Wirtschaft

EY-Vertreter verweigern Aussage Gift und Galle für die Wirecard-Checker

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Wirecard-Skandal - und kein Ende.

(Foto: picture alliance/dpa)

Für die Wirtschaftsprüfer von EY, die jahrelang die Bilanzen von Wirecard billigten, läuft es nicht gut vor dem Untersuchungsausschuss. Erst sagt ein Konkurrent wenig Schmeichelhaftes über sie. Dann zeigen sich Abgeordnete genervt von einem "Computerladen"-Vergleich eines EY-Zeugen.

Alexander Geschonneck ist die Ruhe selbst. Seine Worte wägt der 50-Jährige ganz genau ab im steten Bemühen, korrekt zu bleiben bis ins kleinste Detail. Mehrfach betont er: "Ich bin kein Wirtschaftsprüfer", sondern "Mitarbeiter einer Wirtschaftsprüfungsgesellschaft". Sobald es ins Spekulative geht oder nicht direkt seinen Kompetenzbereich berührt, verkneift er sich als Zeuge lieber eine Aussage vor dem Wirecard-Untersuchungsausschuss. "Das ist eine hypothetische Frage, die ich nicht beantworten kann."

Geschonneck hütet sich, den Wirtschaftsprüfern von EY (ehemals Ernst & Young), die im Verdacht stehen, bei den Jahresabschlüssen von Wirecard - mindestens - geschlampt zu haben, konkrete Vorwürfe zu machen. Muss er auch nicht. Der Zeuge formuliert vieles so, dass Zuhörern schnell klar wird, was er tatsächlich meint. "Das müssen Sie die Abschlussprüfer fragen", sagt Geschonneck, das Kürzel EY immerzu meidend. Doch dann gibt er den Ex-Kollegen süffisant einen mit: "Ich gehe davon aus, dass auch dort die Standards bekannt sind." Oder er betont: "Unser Auftrag war es nicht, die Tätigkeit des Abschlussprüfers zu prüfen und ihm dann zu sagen: Das machst du so, das machst du so". Allerdings: "Das Ergebnis war für uns auch überraschend."

Einblick in das Wirecard-Chaos

Der CDU-Abgeordnete Fritz Güntzler glaubt, erkannt zu haben: "Sie sind verzweifelt, das sagen sie so nicht, aber man merkt es Ihnen an." Tatsächlich haben Zuhörer das Gefühl, dass sich Geschonneck zügelt und über EY bösere Dinge sagen könnte, als er es tut. Denn er ist es gewesen, der hohen Anteil daran hatte, dass die milliardenschweren Bilanztricks von Wirecard öffentlich wurden. Der 50-Jährige arbeitet beim EY-Konkurrenten KPMG. Er leitete das Team, das mit bis zu 40 Leuten mehrere Jahresabschlüsse von Wirecard überprüfte, die EY bestätigt hatte. Im Sommer, einige Wochen nach Veröffentlichung des Geschonneck-Reports, gestand der Pleite-Konzern, in seiner Bilanz 1,9 Milliarden Euro nicht belegen zu können.

Geschonneck ermöglicht eine Vorstellung über das Chaos bei Wirecard. Er sei "auf erhebliche Hürden und Hindernisse gestoßen", das Management habe ungenügend kooperiert, sagt er. Dokumente seien teils mit mehrmonatiger Verspätung zur Verfügung gestellt, Termine verschoben und der Zugang zu IT-Systemen nicht ermöglicht worden. Angebliche Kundenbeziehungen samt vorgegaukelter Umsätze in Asien seien nicht ausreichend nachgewiesen worden. KPMG habe auch EY mehrfach bitten müssen, Unterlagen zur Verfügung zu stellen. Was er nicht verstehe. "Das ist keine Raketenwissenschaft, was wir da gemacht haben."

Mitunter kommt Geschonneck mit seiner fast obsessiven Zurückhaltung ungewollt komisch rüber. Danyal Bayaz von den Grünen insistiert: "Haben Sie nicht auch mal gedacht, hier stimmt was nicht"? Der KPMG-Mitarbeiter hält einige Sekunden inne, um dann zu antworten: "Wir haben uns gewundert." Damit sorgt er für herzhaftes Lachen. Bayaz wertet die Aussage später als "desaströses Zeugnis" für EY. Der Sozialdemokrat Jens Zimmermann möchte von Geschonneck erfahren, ob dieser glaube, "das Kartenhaus zum Einbruch gebracht" zu haben. "Davon bin ich überzeugt", sagt der KPMG-Mann. Zimmermann meint: "Klare Aussage, das freut mich." Die Gefühlswallung kommt daher, dass die Verteidigungsstrategie von SPD-Kanzlerkandidat Olaf Scholz darauf abzielt, vor allem EY die Schuld an dem Debakel zu geben und möglichst nicht Aufsichtsbehörden, für die er als Bundesfinanzminister zuständig ist.

"Seriöser Aufklärungswillen"

Der CSU-Politiker Hans Michelbach dankt Geschonneck für den "seriösen Aufklärungswillen", der zeige, dass "kein Schweigekartell" der vier großen Wirtschaftsprüfungsgesellschaften - in der Szene "Big Four" genannt - existiere. "Für mich retten Sie die Branche ein bisschen." Gemeint ist damit das Verhalten der EY-Zeugen, die vor dem Ausschuss die Aussage verweigern und sich dabei auf berufs- und strafrechtliche Verfahren oder Risiken berufen, was das Gremium nicht für alle gelten lässt.

Christian Orth von EY stellt sich als "Wirtschaftsprüfer aus Überzeugung" vor und erklärt sein Erscheinen mit "staatsbürgerlicher Pflicht" sowie in rasender Geschwindigkeit, wie total gerne er Rede und Antwort stehen würde, aber leider nicht könne. Zu Wirecard dürfe er nichts sagen, ohne sich in Gefahr zu bringen. Jedoch könne er "abstrakt" sein Business erläutern - was er mithilfe eines "Computerladens" dann auch tut. Der Ausschussvorsitzende Kay Gottschalk von der AfD unterbricht Orths Redeschwall. Bald danach wird die Stimmung im Saal giftig, was auch daran liegt, dass die Parlamentarier auf Orths fiktives Beispiel eingehen und ihn mit den Wörtern "Computerladen" und "abstrakt" zu ärgern versuchen.

"Es geht nicht um einen fiktiven Computerhändler"

Es ist ausgerechnet Gottschalk, dessen Partei für Krawall steht, der ruhig und freundlich bleibt, während die Kollegen immer bissig und sarkastisch ans Werk gehen. "Kennen Sie einen Computerladen, der 1,9 Milliarden Euro auf einem Treuhandkonto hat?", fragt der Linke-Abgeordnete Fabio De Masi. Sein FDP-Kollege Florian Toncar sagt einmal mit beißendem Spott: "Ich frage Sie doch nur zum Computerladen."

Der CDU-Abgeordnete Matthias Hauer spricht offen aus, was wohl - bis auf die Rechtsanwälte von EY - die meisten Zuhörer im Saal denken. Er habe den Eindruck, die Erklärung zur Schweigepflicht sei "nur vorgeschoben", um das Desaster nicht erklären zu müssen, erklärt Hauer. "Es geht nicht um einen fiktiven Computerhändler." Der EY-Mann wehrt sich: "Herr Abgeordneter, mit Verlaub, ich bin wirklich jetzt etwas überrascht." Er folge doch nur einem Gesetz, das der Bundestag beschlossen habe und ihn zum Schweigen zwinge.

"Glauben Sie mir bitte", fleht Orth und beteuert abermals, er wolle so gerne "umfassend und konkret" aussagen. Doch dafür bedürfe es eines Urteils des Bundesgerichtshofes oder einer Entbindung von der Schweigepflicht durch die früheren Wirecard-Vorstände Jan Marsalek, Markus Braun sowie sämtlichen "weiteren Organen der Gesellschaft", also des Unternehmens Wirecard.

Quelle: ntv.de