Wirtschaft
Befristete Arbeitsverträge sind weder die Ausnahme, noch die Regel.
Befristete Arbeitsverträge sind weder die Ausnahme, noch die Regel.(Foto: picture alliance / dpa)
Montag, 07. Mai 2018

Post in der Kritik: Gibt es überhaupt ein Befristungsproblem?

Von Jan Gänger

Die Befristung von Arbeitsverträgen war eines der zähesten Streitthemen von CDU und SPD auf dem Weg zur Koalition. Nun ist das Thema dank der Deutschen Post wieder aktuell. Da stellt sich die Frage, wie groß das Problem denn ist.

Die Deutsche Post muss derzeit gehörig Prügel einstecken. Denn sie koppelt die Entfristung von Arbeitsverträgen auch an die Krankheitstage der Mitarbeiter. Unabhängig, wie das zu bewerten ist: Wie ist es eigentlich allgemein um befristete Verträge in Deutschland bestellt?

Während Gewerkschaften befristete Verträge geißeln, sprechen Arbeitgeber von einem "Jobmotor". Diese Positionen sind so erwartbar wie nachvollziehbar. Befristungen machen es Firmen leichter, jemanden einzustellen, wenn der Bedarf an zusätzlicher Arbeitskraft zeitlich begrenzt oder aus wirtschaftlichen Gründen zu riskant ist.

Für die Betroffenen bedeutet das: Sie bekommen damit unter Umständen überhaupt erst einen Job, doch müssen sie mit der ständigen Angst leben, dass sie bald wieder arbeitslos sind. Langfristige Lebensplanung ist damit nicht möglich. Hinzu kommt, dass die Möglichkeit von grundlosen Befristungen Missbrauch ermöglicht.

Mit Zahlen lässt sich all das nur schwer unterfüttern. Einige der vorhandenen Daten sind nicht sonderlich aktuell, wieder andere lassen sich nur eingeschränkt vergleichen.

Von Rot-Grün eingeführt

Die jüngsten Zahlen vom Statistischen Bundesamt sind von 2016. Demnach gab es hierzulande 37 Millionen Erwerbstätige, davon waren 4,8 Millionen befristet beschäftigt. Wird die Zahl derjenigen abgezogen, die sich in einer Ausbildung befinden, ergibt das knapp drei Millionen Menschen. Das heißt: Etwa acht Prozent der Beschäftigten arbeiten befristet.

Dabei ist zu unterscheiden zwischen Befristungen mit so genanntem Sachgrund und Befristungen ohne diesen Sachgrund. Zulässige Gründe für eine Befristung sind beispielsweise erhöhter Arbeitsbedarf etwa im Weihnachtsgeschäft oder Schwangerschaftsvertretungen.

Die rot-grüne Bundesregierung hatte 2001 die sachgrundlose Befristung eingeführt. Seitdem können Firmen ohne Angabe von Gründen Arbeitnehmer befristet einstellen. Damit sollten die Unternehmen einen Anreiz bekommen, mehr Menschen anzustellen - indem sie die risikolos erproben können.

Und wie viele sachgrundlose Befristungen gibt es? Eine konkrete Zahl gibt es nur für 2013. Nach Angaben des Nürnberger Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) waren damals 1,3 Millionen Verträge sachgrundlos befristet. Das entspricht einem Anteil von 3,8 Prozent der Beschäftigten ohne Auszubildende. Bei Betrieben ab 75 Beschäftigten liegt der Anteil bei 5,1 Prozent. Diese Zahl ist deshalb relevant, weil die Große Koalition in diesen Betrieben die Zahl jeweils auf 2,5 Prozent der Belegschaft reduzieren will. Das IAB, das zur Bundesarbeitsagentur gehört, schätzt, dass die Zahl der sachgrundlosen Befristungen dadurch um 400.000 sinken wird.

Problematisches Ausmaß

Aus den Statistiken geht mangels Vergleichszahlen nicht hervor, wie sich die Zahl sachgrundloser Befristungen entwickelt. Zur Einordnung: Die befristeten Arbeitsverhältnisse insgesamt haben von 1991 bis 2016 nach Angaben der gewerkschaftsnahen Hans-Böckler-Stiftung leicht zugenommen - besonders in den Jahren 2004 bis 2011. Seitdem sind die Befristungsquoten bei Frauen wie Männern und in fast allen Altersgruppen allerdings wieder leicht rückläufig.

Wie groß der Missbrauch befristeter Verträge ist, geht aus den Statistiken allerdings nicht hervor. So kommt es vor, dass Arbeitnehmer von einer befristeten Stelle auf die nächste gesetzt werden. Quantifizieren lässt sich das zwar nicht. Es sieht jedoch ganz danach aus, dass es Bereiche gibt, in denen die Befristung ein problematisches Ausmaß angenommen hat - und zu denen gehört vor allem der öffentliche Dienst.

Dem IAB zufolge lag der Befristungsanteil im Jahr 2014 (neuere Daten liegen nicht vor) in der Privatwirtschaft 6,7 Prozent. Im öffentlichen Dienst waren dagegen 7,4 Prozent aller Beschäftigungsverhältnisse befristet. Berücksichtigt man die Universitäten, erhöht sich der Anteil auf 10,4 Prozent. Mit anderen Worten: Im Wissenschaftsbereich liegt der Befristungsanteil bei 40 Prozent.

Wie problematisch die Situation im öffentlichen Dienst ist, zeigt eine weitere Zahl. Rund 58 Prozent der Einstellungen erfolgten dort (ohne die Unis zu berücksichtigen) im ersten Halbjahr 2014 befristet. In der Privatwirtschaft waren es 40 Prozent.

So entbehrt es nicht einer gewissen Ironie, wenn Finanzminister und SPD-Politiker Olaf Scholz die Einstellungspraxis bei der Deutschen Post, an der auch der Bund beteiligt ist, kritisiert. Schließlich haben in elf der 14 Bundesministerien mehr als 2,5 Prozent der Beschäftigten einen sachgrundlos befristeten Vertrag. Spitzenreiter war vergangenes Jahr das SPD-geführte Sozialministerium mit einem Anteil von 13,7 Prozent.

Quelle: n-tv.de