Wirtschaft
Ex-Notenbankchef Ben Bernanke hat eine neue Analyse zur Finanzkrise geschrieben. Praktischerweise entlastet sie ihn.
Ex-Notenbankchef Ben Bernanke hat eine neue Analyse zur Finanzkrise geschrieben. Praktischerweise entlastet sie ihn.(Foto: picture alliance / dpa)
Donnerstag, 13. September 2018

Was löste die Finanzkrise aus?: Ex-Fed-Chef Bernanke entlastet sich selbst

Von Hannes Vogel

Zehn Jahre nach der Lehman-Pleite wird noch immer über die Ursachen für den Crash gestritten. Die Blase am US-Häusermarkt sei nicht entscheidend gewesen, schreibt nun Ex-Notenbankchef Ben Bernanke. Nicht ganz uneigennützig.

Wer erinnert sich nicht an diesen Tag? An die Bilder von Bankern, die ihre Sachen vor laufenden Kameras ohnmächtig in Pappkartons aus dem Gebäude tragen, wie aus dem Himmel gefallene Finanztitanen, die eben noch Meister des Universums waren. Die Adresse: 745 7th Avenue, New York City, ein paar Blocks vom Times Square entfernt. Der Tag: 15. September 2008. Das Ereignis: Die Pleite von Lehman Brothers, eine der größten Investmentbanken der Welt, die eigentlich zu groß zum Scheitern war.

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Heute steht an dieser Stelle immer noch eine Bank: die britische Barclays. Sie hat sich nach dem Bankrott die Reste von Lehman Brothers einverleibt und den früheren Hauptsitz der Bank übernommen. Aber noch immer streiten Politiker, Wissenschaftler und Durchschnittsbürger darüber, wie genau es zur Krise kam - und wer die Verantwortung trägt. Einer, der den Crash von 2008 an vorderster Front bekämpft hat, meldet sich nun zu Wort: Ex-Notenbankchef Ben Bernanke, bis Anfang 2014 verantwortlich für die US-Geldpolitik.

Bernanke ist heute Experte für die Brookings Institution in Washington. Für den linksliberalen Think Tank hat er seine neue Analyse zur Finanzkrise veröffentlicht. Fazit: "Der Häuser-Crash allein kann nicht erklären, wieso die große Rezession so schlimm ausfiel, wie sie war." Der Absturz der Wirtschaft ginge "zum großen Teil auf den Run auf kurzfristige Finanzierung und verbriefte Kredite zurück", behauptet Bernanke.

Etwas weniger technisch ausgedrückt könnte man sagen: Die Panik, die auf das Platzen der Blase am US-Häusermarkt folgte, war für die Wirtschaft viel verheerender als die Blase selbst. Bernankes wissenschaftliche These hat eine enorme politische Dimension. Denn damit schiebt der frühere Notenbankchef die Schuld für Millionen verlorene Jobs und Billionenverluste an den Börsen hauptsächlich auf die Finanzmärkte - und weg von sich selbst.

Kreditorgie und Bankenpanik

Bernanke macht zwei Faktoren für die Krise verantwortlich: erstens die Schuldenorgie am US-Immobilienmarkt, wo Banken Milliarden in Ramschkredite pumpten, die sie anschließend zu neuen Papieren verschnürten und weiterverkauften. Und zweitens die Panik, die nach dem Platzen der Häuserblase das Finanzsystem gefrieren ließ, als Banken das Vertrauen ineinander verloren und sich kein Geld mehr liehen, weil sie nicht wussten, wieviel Kreditmüll in ihren Büchern schlummerte. Beide Faktoren, schreibt Bernanke, hätten sich überlagert.

Doch laut seiner statistischen Analyse hatte die Bankenpanik den größeren Anteil am enormen Schaden, den die US-Wirtschaft durch den Crash genommen hat. Ohne sie wäre die Krise längst nicht so schlimm geworden, wie sie letztlich war, schreibt Bernanke. Denn die Schrotthypotheken waren mit anderen Papieren zu hochkomplexen Produkten vermischt worden.

Als die Subprime-Blase platzte, hätten Investoren das Vertrauen nicht nur in Hypothekenanleihen, sondern in nahezu alle verbrieften Kredite verloren. Die Panik habe übergegriffen auf "zahlreiche andere Papiere, die mit dem Häusermarkt nichts zu tun hatten, wie Unternehmensanleihen und mit Kreditkartenschulden oder Studentenkrediten gedeckte Papiere."

Die "Panik-Faktoren allein erklären verlässlich den steilen Absturz des Wirtschaftswachstums und anderer Variablen" wie Industrieproduktion, Arbeitslosigkeit und Konsum, doziert Bernanke. Die Ausfälle am Hypothekenmarkt dagegen nicht. Daraus leitet er eine brisante Schlussfolgerung ab: "Die aggressiven Maßnahmen der Verantwortlichen gegen die Finanzpanik an der Wall Street waren entscheidend, um noch viel verheerenderen Schaden vom Rest der Wirtschaft abzuwenden."

Statistische Analyse mit Eigennutz

Diese Erkenntnis kommt Bernanke mehr als gelegen. Denn der Notenbankchef gehörte zu den Verantwortlichen, die nach dem Lehman-Crash gigantische Finanzspritzen aus Steuermitteln von Ottonormalbürgern an die Pleitebanken verteilte. Und der von Kritikern der Bankenrettung bis heute dafür angeprangert wird.

Bernankes Datenklauberei blendet zudem Ursache und Wirkung aus. Auch wenn die Panik verheerender war als die Blase selbst: Ohne sie hätte es den Vertrauensverlust und den Crash an den Finanzmärkten erst gar nicht gegeben. Und so zutreffend seine Analyse statistisch sein mag, sie wirkt reichlich selbstgerecht. Denn Bernanke hat als Fed-Chef, wie fast alle Verantwortlichen vor der Krise, die Blase unterschätzt.

"Noch im März 2007, nachdem die Häuserpreise schon ein Jahr lang gefallen waren, sagte Bernanke vor dem Kongress, dass die Probleme im Subprime-Markt wahrscheinlich eingedämmt werden könnten", heißt es im Abschlussbericht der US-Untersuchungskommission zur Finanzkrise.  Schon bei der offiziellen Anhörung hatte Bernanke sich darauf verlegt, dass die Finanzkrise ein "perfekter Sturm" gewesen sei, den die Aufseher nicht hätten kommen sehen können.

Dabei hatte es Bernanke selbst in der Hand, das Platzen der Blase zu verhindern. Die niedrigen Zinsen der Zentralbank nach den Terror-Angriffen vom 11. September haben die Kreditorgie am US-Häusermarkt erst möglich gemacht. Zudem hätte Bernanke die Vergabe von Schrottkrediten drosseln und die Krise schon im Keim ersticken können. Warnungen gab es ab 2006 reichlich. Die Zahl der Zwangsvollstreckungen explodierte. Doch die Fed tat nichts. Erst im Sommer 2008 gab sie strengere Regeln heraus. Da war der Häusermarkt längst zusammengebrochen.

Mit seiner neuesten Analyse bleibt Bernanke sich treu. “Die absehbaren Verluste aus den Subprime-Krediten waren unbestreitbar nicht groß genug, um allein das Ausmaß der Krise zu erklären", verteidigte er sich schon vor Jahren vor der Finanzkrisenkommission. "Stattdessen sind die Verwundbarkeit des Systems und die Lücken im Krisenbekämpfungsarsenal der Regierung die Hauptgründe dafür, warum die Krise so verheerende Folgen für die breitere Wirtschaft hatte", sagte Bernanke damals. Sein neustes Papier scheint gar nicht so neu zu sein.

Quelle: n-tv.de