Wirtschaft

Hava Misimi im Interview "Finanzen aufräumen soll normal werden"

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(Foto: picture alliance / Zoonar)

Anfang 2018 hat Hava Misimi ihren Finanzblog gestartet. Darüber hinaus ist die 27-Jährige auch ausgebildete Finanz- und Versicherungsberaterin, Fintech-Expertin und mittlerweile Immobilienbesitzerin. Im Interview spricht Hava Misimi über ihre Expertise, richtig Ordnung ins Thema Geld zu bringen.

Hava, du bist 27 Jahre jung und seit mehr als drei Jahren Finanz-Influencerin. Wie hast du dieses Feld für dich entdeckt?

Nach dem Abitur wollte ich ein duales Studium bei der Bank machen. Ich war immer schon gut in Mathe, Zahlen waren einfach meine Welt. Ich habe mich aber doch erst mal für ein Wirtschaftsstudium mit Schwerpunkt Marketing entschieden. Dadurch bin ich zur Unternehmensberatung gekommen. Da spielen Finanzen natürlich eine Rolle, genau wie für mich damals als Berufseinsteigerin. Also habe ich mich jeden Tag sehr viel mit Finanzen auseinandergesetzt.

Welche Bedeutung hat dann Geld für dich gespielt?

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Hava Misimi

Für mich ist Geld stark mit Unabhängigkeit verknüpft. Mir war es immer schon wichtig, mein eigenes Geld zu verdienen und Geld zu besitzen, weil es Sicherheit gibt. Ich habe nie gedacht, Geld sei die Wurzel allen Übels, sondern ganz im Gegenteil. Geld kann uns sehr viel beibringen und viel ermöglichen. In jeglicher Hinsicht.

Ergab sich diese Erkenntnis schon als Wirtschaftsstudentin? Oder erst später?

Ich habe schon im Studium allein gelebt und nebenbei gearbeitet und dadurch gelernt zu haushalten. Ich habe mir viele Gedanken gemacht, ob es auch andere Wege gibt, Geld zu erwirtschaften. Das nächste Level ist, es irgendwie zu schaffen, nicht nur von seinen Einnahmen als Arbeitskraft abhängig zu sein.

Gut. Wenn man also ganz am Anfang steht, wie legt man los?

Das Wichtigste ist, sich einen Überblick zu verschaffen. Am besten trägt man am Anfang ganz akribisch alles in eine App ein. Denn man weiß meistens gar nicht, was man so für Essen und Hobbys ausgibt. Ein Tipp ist auch, möglichst alles mit Karte zu bezahlen. Das gibt den besseren Überblick als mit Bargeld. Dann sollte man gut mit Versicherungen aufgestellt sein. Viele junge Menschen wissen gar nicht, welche Versicherungen sie brauchen. Außerdem sollte man wissen, welche Ziele man im Leben hat. Nach denen richtet man dann nämlich seine Finanzplanung aus.

Standen diese Erkenntnisse im Mittelpunkt, als du 2018 deinen Blog "Femance" gestartet hast?

Dort habe ich erst mal nur Artikel für mich selbst geschrieben. Alles, was ich über Geld gelernt habe, habe ich runtergetippt. Irgendwann habe ich aber gedacht, dass davon auch andere profitieren könnten. Deshalb habe ich den Blog öffentlich gemacht. Dafür habe ich dann auch einige Fortbildungen absolviert. 2019 habe ich für meinen Blog den Comdirect Finanzblog Award gewonnen.

Was hat sich dadurch für dich und deinen Blog verändert?

Mein Blog hat voll an Fahrt aufgenommen. Ich habe viel mehr Aufmerksamkeit erhalten. Seitdem wächst die Community immer weiter, auch auf Instagram. Dort erreiche ich mit meinen Themen vor allem Frauen. Ich glaube, dass sich viele Frauen mit mir identifizieren können.

Worum geht es mittlerweile auf deinem Blog?

Es geht um alles, was mit Finanzplanung und auch Sparen zu tun hat. Ich gehe Fragen nach wie: Welches Ziel erreiche ich mit welcher Anlage? Welche Unterschiede und Möglichkeiten gibt es? Ich versuche, diese Themen etwas spielerisch zu denken.

Themen, aus denen das jetzt erschienene Buch geworden ist?

Genau, das Buch ist auch für Einsteigerinnen gedacht. Es geht darum, wie man seine Finanzen sozusagen from scratch aufräumt. Und auch da starte ich wieder mit dem Thema Zielsetzung. Für die Ziele und Möglichkeiten gibt es im Buch verschiedene Personen aus unterschiedlichen Lebensbereichen.

Dein Buch hat den Titel "Money Kondo. Wie du heute deine Finanzen aufräumst und morgen freier lebst". Was hast du von der Aufräum-Legende mitgenommen?

Ich orientiere mich an Marie Kondos Aufräumprinzipien. Sie hat gewisse Strategien, die man ein Leben lang für sich behält. Mit einer gewissen Leichtigkeit. Genauso ist es bei mir. Es geht um eine nachhaltige Finanzplanung, die man fest in sein Leben integriert.

Du stellst am Anfang deines Buches die These auf, dass wir ein ambivalentes Verhältnis zu Geld haben. Wie sieht das aus?

Auf der einen Seite ist Geld enorm wichtig für uns, weil es jeden Tag Teil unseres Lebens ist. Wir kaufen uns nicht nur Dinge mit Geld, sondern schaffen uns wie gesagt Unabhängigkeit. Andererseits kümmern wir uns nicht um dieses Geld. In Deutschland lagern wir es immer weiter auf dem Girokonto, obwohl das Geld dort an Wert verliert.

Was können wir dagegen tun?

Wir müssen Wege finden, in dieser Niedrigzinspolitik unser Geld zu vermehren, um unsere Ziele erreichen zu können. Wir verlassen uns teilweise zu stark auf den Staat. Die gesetzliche Rente bröckelt, sie ist nur noch ein Grundstock. Das ist vielen gar nicht so bewusst. Das müssen wir erkennen und eigenverantwortlich handeln.

Klar, jede:r Einzelne muss etwas tun. Aber ist der Staat nicht auch in der Verantwortung?

Ja, ich finde ich es superschade, dass man die wirtschaftlichen Zusammenhänge nicht in der Schule lernt. Da müssen wir schon das Verständnis schärfen. Dann spielt das Rentensystem eine große Rolle. Darüber müsste in der Öffentlichkeit mehr diskutiert werden. Es muss den Menschen klargemacht werden, dass die Rente nicht mehr als ein guter Grundstock ist.

Dazu hast du 15 Strategien aufgestellt. Kannst du eine kleine Preview geben?

In den ersten Strategien geht es vor allem darum, wie der Zinseffekt funktioniert und wie man diesen für sich nutzen kann. Dann geht es weiter in die Tiefe, seine Strategie zu finden, die man dann nachhaltig weiterverfolgt. Eine Strategie, die man langfristig beibehält und auf die man immer wieder zurückgreifen kann.

Und der erste Schritt ist welcher?

Der erste Schritt ist immer, sich einen Notgroschen anzusparen, seine Schulden abzubezahlen und eine Routine für sich zu entwickeln. Es geht nicht darum, sich alles aus den Rippen zu schneiden, sondern Wege zu finden, die langfristig funktionieren. Und dann geht es mit dem Anlegen los. Da helfen dann die Personen in meinem Buch aus verschiedenen Einkommensklassen und mit unterschiedlichen Anlagezielen.

Es gibt mittlerweile schier unendlich viele Optionen, Geld anzulegen. Wie hast du eine Auswahl getroffen?

Da mein Buch an Anfänger:innen gerichtet ist, habe ich die gängigsten Anlagen herausgegriffen, die sich miteinander verknüpfen lassen. Es geht eher um die Basis, nicht gleich um Kryptowährungen. Ich meine vor allem den Wertpapiermarkt und Lebensversicherungen. Außerdem natürlich Rohstoffe und Immobilien.

Aber gerade Immobilien sind doch eher was für professionelle Anleger:innen und nicht für Einsteiger:innen.

Viele denken, man muss dafür Unsummen an Geld ansparen, aber das stimmt so nicht. Natürlich ist es schwierig, wenn du alleinerziehend bist oder Teilzeit arbeitest. Aber ein Single und ein:e Normalverdiener:in kann das sehr gut umsetzen. Ich habe meine erste Immobilie mit 24 Jahren gekauft, davor hatte ich gerade mal zwei Jahre voll gearbeitet.

Also teilst du mit deiner Leser:innenschaft auch deine persönlichen Erfahrungen?

Es gibt extra Abschnitte im Buch, in denen ich meine eigenen Erfahrungen und meine persönliche Meinung in die Strategien mit einfließen lasse. Gerade beim Thema Immobilien zeige ich meiner Leserschaft, wie ich mein Eigenkapital aufgebaut habe und wie viel meine Immobilie gekostet hat. Das ist ein reales Beispiel, das anderen helfen soll.

Was erhoffst du mit dem Buch zu erreichen?

Ich möchte, dass das Buch die Hürden senkt, wenn es um Finanzplanung geht. Finanzen aufräumen soll ganz normal werden. Es soll irgendwann einfach zum Leben dazugehören. Und ich wünsche mir, dass sich nicht nur die Behörden um Finanzen kümmern, sondern alle motiviert sind, das Thema anzugehen und ihre Strategien umzusetzen.

Mit Hava Misimi sprach Katharina Boecker

Das Interview ist zuerst bei Business Punk erschienen

Quelle: ntv.de

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