Wirtschaft

Angst vor Mega-Pleite Evergrande macht China nervös

AP_20223332186877.jpg

Da braut sich etwas zusammen...

(Foto: Feng Yi)

In China wächst die Angst vor einer Pleite des Immobilienriesen Evergrande. Erst versichert die Konzernführung, das Unternehmen werde nicht bankrott gehen. Doch nun warnt sie vor Zahlungsausfällen. Nicht nur Wohnungskäufer, Handwerker und Kleinanleger zittern - auch die Kommunistische Partei ist alarmiert.

Sechs Monate nach der Anzahlung von umgerechnet 85.000 Euro für ihre Traumwohnung wartet Ji Wenchen, wie Tausende Chinesen, immer noch auf die Schlüsselübergabe. Doch der kriselnde Immobilienriese Evergrande hält sich nicht an seine Zusagen. Die 30-Jährige hatte sich die Summe von ihren Eltern geliehen. Ihre Wohnung befindet sich immer noch im Bau. "Mein Name steht nicht in der Eigentumsurkunde, was bedeutet, dass Evergrande noch nicht einmal mein Geld an die Stadtverwaltung gezahlt hat. Normalerweise sollte das innerhalb eines Monats erledigt sein", berichtet sie. "Ich kann in diesen Tagen kaum schlafen und essen."

China Evergrande
China Evergrande ,29

Evergrande hat in Jahren aggressiver Expansion Schulden in Höhe von umgerechnet fast 300 Milliarden Euro angehäuft. Der Konzern ist in mehr als 280 chinesischen Städten präsent und eins der größten Privatunternehmen in der Volksrepublik. Ende Juni lag der Bestand an Wohnungen im Bau nach Angaben der Beratungsfirma Capital Economics bei 1,4 Millionen, ihr Wert bei umgerechnet 170 Milliarden Euro.

Immer mehr Kunden fürchten, dass die im Voraus bezahlten Wohnungen niemals gebaut werden. Lieferanten und Subunternehmen haben sich bereits wegen Zahlungsausfällen beschwert; auf Baustellen ruhen die Arbeiten. Der Kurs an der Börse von Hongkong fiel seit Beginn des Jahres um rund 75 Prozent.

Das Unternehmen räumte in einer Mitteilung an die Börse in Hongkong ein, es stehe unter "enormem Druck". Der Konzern habe Finanzberater eingestellt, die "alle machbaren Lösungen" prüfen sollten, um den Schuldenberg abzutragen. Es gebe aber keine Garantie, dass Evergrande all seinen finanziellen Verpflichtungen werde nachkommen können, warnte die Konzernführung.

Sie machte die negative Berichterstattung verantwortlich für die aktuelle Schieflage. Die Berichte hätten potenzielle Käufer abgeschreckt. Gerade der September sei der Monat, wo Immobilienverkäufer die besten Geschäfte machten. Evergrande hat bereits Firmenanteile verkauft und Preisnachlässe für Wohnungen angeboten. Auch das Firmengebäude in Hongkong steht zum Verkauf.

"Angriff auf unsere Rechte"

Gegründet wurde der Konzern 1996 von Xu Jiayin, der zwischenzeitlich zum reichsten Mann Chinas aufstieg. Beim Börsengang 2009 sammelte Evergrande umgerechnet 7,6 Milliarden Euro ein. Der Niedergang begann im August 2020, als der Staat den Immobilienkonzernen die sogenannten "drei roten Linien" vorgab. Diese setzten den Firmen Grenzen für die Kreditaufnahme und zwangen sie, ihre Verbindlichkeiten zu reduzieren. Evergrande musste Immobilien mit immer höheren Preisnachlässen abstoßen. Vergangene Woche stuften zwei Ratingagenturen die Kreditwürdigkeit herab.

Evergrande ist nicht nur in der Immobilienbranche tätig - 2019 gründete der Konzern den Elektroautohersteller Evergrande Auto, der bis heute allerdings kein einziges Fahrzeug verkauft hat. Auch in die Sektoren Tourismus, Internet, Digitalwirtschaft, Versicherungen und Freizeitparks investierte das Unternehmen. Zudem gehört ihm der Fußballclub Guangzhou FC in Kanton.

Dutzende Menschen standen heute im strömenden Regen vor der Firmenzentrale des Konzerns in Shenzhen im Süden des Landes. Es sind Wohnungskäufer, Geschäftspartner und Kleinanleger. Sie wollen alle das Gleiche: ihr Geld. "Sie schulden mir mehr als zehn Millionen Yuan (1,3 Millionen Euro)", sagt eine Frau namens Xia. Sie hätte von einem so großen Konzern erwartet, dass er das Geld zahlen würde - aber das tat das Unternehmen nicht. "Dies ist ein Angriff auf unsere Rechte als Bürger", sagt sie. "Wir haben Projekte für sie verwaltet, aber wir haben immer noch kein Geld bekommen", sagt ein weiterer Demonstrant, der seinen Namen aus Angst vor Repressalien nicht nennen will.

Es sind etwa 60 bis 70 Menschen, die sich vor dem Tor der Firma versammelt haben, die wie kaum eine andere in China für den Traum vom Eigenheim und Wohlstand stand. Firmengründer Xu Jiayin arbeitete sich vom armen Landbewohner zu einem der reichsten Männer des Landes hoch und symbolisiert so den Aufstieg Chinas seit der wirtschaftlichen Öffnung in den 90er-Jahren.

Bis vor kurzem rissen sich die Menschen darum, ihr Geld in die Projekte seiner Firma zu stecken. Nun versperren Polizisten mit durchsichtigen Schilden den Zugang zur Zentrale und hindern Journalisten am Filmen.

Peking will Luft aus der Blase lassen

In einem Land, das offiziell kommunistisch ist, ist der Besitz von Eigentum ein wichtiges Zeichen für den sozialen Status. In vielen Familien ist es sogar die Bedingung, dass ein Mann eine Wohnung besitzt, bevor er eine Frau heiraten kann.

Der Immobiliensektor ist zudem ein wichtiger Teil der chinesischen Wirtschaft - mehr als ein Viertel aller Investitionen entfallen darauf. Finanziert durch günstige Kredite haben zig Millionen Haushalte in Immobilien investiert. Kollabiert ein Gigant wie Evergrande, könnten die wirtschaftlichen Folgen schwerwiegend sein. Denn wenn die bislang beständig steigenden Preise der Immobilien unter den Betrag der zurückzuzahlenden Kredite fallen, droht China eine Finanzkrise.

Das bringt die chinesische Führung in Peking in eine Zwangslage: Auf der einen Seite will sie das Anwachsen der auf Pump finanzierten Immobilienblase stoppen - auf der anderen Seite drohen soziale Unruhen, falls Hunderttausende Bürger bei einem Kollaps von Evergrande und einer daraus resultierenden Pleitewelle auf die Straße gesetzt werden. Und nichts ist der Kommunistischen Partei wichtiger als soziale Stabilität.

Mehr zum Thema

Ein Bankrott hätte enorme Auswirkungen. "Der Kollaps von Evergrande wäre die größte Herausforderung für das chinesische Finanzsystem seit Jahren", sagte Mark Williams, Chefökonom Asien bei Capital Economics. Dann müsste die Zentralbank einschreiten und Evergrande stützen.

Williams nannte eine Umstrukturierung des Konzerns das "wahrscheinlichste Szenario". Andere Baufirmen könnten die begonnenen Projekte übernehmen. Die Bilder wütender Menschen vor der Firmenzentrale könnte die Führung in Peking alarmieren, die soziale Proteste zu vermeiden sucht.

"Ich mache mir Sorgen um meine Wohnung, die ich laut Vertrag bis zum 31. Oktober bekommen soll", sagt ein Mann in Shenzhen, der sich als Kevin vorstellt. Die Immobilie befindet sich in Jiaozuo, in der zentralen Provinz Henan. "Ich habe Evergrande vor ein paar Tagen danach gefragt. Mir wurde gesagt, dass es zu einer Verzögerung kommen könnte, weil sie nicht genug Arbeiter haben", erzählt er. "Alles, was ich tun kann, ist warten."

Quelle: ntv.de, jga/AFP

ntv.de Dienste
Software
Newsletter
Ich möchte gerne Nachrichten und redaktionelle Artikel von der n-tv Nachrichtenfernsehen GmbH per E-Mail erhalten.