Wirtschaft

Experiment mit Vier-Tage-Woche Hotelkette will Arbeit attraktiver machen

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Die Situation ist kritisch. Es gibt kaum noch Bewerbungen für offene Stellen. Arbeitnehmern mehr zu bezahlen, habe keine langfristigen Auswirkungen auf den Personalmangel, sagt Personalchefin Kathrin Gollubits. Neue Ideen sind gefragt.

(Foto: picture alliance / imageBROKER)

Ein Trend macht Schule: Ab November will die Hotelkette 25hours die Viertage-Woche an zwei Standorten testen. Die Angestellten dürfen frei entscheiden, ob sie das Angebot annehmen wollen. Der Lohn bleibt derselbe. Personalchefin Kathrin Gollubits erklärt, wie die Branche davon profitieren könnte.

Warum haben Sie sich dazu entschieden, gerade jetzt die Vier-Tage-Woche bei 25hours Hotels auszuprobieren?

Kathrin Gollubits:  Die Idee schlummerte schon länger in uns und in mir, auch schon kurz vor der Pandemie. Die Situation in unserer Branche ist mit Blick auf Fachkräfte und Personal kritisch. Insbesondere in den operativen Bereichen erleben wir einen Personalmangel – bei Köchen, Restaurantmitarbeitern, Reinigungskräften. Bislang war die Not aber nie groß genug. In den letzten Monaten sind aber auch andere Mitarbeiter – Rezeptionisten, Reservierungsmitarbeiter zum Beispiel – in andere Branchen gewechselt. Wir bekommen kaum noch Bewerbungen für offene Stellen – einfach 100 oder 200 Euro mehr zu bezahlen, hat keine langfristigen Auswirkungen auf den Personalmangel. Wir haben überlegt, mit welchen Projekten, Initiativen und Maßnahmen wir dem entgegenwirken können – und da ist die Vier-Tage-Woche immer wieder auf den Tisch gekommen. Seit der Pandemie sehen wir wirklich große Lücken, nicht nur, wenn es darum geht, qualifizierte Mitarbeiter zu halten, auch wenn es darum geht, neue Mitarbeiter zu finden. Die Vier-Tage-Woche ist also eine Maßnahme zur Bindung, aber auch zum Finden neuer Kollegen. Auch unsere Mitarbeiter haben sich in einer internen Umfrage mehr Freizeit gewünscht.

Die Vier-Tage-Woche soll bei 25hours zunächst ein Experiment sein. Wie genau läuft das ab?

Wir haben Anfang nächster Woche eine Mitarbeiterversammlung mit allen über 90 Mitarbeitern aus den beiden Häusern in Hamburg, die an dem Projekt teilnehmen. Parallel informieren wir auf externen Plattformen über dieses Pilotprojekt, um neue Mitarbeiter zu finden, weil das Ganze natürlich nur funktionieren kann, wenn wir auch dadurch neue Mitarbeiter gewinnen, die in diesem Pilotprojekt arbeiten. Wir gehen davon aus, dass wir den Monat Oktober brauchen werden, um Interesse zu generieren und potentielle neue Mitarbeiter zu finden und wollen dann im November starten. Alle Mitarbeiter an den beiden Standorten können – müssen aber nicht – ab November in das neue Vier-Tage-Modell wechseln. Ausgenommen sind die Azubis, weil die ein ganz anderes gesetzliches Modell im Hintergrund haben. Wir planen mit Neun-Stunden-Schichten an vier Tagen.

Das sind dann 36 Stunden. Was passiert mit der übrigen Arbeitszeit?

Die wandert auf ein Überstundenkonto. Im Idealfall ist das ein ungenutztes Konto, dass nach einem Jahr auf Null gesetzt wird. In den ersten Wochen und Monaten ist das für uns tatsächlich ein Puffer, der uns hilft, dieses Projekt zu initiieren.

Wie viele Menschen planen Sie für diese Vier-Tage-Woche zusätzlich einzustellen?

Nach unseren Berechnungen sind es rund zehn Prozent mehr Personal. Ich hoffe, dass wir sehr flexibel an die Bewerber herangehen werden: Wenn jemand nur zwei Tage arbeiten möchte, werden wir denjenigen genauso berücksichtigen. In den beiden Häusern in Hamburg, in denen das Experiment stattfinden soll, ist aktuell knapp jede dritte Position nicht besetzt. Dafür suchen wir im Idealfall etwa 20 Mitarbeiter.

Gerade in der Hotellerie brauchen Sie an jedem Tag Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter vor Ort. Wie wird das funktionieren?

Mit der Vier-Tage-Woche verändert sich die Einsatzplanung für unsere Mitarbeiter. Und wir brauchen natürlich mehr Mitarbeiter, die bei uns starten, um erfolgreich zu sein. Wenn man dann vier Tage arbeitet, heißt das nicht für alle Montag bis Donnerstag, sondern die Tage variieren über sieben Wochentage, 365 Tage im Jahr. Diese Flexibilität muss nach wie vor gegeben sein, sonst funktioniert es natürlich nicht in unserer Branche.

Wie haben Ihre Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter auf die Ankündigung reagiert?

Die Reaktionen sind durchaus positiv. Der eine oder andere sagt: "Toll, jetzt habe ich genau die Freizeit zurück, die ich mir wünsche und kann trotzdem arbeiten". Aber es gibt natürlich auch kritische Stimmen, die sagen: "Neun Stunden sind das Maximum, ich muss dann meine Kinder abholen." Auch das wollen wir respektieren und entsprechend abbilden.

Sie haben erwähnt, dass sie mit der Vier-Tage-Woche neues Personal finden wollen und Menschen im Beruf halten wollen. Gibt es weitere Punkte, die das Modell für Sie als Unternehmen attraktiv machen?

Wir erwarten auch eine Produktivitätssteigerung der Mitarbeiter. Ich glaube, wenn man mehr Freizeitausgleich hat, sind die neun Stunden noch eine Spur produktiver. Außerdem: Wenn wir neue Mitarbeiter finden und dann endlich alle Positionen wieder besetzt haben, gibt sicher auch eine Auswirkung auf unseren Umsatz. Wir werden mehr Zeit haben für die Gäste. Wenn jemand ausgeruht und motiviert ist, merkt das der Gast zuerst. Ich glaube, das hat tatsächlich eine unglaubliche Auswirkung nicht nur auf die Mitarbeitermotivation und Bindung, sondern dann sehr kurzfristig auch auf das ganze Erlebnis. Ich hoffe auch, dass sich das Modell positiv auf die Abwesenheit durch Krankheit auswirkt.

Es gab ja Experimente zur Vier-Tage-Woche in anderen Ländern, zum Beispiel in Island. Sind aus diesen Erfahrungen Dinge in Ihre Überlegungen eingeflossen?

Ja, tatsächlich. Man liest aktuell viel über das Experiment in Island oder auch über einzelne Unternehmensgruppen, die das testweise versuchen. Dort haben sich Vorteile gezeigt bei Produktivität, Umsatzsteigerung, Zufriedenheit, Mitarbeiterbindung – all diese Dinge erhoffen und wünschen wir uns natürlich. Wir haben auch die kritischen Anmerkungen aus diesen Testläufen einbezogen, zum Beispiel, dass Schichten nicht länger als neun Stunden dauern sollten. Und auch, dass man nicht beginnt, die Leute zu kontrollieren, sondern versucht, das System locker einzuführen, mit Vertrauensarbeitszeit bei Positionen, wo dies möglich ist.

Könnten Sie sich vorstellen, dass eine Vier-Tage-Woche branchenweit zum Modell werden könnte und zu einer Lösung des Personalmangels beitragen könnte?

Ich weiß es nicht, aber ich würde es mir wünschen. Wenn wir nichts tun, hilft uns das auf jeden Fall nicht weiter, weder als Unternehmer noch als Branche. Das Image unserer Branche hat in den letzten Jahren insgesamt gelitten. Es könnte sein, dass man sagt: An vier Tagen arbeite ich gerne in dieser Branche und gebe volle Leistung – dafür habe ich eben mehr Freizeit als andere.

Ob das funktioniert, testen Sie jetzt bis Dezember. Wovon hängt es ab, ob das Experiment für 25hours zum Erfolg wird?

Da gibt es drei wichtige Punkte. Der erste sind die Bewerberzahlen, die Interessenten, die sich für die offenen Stellen an den zwei Standorten bewerben. Der zweite ist das Feedback unserer Mitarbeiter, das wir einholen werden, um weiterhin zu optimieren. Der dritte Punkt ist die Umsatzentwicklung, weil wir dann wieder all unsere Restaurants und Bars an allen Tagen öffnen können, wenn wir genug Mitarbeiter haben. Das Modell muss sich natürlich wirtschaftlich rechnen.

Gehen wir davon aus, das Experiment wird ein Erfolg – wie geht es dann weiter?

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Wenn alles so läuft, wie wir uns das vorstellen, wollen wir im Januar an anderen Standorten starten oder Abfragen zu machen, ob am jeweiligen Standort Interesse an dem Modell besteht, das könnte in Paris und Florenz ja zum Beispiel anders sein als in Hamburg. Aber Fachkräfte fehlen uns derzeit in ganz Europa, in allen Betrieben.

Das Interview erschien zuerst bei Capital.de.

Quelle: ntv.de

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