Forscher zu Arbeitszeiten"In vielen Jobs arbeiten die Leute höchstens fünf Stunden produktiv"

Die Debatte über die vermeintlich faulen Deutschen reißt nicht ab. Olaf Struck, Professor für Arbeitswissenschaft an der Universität Bamberg, erklärt im Interview mit ntv.de Sinn und Unsinn von Mehrarbeit.
ntv.de: Einige Politiker und Unternehmer finden, die Deutschen arbeiten zu wenig. Wie viele Stunden ihrer Arbeitszeit sind Arbeitnehmer überhaupt produktiv?
Olaf Struck: Das kommt auf die Arbeit an. Wenn die Qualifikation da ist, die Mitarbeiter ausgeruht sind und ihnen die Arbeit viel Spaß macht, sind das sechs bis sieben Stunden. Doch in ganz vielen Jobs, in denen man etwa permanent abgelenkt wird, sind es vier, höchstens fünf Stunden. Das hat viele Ursachen, zum Beispiel, dass man von E-Mails abhängig ist oder von Kollegen gestört wird. Der Arbeitgeber und der Arbeitnehmer müssen sich schon sehr gut strukturieren, um sechs, sieben Stunden sehr produktiv zu arbeiten. Und irgendwann lässt in jedem Fall die Konzentration nach, auch schon in den Mittagsstunden, da haben die meisten biologisch bedingt ein Tief.
Wäre es dann nicht genauso produktiv, gleich nur sechs Stunden zu arbeiten?
Nein, die Ablenkung oder Pausen, die man nach eineinhalb Stunden braucht, um sich wieder konzentrieren zu können, bleiben auch an einem Sechsstundentag. Man arbeitet immer nur einen Teil seiner Arbeitszeit produktiv. In der Schweiz zum Beispiel sind neun oder zehn Stunden am Tag keine Ausnahme, aber da läuft die Arbeit viel ruhiger, mit viel mehr Pausen, Gesprächen und freundlichem Miteinander. In Deutschland wird verdichteter gearbeitet, aber die Leute sind wirklich platt, wenn sie das Unternehmen verlassen.
Ab wie vielen Stunden wird Arbeit unproduktiv?
Nach neun Stunden sinkt die Konzentration, ab zehn Stunden passieren Fehler und Unfälle. Das kann auch bei geistigen Tätigkeiten dramatische Folgen haben, zum Beispiel bei der Medikamentenzuteilung. Auch Geschwindigkeit und Produktivität sinken nach der neunten, zehnten Stunde sehr stark, vor allem am Ende der Arbeitswoche.
Hat das auch negative Folgen für die Gesundheit der Arbeitnehmer, sodass diese zum Beispiel öfter krank ausfallen?
Lange Arbeitszeiten korrelieren mit Stress und Schlafstörungen. Letztere sind auf Dauer besonders gefährlich, weil darunter natürlich die Konzentration leidet. Außerdem geht damit eine Schwächung des Immunsystems einher, nicht nur Erkältungskrankheiten, sondern auch mit kleinen Entzündungen im Körper. Da bestehen zahlreiche Wechselwirkungen, und am Ende hat man ein höheres Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen. Das merkt man in jungen Jahren nicht sofort, aber ab 50 geht es dann plötzlich nicht mehr. Das ist auch ein volkswirtschaftlicher Schaden.
Ist die Forderung nach mehr Arbeit also unrealistisch?
Natürlich können Jüngere auch mal mehr und länger arbeiten, aber ein Leben lang wird das nicht funktionieren - auch wenn es immer Einzelfälle gibt, in denen es klappt. Deshalb sind auch die vorgeschriebenen elf Stunden Ruhezeit so wichtig. Schon beim Achtstundentag bleiben abzüglich Arbeitsweg und Zeit für Schlafen, Essen und Hygiene nur etwa drei Stunden am Tag für Familie, Bildung - auch der Kinder -, soziale Kontakte, Pflege von Angehörigen, Sport, Einkaufen, politisches und soziales Ehrenamt etc. Wenn das noch weniger würde, zerstören wir uns Familie, die Bildung unserer Kinder, also unsere Gesellschaft. Das wird viel zu wenig diskutiert. Der Gesetzgeber muss auch darauf achten, dass wir in einer sozialen Welt leben.
Wie bewerten Sie eine Flexibilisierung der Arbeitszeit, wie sie die Bundesregierung plant? Die tägliche soll von einer wöchentlichen Höchstarbeitszeit abgelöst werden.
Es ist kein Problem, ein, zwei Mal die Woche zehn Stunden zu arbeiten. Wichtig ist, dass ein Ausgleich zeitnah, also innerhalb der folgenden Monate stattfindet. Das ist aber schon jetzt rechtlich möglich. Regelmäßig zehn Stunden zu arbeiten, ist aus den genannten Gründen kontraproduktiv. Der Achtstundentag ist das Ergebnis zahlreicher wissenschaftlicher Erkenntnisse und wurde deshalb schon vor mehr als 100 Jahren eingeführt. Davon abzuweichen, wäre sehr kurzfristig gedacht. Volkswirtschaftlich ist es Unsinn.
Wie lautet dann Ihre Lösung für einen Konjunkturaufschwung?
Längerfristig müssen wir schon mehr Arbeitspotenzial schaffen. Durch den Renteneintritt der Babyboomer brauchen wir bis 2035 gut sieben Millionen zusätzliche Arbeitskräfte. Neben Zuwanderung müssen wir also auch ein bisschen mehr arbeiten. Die Frage ist nur, wie. Arbeit muss so gestaltet sein, dass die Menschen auch mehr arbeiten können. Das hat viel mit mehr Technik, mehr Bildung und qualitativ guter Arbeit zu tun. Dann würden vielleicht auch künftig acht Stunden reichen, in denen wir aber produktiver arbeiten. Produktivitätswachstum ist nicht nur eine Frage von Arbeitszeiterhöhung. Wenn wir motiviert, gesund, mit hoher Bildung und sehr guter Technik arbeiten, brauchen wir nicht mehr über Arbeitszeit zu reden.
Heiß diskutiert wurde gerade die hohe Teilzeitquote. Unabhängig davon, wie passend der Begriff "Lifestyle-Teilzeit" ist, gibt es Menschen, die ohne zwingenden Grund ihre Arbeitszeit reduzieren. Wer und wie viele sind diese Arbeitnehmer?
Fast ein Drittel aller Erwerbstätigen arbeitet hierzulande in Teilzeit, vor allem Frauen. Etwa die Hälfte aller Teilzeitbeschäftigten gab in der Arbeitskräfteerhebung des Statistischen Bundesamtes keine direkten Gründe dafür an, also zum Beispiel nicht Kinderbetreuung oder Weiterbildung. Dahinter verbirgt sich oft Regeneration, sprich, ich schaffe einfach seelisch oder körperlich Vollzeit nicht. In der Pflege sieht man das daran, dass nicht nur Frauen in Teilzeit arbeiten, sondern oft auch Männer, insgesamt mehr als 50 Prozent. Von Überbelastung sprechen die Betroffenen ungern.
Schaffen Beschäftigte in Teilzeit mehr als Vollzeitkräfte, weil sie sich besser organisieren?
Ja, Teilzeitbeschäftigte sind tendenziell produktiver, weil sie ausgeruhter sind und sich besser sortieren, sich etwa gedanklich schon am Vortag vorbereiten. Das kommt natürlich auf die Tätigkeit an, ein Fließband kann man bei einzelnen Teilzeitkräften nicht schneller laufen lassen.
Heißt das, dass sich Arbeitgeber ins eigene Fleisch schneiden, wenn sie Beschäftigte zur Vollzeit verpflichten, falls diese keinen triftigen Grund für Teilzeit haben? Der Wirtschaftsflügel der Union hat ja vorgeschlagen, das Recht auf Teilzeit abzuschaffen.
Volkswirtschaftlich wäre nichts gewonnen. Wer bewusst in Teilzeit arbeitet und zur Vollzeit gezwungen würde, wird auf einen anderen Arbeitgeber ausweichen. Wir haben in vielen Bereichen immer noch einen Arbeitnehmermarkt, zum Beispiel in der Pflege, IT oder im Handwerk. Der Vorstoß ist auch ein Stück weit frauenfeindlich, weil quasi unterstellt wird, Teilzeitbeschäftigte daddeln herum. Außerdem wäre eine Nachweispflicht für einen Teilzeitgrund auch rechtlich schwer umsetzbar.
Wo sehen Sie die Schwierigkeiten bei einer Nachweispflicht?
Das ist unglaublich schwer zu steuern. Am Ende müssten Gerichte klären, was ein triftiger Grund ist. Kinderbetreuung lässt sich leicht nachweisen, aber was ist, wenn ich mich über meine aktuelle Tätigkeit hinaus weiterbilde - oder körperlich oder psychisch keine 40 Wochenstunden schaffe? Das ist neben der Pflege zum Beispiel oft bei Lehrern oder in Handel und Consulting der Fall. Kann und will ich das meinem Arbeitgeber wirklich mitteilen? Würde man da nicht lieber den Arbeitgeber wechseln, wenn möglich? Oder man müsste permanent Atteste vorlegen, dass man es psychisch nicht schafft, mehr als 30 Stunden zu arbeiten. Wie soll das fair geregelt werden? Das wäre unsinnig und hätte geringe Effekte auf die Arbeitszeit.
Mit Olaf Struck sprach Christina Lohner