Wirtschaft

Chefin wirft hin "Karstadt hat keine Zukunft"

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(Foto: dpa)

Für die angeschlagene Warenhaus-Kette Karstadt könnte es bereits zu spät für Reformen sein. Das jedenfalls glaubt Handelsexperte Joachim Hurth. Dabei habe Ex-Chefin Sjöstedt das richtige Konzept gehabt.

n-tv.de: Schon oft wurde vom "Niedergang der Warenhäuser" geschrieben. Der Markt ist mittlerweile auf die zwei großen Konzerne Galeria Kaufhof und Karstadt zusammengeschrumpft – Namen wie Wertheim, Horten, Kaufring und Kaufhalle sind verschwunden. Aber auch Karstadt steht nach wie vor stark unter Druck. Was bereitet den Warenhäusern so große Schwierigkeiten?

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Handelsexperte Joachim Hurth

Joachim Hurth: Die Warenhäuser haben da s Problem, dass sie sich in einer sogenannten Sandwich-Position zwischen Diskontern und Fachmärkten befinden. So bekommen sie beim Preis zum einen Druck von Billiganbietern, wie etwa Staples beim Bürobedarf oder Primark bei den Textilien. Zum anderen machen auf bestimmte Warengruppen spezialisierte, Fachmärkte wie etwa Mediamarkt bei der Haushalts-Elektronik oder Thalia bei Büchern, den Warenhäusern durch mehr Auswahl und besseren Service Konkurrenz.

Was waren und sind die Antworten der Warenhäuser auf diese Entwicklung?

Sie haben sich vor etwa zehn Jahren verstärkt auf den Bereich Textilien fokussiert. Aber auch dort nehmen den Kaufhäusern die sogenannte Vertikalisten wie etwa H&M und C&A zunehmend die Kunden weg. Letztere haben Preis- und Schnelligkeitsvorteile: Die Herstellermarge fällt weg, sie haben kürzere Order- und Lieferzeiten und sind damit auch flexibler im Hinblick auf Modeänderungen.

Sowohl Karstadt als auch die Metro-Tochter Galeria Kaufhof haben sich zunehmend dem Multichannel-Geschäft verschrieben, wollen also auch beim Online-Handel Geld verdienen. Der Onlineumsatz von Galeria Kaufhof legte im 1. Quartal 2013/14 um mehr als 80 Prozent zu. Bietet das eine Perspektiven?

Das glaube ich nicht. Das E-Commerce-Center Köln (die Online-Abteilung des Instituts für Handelsforschung in Köln, Anm. d. Red.) hat jüngst in einer Studie prognostiziert, dass bis zum Jahr 2020 rund 90 Prozent der reinen Online-Händler verschwinden werden. Diese Studie würde ich sofort unterschreiben. Der Trend geht im Online-Bereich auch zum Oligopol einzelner Anbieter wie etwa Amazon. Gleichzeitig ist durch Amazon das Segment der Mehrbranchenanbieter, zu denen auch die Warenhäuser zählen, bereits besetzt.

Gibt es im heutigen Einzelhandel überhaupt noch einen Platz für Warenhäuser?

Die einzige Chance für sie ist meiner Meinung, dass sich Warenhäuser als Komplettanbieter regional spezialisiert aufstellen, indem sie an dem jeweiligen Standort jene Waren anbieten, die es in der unmittelbaren Umgebung nicht ausreichend zu kaufen gibt. Dies erfordert aber mehr Flexibilität und Eigenständigkeit der einzelnen Häuser, was das Sortiment angeht. Die ehemalige Karstadt-Chefin Eva-Lotta Sjöstedt hatte genau diese Strategie verfolgt und war damit meiner Meinung nach auf dem richtigen Weg. Dass dieses Konzept funktionieren kann, zeigt das Beispiel des unabhängigen Kaufhauses Pieper in Saarlouis. Dort kennt man sich regional gut aus und richtet sein Angebot entsprechend aus.

Könnte so eine Ausrichtung Karstadt noch retten?

Ich befürchte, dass dieses Konzept für Karstadt nicht mehr infrage kommt. Denn darüber hinaus sind auch Investitionen in die Verkaufsräume nötig, wenn diese vom Ambiente her etwa mit modernen Shopping-Malls noch mithalten sollen. Aber ob diese sich am Ende dann noch rechnen, bezweifle ich.

Sie glauben also, dass Karstadt keine Zukunft mehr hat?

Ja. Denn wenn Karstadt-Eigentümer Nicolas Berggruen hätte investieren wollen, dann hätte er es längst gemacht.

Wird die Galeria-Kaufhof-Warenhäuser auf lange Sicht nicht ein ähnliches Schicksal ereilen?

Wenn Karstadt zumacht, wird dies kurzfristig sicher einen Aufschwung für Kaufhof bringen. Ein Teil der Karstadt-Kunden, die gerne in Warenhäuser gehen, wird sicher zu Kaufhof wechseln. Dennoch ist das Warenhaus kein Wachstumsmarkt. Ganz verschwinden werden Kaufhäuser aber sicher nicht, wenn sie sich, wie gesagt, auf den regionalen Markt ausrichten.

Karstadt schreibt seit erneut tiefrote Zahlen im dreistelligen Millionenbereich, bei Galeria Kaufhof läuft es besser. Was macht Kaufhof anders?

Das hat meiner Ansicht nach drei Hauptgründe: Zum einen ist die Produktivität bei Kaufhof höher. Das ist eine Frage der Organisation. Zum anderen muss Karstadt im Unterschied zu Kaufhof Mieten für seine Warenhäuser bezahlen, da die Immobilien in der Middelhoff-Ära (Thomas Middelhoff war bis 2009 der Arcandor AG, zu der Karstadt bis zur Übernahme durch Nicolas Berggruen gehörte, Anm. d. Red.) verkauft worden waren. Kaufhof hingegen muss keine Miete zahlen. Ein dritter Punkt: Investor Berggruen lässt sich von Karstadt die Nutzungsrechte für den Markennamen bezahlen. Auch dieser Kostenfaktor steht bei Kaufhof nicht zu Buche.

Mit Joachim Hurth sprach Kai Stoppel

Quelle: n-tv.de

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