Wirtschaft

Wirecard als Doku-Thriller "Kalten Atem der Anwälte im Nacken gespürt"

Der Aufstieg und Fall Wirecards ist der größte Finanzskandal, den Deutschland erlebt hat. Nun gibt es einen Doku-Thriller mit Christoph Maria Herbst als Wirecard-Boss. "Ich weiß Dinge über Markus Braun, die Markus Braun nicht einmal über sich weiß", sagt er im Interview mit ntv.de.

ntv.de: Der Wirecard-Skandal hat große Wellen geschlagen, wie haben Sie ihn selbst erlebt?

Christoph Maria Herbst: Mit großer Spannung, aufgerissenen Augen und oftmals offen stehendem Mund. Es hat mich sprachlos gemacht, wie die Behörden hierzulande leider versagt haben. Stichwort Bafn, die damals ja tatsächlich Leerverkäufe verboten hat. So sehr hat sich noch nie eine eigentlich doch unabhängige Institution wie eine Lämmer-Mutter vor eine privatwirtschaftlich agierende Aktiengesellschaft gestellt. Und da dachte ich dann irgendwie: Okay, Bananenrepublik, ick hör dir trapsen.

Hatten Sie Wirecard-Aktien?

Ich bin im Aktiengeschäft nicht wirklich zu Hause, habe aber in den 80er-Jahren mal eine Banklehre gemacht und weiß zumindest, dass Aktien zur Altersvorsorge gehören. Ohne mich also als Visionär darzustellen, für mich war klar: Die Wirecard-Aktie kommt nicht in mein Depot. Als ich mir damals den Aktienkurs angeguckt habe, ging der ja wirklich teilweise exponentiell nach oben. Da dachte ich mir schon, dass da irgendwas faul ist. Ich habe aber einige Freunde, die in Wirecard investiert hatten. Gott sei Dank sind die aber rechtzeitig ausgestiegen. Denn das ist ja das Tragische an dem Skandal: Der hat viele Otto Normalverbraucher tatsächlich um ihre ganzen Ersparnisse gebracht. Wobei ich mich schon auch frage, wer tatsächlich jemandem geraten haben könnte, alles auf diese eine Aktie zu setzen. Das geht gar nicht. Und da bin ich froh, dass mir die Gier nicht das Hirn gefressen hat und ich die Finger davon gelassen habe.

Das Verfahren gegen den Ex-Chef von Wirecard, Markus Braun, läuft ja noch. Wie ist das, ihn gleichzeitig schon in einem Film zu spielen?

Ja, Markus Braun sitzt in Untersuchungshaft. Das ist ein sogenanntes schwebendes Verfahren. Insofern haben wir, und vor allem unser Regisseur, uns auf sehr dünnem Eis bewegt. Und wir haben den kalten Atem der Anwälte immer im Nacken gespürt. Das ist aber auch der Vorteil dieses Formats Doku-Fiction. Damit ist man immer am Puls der Zeit. Das Drehbuch musste während unserer Dreharbeiten mehrfach umgeschrieben werden, weil es wieder neue Informationen gab. Ich denke, wir können damit einige Ausrufezeichen setzen oder besser gesagt Doppelpunkte. Denn der Krimi ist noch nicht zu Ende erzählt.

Wie haben Sie sich auf die Rolle des Markus Braun vorbereitet?

Ich hatte natürlich gehofft, dass das Netz voll ist mit Bildern von Markus Braun. Das ist tatsächlich nicht der Fall. Der Mann hat sich doch relativ rar gemacht. Das ist aber auch schon ein Mosaiksteinchen seines Profils. Ich glaube, Markus Braun war unglaublich kamera- und medienscheu. Und an ihm ist jetzt auch nicht der große Entertainer verloren gegangen. Da hat er immerhin eine gute Eigenwahrnehmung bewiesen, dass er nicht gesagt hat: Okay, ich bin hier der große Showman. Auch wenn er sich gerne als Steve Jobs gesehen hat, hat er sich jetzt nicht auf die große Bühne gestellt und gesagt: Ich zeige euch jetzt mal, wie das geht und wie man einen Konzern zum Dax-Konzern macht. Das war ihm ja das Allerwichtigste. Das Einzige, was bei Markus Braun von dem verstorbenen Steve Jobs geblieben ist, ist die rahmenlose Brille und der existenzialistisch wirkende schwarze Rollkragenpullover. Aber das darf man nicht mit Charisma verwechseln. Ich hab ihn immer als relativ Charisma-befreit wahrgenommen. In den wenigen Interviews, die es gibt, wirkt er merkwürdig marionettenhaft, schwitzig.

Hatten Sie im Zuge der Vorbereitung auch Kontakt zu ehemaligen Mitarbeitern von Wirecard?

Ich persönlich nicht, aber unser Regisseur natürlich schon. Der ist ja nicht nur für den fiktionalen Teil verantwortlich, sondern auch für die non-fiktionalen. Der ist also wirklich in der Welt herumgereist und hat sich Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern aus dem inneren Zirkel mit Kamera und Mikrofon genähert. Und zwar nicht nur ehemaligen Wirecard-Mitarbeitern, sondern auch Prostituierten und und und. Also dem ganzen Umfeld, in dem sich die Protagonisten von Wirecard getummelt haben. Und der war da natürlich das reinste Lexikon. Also Raymond Ley konnte man dann eigentlich alles fragen. Und selbst ich hatte nach den Dreharbeiten das Gefühl, dass ich mittlerweile Dinge über Markus Braun weiß, die Markus Braun nicht einmal über sich weiß.

Wie würden Sie also Markus Braun beschreiben?

Ich habe ihn als recht empathielos und erschreckend un-unterhaltsam wahrgenommen. Und das waren dann bei unseren Dreharbeiten auch die Seiten, die ich versucht habe, in mir dann freizulegen. Also ich glaube, ich war, was eigentlich sonst meinem Naturell nicht entspricht, während der Dreharbeiten ziemlich schwer zu ertragen, weil ich meine eigene Temperatur tatsächlich so 3 bis 4 Grad runtergeregelt habe. Und normalerweise versuche ich immer mit kühlem Kopf und warmem Herzen zu spielen. Hier habe ich versucht, alles kühl zu halten.

Den Film gibt es ab heute auf TVNOW zu sehen. Was dürfen die Zuschauer erwarten?

Ich will jetzt nicht spoilern, aber ich kann Ihnen sagen, was wir nicht erzählen. Es geht in unserem Film nicht darum, jemanden anzuklagen oder eine bestimmte Person schuldig zu sprechen. Das ist die Aufgabe von Juristen. Wir haben aber ein paar gute Fragen, glaube ich, aufgeworfen. Wir haben in die richtigen Wunden an der einen oder anderen Stelle den richtigen Finger gelegt. Und der Rest ist sicherlich gute Unterhaltung. Und das hat mich persönlich immer schon an dem Genre Doku Fiction Thriller fasziniert: eben das Verweben von authentischem Filmmaterial und Fiktionalem. Das finde ich sehr spannend und ich hoffe, dass es den Zuschauern und Zuschauerinnen, wenn sie unseren Film sehen, ähnlich geht.

Mit Christoph Maria Herbst sprach Clara Pfeffer

Der Doku-Thriller "Der große Fake - Die Wirecard-Story" ist auf TVNOW zu sehen.

Quelle: ntv.de

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