzieren. Der wichtigste Hebel ist der deutlich schnellere Ausbau von Wind- und Solarenergie. In Kombination mit Digitalisierung, intelligenten Netzen und Speichern lässt sich sicherstellen, dass günstiger Strom jederzeit verfügbar ist. Gleichzeitig müssen wir den Energieverbrauch senken, etwa durch energetische Sanierung und Elektrifizierung, zum Beispiel mit Wärmepumpen und E-Mobilität, ergänzt durch Tempolimit und einen günstigeren ÖPNV. All das macht das Energiesystem robuster, senkt Kosten und reduziert die Importabhängigkeit.

Christian Lindner hat Erneuerbare Energien in der Energiekrise 2022 als "Freiheitsenergien" bezeichnet. Ist eine Welt der Erneuerbaren eine friedlichere?

Ich stimme Christian Lindner selten zu, aber in diesem Punkt hat er recht. Erneuerbare Energien sind Freiheits- und Friedensenergien. Sie machen uns unabhängig von fossilen Importen, geopolitischen Krisen und Preisschocks auf den Weltmärkten. Sonne, Wind, Geothermie und Wasserkraft sind heimisch, unbegrenzt verfügbar und können nicht politisch instrumentalisiert werden. Sie sind damit das beste Gegengift gegen die Fossilokratie. Entscheidend ist jedoch: Diese Freiheit entsteht nur, wenn wir den Ausbau konsequent beschleunigen und das Energiesystem modernisieren. Andernfalls bleibt es bei einer bloßen Floskel.

Mit Claudia Kemfert sprach Pit Terjung

Quelle: ntv.de

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