Wirtschaft

Weinbauern in der Krise Flüssiges Gold aus Griechenland

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Reben mit Meerblick: Weinanbau auf Samos.

In Krisenzeiten greifen die Griechen am liebsten zu billigen Weinen und Spirituosen. Dass Winzer, die auf Qualität setzen, trotzdem überleben, haben sie der wachsenden Nachfrage aus Osteuropa, Asien und Russland zu verdanken. Ein Grund, warum auf der Weininsel Samos auch niemand über offene Grenzen meckern mag.

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Die Seele des Metaxa: Kellermeister Costas bei der Arbeit.

Jedes Jahr im August, wenn die goldgelben Trauben in großen Bündeln schwer an den Reben hängen und für Winzer Yiannis Skoutas die Lese beginnt, schwört er sich, dass dies das letzte Jahr ist. Auf 800 Metern liegen die schmalen Terrassenfelder des Griechen, hoch oben, in den Bergen der ostägäischen Insel Samos. Die Sonne brennt auch an diesem Septembernachmittag, seit Monaten gab es keinen Regen, nur der Wind peitscht feuchte, salzige Luft vom Meer hinauf, bewässert wild wuchernde Weinstöcke.

Azurblaues Meer umgibt die Insel, Feigen und Oliven reifen, irgendwo meckert eine Ziege. Ein Paradies, denken Urlauber, die hierherkommen. Doch Yiannis Skoutas, 41, ächzt unter den Bedingungen, unter denen er hier erntet. "Es gibt keinen chaotischeren Weinberg als diesen hier", sagt er. Dieser bärige Mann im Filzhemd sieht eigentlich aus, als könne ihn nichts aus der Ruhe bringen. Doch in Zeiten wie diesen reicht schon der Anblick von Weizen. Skoutas deutet auf den Wildwuchs zwischen den Reben, alle zwei Wochen mäht er das Korn mit der Hand. Ein Sisyphos-Job. Erst vor einigen Tagen gab es wieder Streit mit der Frau, die nicht verstehen will, warum Skoutas sich neben seinem Job beim Agrarinstitut auf der Insel, für den kargen Lohn den Rücken kaputt macht.

Yiannis Skoutas ist einer von mehreren hundert Winzern, die auf Samos die Terrassenfelder bewirtschaften. Wie er verdienen viele ihr täglich Brot in anderen Berufen oder ernten zusätzlich Oliven oder Feigen. Wer hier Wein anbaut, scheut die schweißtreibende Arbeit nicht, denn es geht um die Pflege der uralten Tradition. Seit 3000 Jahren wird auf der Insel die Muskatellertraube angebaut. Eine Genossenschaft auf Samos wacht strikt über die Qualität bei Anbau und Ernte. Wein aus Samos zählt zu den wenigen Qualitätsprodukten, die Griechenland exportiert, seine Dessertweine und Spirituosen haben international zahlreiche Preise eingeheimst. Auf der Insel kommen keine Maschinen zum Einsatz, bis auf Sulfat auch keine Chemikalien. Jeder Weinbauer darf nur wenige Hektar bewirtschaften. Klasse statt Masse, so lautet das Credo.

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"Wir sind nicht Coca Cola": Muskateller wächst auf Samos seit 3000 Jahren.

Doch wer abends auf Bürgersteigen vor den Lokalen die üppig gedeckten Tische sieht und länger hinschaut, sieht kaum mehr edle Weine. Zwischen Souvlaki und Tsaziki fehlen vor allem Qualitätsprodukte. Beim Blick ins Portemonnaie greifen die Griechen derzeit lieber zu billigeren Produkten wie dem harzigen Retsina oder dem süffigen Imiglikos, oder aber sie verzichten ganz. Constantine Stergides, Organisatorin der griechischen Weinhandelsmesse, berichtet, dass viele Kellereien schon seit Monaten um Geld kämpfen müssen. Winzer, die auf Qualität und Tradition setzen, mögen sich fragen, ob sich die schweißtreibende Arbeit überhaupt noch lohnt.

Auf die EU schimpfen, das mag auf Samos aber dieser Tage niemand. Mit der Krise sei merkwürdigerweise auch der Zusammenhalt auf der Insel zurückgekehrt. Weil die Genossenschaft Festpreise pro Kilo zahlt, gab es früher oft Streit, weil Bauern der oberen Plantagen der Ansicht waren, dass ihre Trauben besser sind als die der Winzer weiter unten. "In unruhigen Zeiten ist man froh über Berechenbarkeit, außerdem ist dies ein gutes Jahr für den Wein", sagt Skoutas. Außerdem ist man auf Samos froh, dass das Exportgeschäft brummt. Damit der Tropfen aus Samos um die Welt geht, braucht es offene Grenzen und Marktwirtschaft, das wissen die Winzer.

Großabnehmer aus Athen

Die Spirituose, die das überlebenswichtige Zugpferd für Samos dieser Tage ist, heißt Metaxa. Rund 400 Kilometer Luftlinie von Samos entfernt liegt die Zentrale des Spirituosenherstellers, in einem schicken Vorort von Athen. An der Pforte des 60er-Jahre-Baus wacht ein stattlicher Schädel aus Bronze, ein Bildnis von Spyros Metaxa, jenem Griechen, der 1888 die Spirituose auf den Markt brachte. Unter dem Verwaltungstrakt erstreckt sich ein gigantisches Labyrinth, tausende Eichenholzfässern lagern hier im schummrigen Rotlicht. Rund zehn Millionen Flaschen füllt das Unternehmen hier ab.

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"In unruhigen Zeiten ist man froh über Berechenbarkeit."

So ursprünglich die Anbaubedingungen in Samos sind, so international geht es hier in der Athener Zentrale zu. Seit 2008 gehört Metaxa zu , einer Unternehmensgruppe, die für Champagner und Likör zuständig ist. Ein Riese auf dem internationalen Spirituosenmarkt mit Zugang zu 600 Märkten. Auch hier spürt man den dramatischen Einbruch auf dem heimischen Markt.

"Wir konzentrieren uns darauf, dass unser Marktanteil in Russland, Osteuropa und China weiter wächst", sagt Panos Sarantopoulos, der seit anderthalb Jahren die Geschäfte hier führt. Als die Marke ins Wanken geriet, verlagerte er seinen Arbeitsplatz aus dem französischen Champagne wieder nach Athen. Sarantopoulos ist mit Metaxa groß geworden, als Kind hat er schon immer unter großen Werbeplakaten Fußball gespielt.

Derzeit wird viel in Marketing investiert, in Deutschland, Frankreich und Belgien. Aber auch in Asien. China, Korea und Japan sind auf den Geschmack von Whiskys, Weinbränden und Dessertweinen aus Europa gekommen. "Sie sind an unserer Kultur interessiert und diese Getränke gehören dazu", sagt Sarantopoulus.

Nachhaltiger als der Euro

Metaxa ist ein globales Unternehmen, das aber gerne mit der Ursprünglichkeit wirbt, die die Winzer der Insel Samos leben. "Wir sind nicht Coca Cola", sagt Sarantopoulos, wenn er über die Qualität referiert. Dazu zitiert er gerne den Kellermeister Constantinos Raptis herbei. Der Grieche wacht über Mischung, Rezeptur und Reifung. Er diktiert, wie viel Destillat und wie viel Rosenwasser vermengt werden, wie lang der Metaxa lagern muss. Und er diktiert, dass der beigefügte Süßwein nur aus Samos kommen darf.

Gerade war er wieder auf der Weininsel, ist durch die wild wuchernden Reben der kleinen Terrassenfelder gestreift. Wie ein Spitzenkoch, der sich versichern will, dass er auch ordentliche Zutaten erhält. Das Meersalz, die Feigen, Nüsse und Oliven auf den Terrassenfeldern, eben diese chaotischen Anbaubedingungen, all das schmecke man in den Trauben, sagt Raptis, So macht er auch den Winzern Mut, weiterzumachen.

Denn finanziell lohnt sich der Anbau der Trauben für sie kaum. Die Ernte auf einem Hektar bringt in einem guten Jahr wie diesem rund 400 Kilogramm Trauben, pro Kilo zahlt die Genossenschaft einen Euro. Skoutas verdient pro Saison also nur 750 Euro. "Erntehelfer kann ich davon nicht bezahlen, es muss in der Familie bleiben", sagt er. Also wird er weiter beim Agrarinstitut auf der Insel arbeiten müssen, während die Gattin als Ingenieurin ihr Geld verdient. Über den kargen Lohn für die Ernte trösten sie sich damit, dass Wein aus Samos wie flüssiges Gold sei. Nachhaltiger als der Euro und weltweit in aller Munde.

Quelle: ntv.de