Wirtschaft

Umkämpfter Buchmarkt "Ich verteufle Amazon nicht"

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Für Amazon haben Bücher vor allem eins: eine hohe Marge.

(Foto: picture alliance/dpa)

Kleine Buchhandlungen haben es schwer. Der Konkurrent aus dem Internet scheint übermächtig. Der weltgrößte Onlinehändler feiert in Deutschland inzwischen sein 20-jähriges Jubiläum. Der Einzelhandel ist wegen seines enorm wachsenden Einflusses nicht so gut auf den Nebebuhler zu sprechen. Können Service, Expertise und Kundenkontakt dem "Amazon-Effekt" standhalten? Im Interview mit n-tv.de erklärt Buchhändler David Mesche aus Berlin, welche Vorteile inhabergeführte Buchläden haben und warum Amazon nicht zwangsläufig eine Bedrohung sein muss.

n-tv.de: In Deutschland gibt es immer weniger Buchhandlungen. Die Branche scheint der Konkurrenz aus dem Internet nicht gewachsen. Was hat sich mit dem Aufstieg von Amazon für Ihr Geschäft verändert?

David Mesche: Ich bin 2005 in den Buchhandel eingestiegen. Damals wurde der Online-Handel von stationären Buchhandlungen noch nicht so sehr als Gefahr wahrgenommen. Das kam eher schleichend. Ich würde sagen, ab 2010 fing das an, als immer mehr kleine Buchhandlungen schließen mussten. In den USA konnte man schon früher beobachten, wie über den Preis und schnelle Lieferungen kleine Buchhandlungen verdrängt worden sind.

Welche Folgen hatte das hierzulande?

Amazon ist ein renditegetriebenes Unternehmen, das Bücher nur verkauft, weil sie eine hohe und sichere Marge haben und leicht zu versenden sind. Der Aufstieg von Amazon hat besonders kleine Buchhandlungen gezwungen, sich zu positionieren. Der Online-Handel beherrscht einen erheblichen Marktanteil. Amazon ist aber nicht nur eine Bedrohung für den unabhängigen Buchhandel, sondern auch eine Chance. Das Unternehmen hat viel für die Kundenfreundlichkeit und Schnelligkeit getan. Auch der Aufbau der Webseite ist einfach super. Allerdings gibt es durchaus auch Sachen, die kleine Buchhandlungen besser machen.

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David Mesche ist Inhaber der Kiezbuchhandlungen "Buchbox!" in Berlin und Initiator der jährlichen Aktionswoche "Woche unabhängiger Buchhandlungen".

(Foto: Buchbox)

Und zwar?

Die Persönlichkeit. Eine Buchhandlung ist kein Computer. Ich versuche in meinen Geschäften die Menschen, die dort arbeiten, in den Vordergrund zu stellen. Unsere Kunden finden in den Läden persönliche Buchempfehlungen unserer Mitarbeiter. Viele denken, dass die Beratung eine Selbstverständlichkeit ist. Es gibt allerdings Kollegen, die das vernachlässigen. In den großen Ketten waren die Mitarbeiter Jahre lang austauschbar und unsichtbar - ähnlich wie der Algorithmus im Internet.

Haben Sie die Schlagkraft des Konzerns auch geschäftlich zu spüren bekommen?

Unsere Buchhandlungen laufen gut und verzeichnen seit der Gründung sogar leicht steigende Umsätze. Ich weiß, dass viele Kollegen, gerade in kleineren Städten, massiv unter Amazon leiden. Als Buchhändler muss man allerdings auch bei sich selber schauen, was man besser machen kann. Eine sichtbare Folge von Amazon sind die verödenden Innenstädte. Das ist in den letzten Jahren seit 2013 ein großes Thema geworden.

Wie hoch schätzen Sie die Bedrohung durch Amazon für den Buchhandel ein?

Sagen wir so: Ich freue mich, dass Amazon seinen Fokus verschoben hat. Der Online-Händler hat zwar mit Büchern angefangen, verdient einen Großteil seines Geldes jetzt aber mit anderen Dingen. Ich glaube, auch in den kommenden Jahren werden viele Buchhandlungen, die sich nicht wandeln, schließen müssen. Buchhändler können Amazon nicht auf seinen eigenen Gebieten schlagen. Eine eigene Webseite oder ein Online-Shop sind nicht die Lösung. Die Läden dürfen nicht nur Händler sein wollen. Sie müssen sich vielmehr auf ihre Zielgruppe einstellen und als kulturelles Zentrum verstehen - zum Beispiel, indem Lesungen oder Konzerte angeboten werden.

Wie reagieren Sie, wenn Freunde oder Bekannte bei Amazon bestellen?

Mit einem traurigen Verständnis, würde ich sagen. Es gibt ja Gründe, die dafür sprechen, bei Amazon zu bestellen. Ich weiß nicht, was ich machen würde, wenn ich mit Kindern in der Provinz wohnen würde und die Wahl habe zwischen kostenfreier Lieferung nach Hause oder der Fahrt in die nächste Kleinstadt. Ich kaufe auch ab und zu in Ausnahmefällen bei Amazon. Ich verteufle den Online-Händler nicht.

Mit David Mesche sprach Juliane Kipper

Quelle: ntv.de