Wirtschaft

Deutsche Windkraft in der Krise "Fünffache Menge neuer Windräder nötig"

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Eine Windkraft-Leistung von gerade mal 1078 Megawatt wird im vergangenen Jahr installiert - fast 80 Prozent weniger als noch 2017.

(Foto: imago images / Horst Galuschka)

Die Windkraft in Deutschland geht derzeit durch ein tiefes Tal. Im vergangenen Jahr wird so wenig an neuer Leistung zugebaut wie seit dem Jahr 2000 nicht mehr. Die Klimaziele der Bundesregierung sind damit kaum zu erreichen, warnt der Branchenverband. Doch es gibt noch Hoffnung.

Der Bau neuer Windkraftanlagen an Land in Deutschland ist 2019 auf ein historisches Tief gefallen. So gingen im vergangenen Jahr lediglich 325 neue Anlagen mit einer Gesamtleistung von 1078 Megawatt ans Netz, teilten der Bundesverband Windenergie (BWE) und der Verband Deutscher Maschinen- und Anlagebau (VDMA) mit. Dies waren 55 Prozent weniger als 2018 und 80 Prozent weniger als 2017.

Es ist damit der niedrigste Stand seit dem Inkrafttreten des Erneuerbare-Energien-Gesetzes (EEG) im Jahr 2000. Außerdem ist 2019 erstmals weniger Leistung an Land als auf hoher See installiert worden. Zwar erwartet die Windbranche 2020 wieder etwas mehr neue Windräder an Land. Es könnte etwa 1400 bis 1800 Megawatt Leistung installiert werden, sagte der BWE voraus. Dies sei aber bei Weitem nicht ausreichend für die Klimaziele der Regierung.

Laut BWE müsste eigentlich die fünffache Menge an Windrädern - einer Leistung von 5000 Megawatt entsprechend - jährlich gebaut werden, um das Regierungsziel eines Anteils erneuerbarer Energien von 65 Prozent am Stromverbrauch bis 2030 zu erreichen. Gehe der Ausbau ähnlich wie 2019 weiter, sei zudem ein Viertel der Arbeitsplätze in der Branche nicht mehr zu retten. Der BWE verwies darauf, dass in den nächsten Jahren zunehmend alte Anlagen abgerissen würden und daher sogar die Zahl der Windräder unterm Strich schrumpfen könnte. Bisher genutzte Flächen benötigten häufig neue Genehmigungen.

Union bringt neue Vorschläge

Ein Grund für die Bauflaute ist mangelnde Akzeptanz. Die Bundesregierung sucht deshalb nach Wegen, sowohl die Akzeptanz als auch das Bauvolumen wieder zu erhöhen. BWE-Präsident Hermann Albers bezeichnete die neuen Vorschläge der Union dazu als konstruktiv. "Das ist ein deutlicher Fortschritt gegenüber den bisherigen Vorschlägen von Wirtschaftsminister Peter Altmaier."

Union und SPD streiten seit Längerem über Wege zu mehr Akzeptanz und einen schnelleren Ausbau. Eigentlich sollte dies bereits im vergangenen Jahr im Zuge des Klimapakets geregelt werden. Ein Gesetzentwurf sah vor, dass Windräder nur in einem Abstand von 1000 Metern von einer Ansammlung von mehr als fünf Wohngebäuden errichtet werden dürfen. Dies traf auf scharfe Kritik in SPD und der Erneuerbaren-Branche.

Der neue Unions-Vorschlag will sich nun an Bebauungsplänen mit ausgewiesenen Siedlungsgebieten orientieren, wie es in dem Konzept heißt. Es sieht ferner vor, dass die Bundesländer auch einen geringeren Abstand als 1000 Meter möglich machen können. Auch den Kommunen solle dies im Zuge von neuen Bauleitplanungen erlaubt werden.

BWE-Präsident Albers lobte, die in den Plänen ausgewiesenen Gebiete seien in der Regel verdichtete Ortsbestandteile, sodass dies ein Fortschritt gegenüber der Fünf-Häuser-Regelung sei. SPD-Fraktionsvize Matthias Miersch sagte, man werde jeden Vorschlag sorgfältig prüfen. "Alle müssen sich daran messen lassen, ob das Ausbauziel von 65 Prozent erneuerbaren Energien 2030 verlässlich erreicht wird."

"Stehen vor Deindustrialisierung"

Spätestens im März müsse unter Führung von Kanzlerin Angela Merkel zusammen mit den Ländern eine Lösung gefunden werde, sagte BWE-Präsident Albers. In den vergangenen drei Jahren seien wegen der Ausbauflaute schon 40.000 Beschäftigte entlassen worden.

"Wir stehen in der Windkraft-Branche kurz vor einer Deindustrialisierung", warnte auch Grünen-Fraktionschefin Katrin Göring-Eckardt mit Blick auf den drohenden Jobverlust. "Wir brauchen deutlich mehr Windenergie an Land: für Klimaschutz, für den Industriestandort Deutschland, für gute Arbeitsplätze", forderte Göring-Eckardt. Bei mehr Windkraft sei auch ein schnellerer Kohleausstieg möglich.

Quelle: ntv.de, kst/rts/AFP