Wirtschaft

Letzte Minuten vor Absturz Ethiopian-Piloten wichen von Notfallplan ab

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Noch immer steht die Ursache des Absturzes der Boeing 737 Max von Ehtiopian Airlines nicht fest.

(Foto: picture alliance/dpa)

Im Fall der abgestürzten Boeing 737 Max werden neue Details zu den letzten Handlungen im Cockpit bekannt. Einem Medienbericht zufolge hielten sich die Piloten von Ethiopian Airlines zunächst strikt an den vorgegebenen Notfallplan. Doch dann entschieden sie sich um.

Die Piloten der abgestürzten Boeing 737 Max von Ethiopian Airlines hielten sich einem Zeitungsbericht zufolge zunächst an einen Notfallplan bei einer Fehlfunktion des als Absturzursache vermuteten Kontrollsystems MCAS. Das "Wall Street Journal" berichtete unter Berufung auf Insider, die Piloten hätten das System zum automatischen Absenken des Flugzeugs ausgeschaltet und versucht, die Maschine über das Handrad in der Mittelkonsole wieder nach oben zu ziehen. Doch dann hätten sie die Stromzufuhr wieder angestellt, um stattdessen einen Schalter zum üblichen elektrischen Trimmen am Steuerknüppel zu benutzen. Mit dem Trimmen soll das Flugzeug in eine stabile Lage gebracht werden.

Die komplexen Anforderungen an Piloten in einer Situation wie bei den zwei Abstürzen von Boeing-Maschinen des Typs 737 Max waren den Flugaufsichtsbehörden in Europa und den USA schon lange bekannt. Die europäische Aufsicht EASA zertifizierte das Flugzeug auf der Basis, dass zusätzliche Prozesse und Trainings die Piloten darüber aufklärten, wie sie in diesem für selten gehaltenen Fall ein manuelles "Trimmrad" zur Korrektur der Lage des Flugzeuges einsetzen müssten. Auch die US-Aufsicht FAA hatte den EASA-Unterlagen zufolge Bedenken, dass die herkömmliche Korrektur-Prozedur in einem solchen Fall ausreicht.

Im Schulungsmaterial von American Airlines für die 737 Max war genau diese Anweisung aber nicht enthalten. In der Version vom Oktober 2017 wird das seit den 1960er-Jahren in der Cockpit-Mittelkonsole verbaute Rad zwar erwähnt, aber nicht erläutert, unter welchen Umständen es zu benutzen ist.

Trimmrad braucht enormen Kraftaufwand

Boeing wollte zur laufenden Untersuchung des Absturzes vom 10. März in Äthiopien keine Stellung nehmen. Es war der zweite Absturz eines solchen neuen Flugzeugmodells kurz nach dem Start. Deshalb ist die Boeing 737 Max, der Verkaufsschlager des größten Flugzeugherstellers der Welt, seit Mitte März weltweit aus dem Verkehr gezogen worden.

Boeing und die US-Luftfahrtaufsicht FAA stehen in der Kritik, weil das MCAS-System zum automatischen Absenken der Flugzeugnase bei drohendem Strömungsabriss mutmaßlich nicht richtig funktionierte und Piloten nicht darüber aufgeklärt und dazu geschult worden waren. Der erste Bericht zur Absturzursache in Äthiopien soll diese Woche veröffentlicht werden. An diesem Mittwoch sei das aber noch nicht geplant, erklärte ein Sprecher des Verkehrsministeriums in Addis Abeba.

Auch die Ursache des ersten, ähnlichen Unglücks der indonesischen Fluglinie Lion Air von Ende Oktober steht noch nicht endgültig fest. Klar ist aber, dass fehlerhafte Sensordaten an das MCAS eine Rolle spielten. Boeing hatte nach dem Absturz in Indonesien eine Anleitung herausgegeben, wie das MCAS abgestellt wird. Eine Notfallrichtlinie der US-Behörde FAA folgte. Darin werden die Piloten angehalten, die Stromzufuhr über Schalter in der Mittelkonsole zu unterbrechen und während des gesamten Fluges auszulassen. Die FAA hatte schon vor mindestens drei Jahren Bedenken geäußert, dass die Korrekturmöglichkeit über den elektrischen Schalter im Krisenfall zu schwach sei, wie aus einem Zulassungsdokument der europäischen Luftfahrtaufsicht EASA hervorging.

Wie Reuters außerdem von einem 737-Piloten erfahren hat, ist der manuelle Eingriff über das seit den 60er Jahren bei Boeing verbaute Trimmrad nur mit größerem Kraftaufwand möglich. Boeing will den vermuteten Defekt mit einem Software-Update beheben, das auf die kommenden Wochen verschoben wurde. US-Pilotenverbände hatten gefordert, der Flugzeugbauer solle für die zur Freigabe der 737 Max notwendige Reparatur die Erkenntnisse aus dem Absturz in Äthiopien berücksichtigen.

Quelle: n-tv.de, vck/rts