Wirtschaft

Idee aus Kanada Libor zur Not abschaffen

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Wenn man den Angaben der Banken nicht trauen kann, kann man den Libor auch abschaffen, heißt es aus Kanada.

(Foto: dapd)

Nachdem der Libor-Skandal rund um die Barclays Bank und andere Institute die Glaubwürdigkeit des Referenz-Zinssatzes schwer beschädigt, schlägt nun ein führender kanadischer Notenbanker die Abschaffung desselbigen vor. Die EZB schraubt offenbar auch schon am Euribor herum.

Was ist der Libor?

Libor steht für London Interbank Offered Rate. Dieser so genannte Interbankenzins gibt an, zu welchen Konditiionen sich große Banken untereinander Geld leihen.

Es gibt nicht nur einen, sondern viele unterschiedliche Libor-Sätze. Sie werden in insgesamt zehn Währungen mit unterschiedlichen Laufzeiten zwischen einem Tag und einem Jahr berechnet. Beispiel: Der USD-3-Monats-Libor gibt an, zu welchem Zins sich Banken untereinander US-Dollar-Kredite mit einer Laufzeit von 3 Monaten gewähren.

An jedem Werktag wird er um 11 Uhr Londoner Zeit von den wichtigsteninternational tätigen Banken der British Bankers' Association (BBA) festgestellt. Die Institute melden dabei, zu welchen Konditionen sie sich bei anderen Banken Geld mit unterschiedlichen Laufzeiten leihen können. Der jeweils geringste und höchste Zinssatz wird als Ausreißer gestrichen, von den übrigen Angaben wird dann der Durchschnitt errechnet - fertig ist der Libor-Satz. Kontrolliert werden die Angaben der Banken nicht.

Der Libor ist weltweit Grundlage für die Bewertung von Finanzprodukten, Swaps, Krediten undHypotheken. Er ist Berechnungsbasis für Geschäfte im Volumen von rund 360 Billionen Dollar. Neben dem Libor gibt es auch den Euribor für Geldleihen der Banken aus dem Euro-Raum oder den Tokioter Tibor.

Als Konsequenz aus dem Libor-Skandal bringt ein führender Notenbanker eine Abschaffung des Referenz-Zinssatzes ins Spiel. Es gebe verschiedene Möglichkeiten sollte sich herausstellen, dass der Libor nicht mehr funktionieren könne, sagte der kanadische Notenbankchef Mark Carney, der dem einflussreichen Finanzstabilitätsrat vorsitzt. Eine Alternative sei, den Libor aufzugeben. "Sollte der Zins strukturelle Mängel haben, die nicht beseitigt werden können - was denkbar ist - könnte es verschiedene Ansätze geben."

Nach Auskunft eines Sprechers von Carney sollen Notenbanker ab dem 9. September bei einem Treffen in Basel über Reformen beraten. Die Diskussionen sollten in den dann folgenden Tagen im Steuerungskomitee des Finanzstabilitätsrates fortgesetzt werden. Der Gouverneur der Bank of England Mervyn King drängte Zentralbankkreisen in einem Brief an führende Notenbanker auf "radikale Reformen des Libor-Systems".

Die Glaubwürdigkeit des Libor wurde durch einen Skandal schwer beschädigt. In der Finanzkrise von 2007 bis 2009 manipulierten offenbar mehrere Banken, darunter die Barclays Bank, den Satz, um ihre Finanzierungskosten zu verschleiern und zusätzliche Gewinne zu machen. Der Libor dient als Grundlage für Finanztransaktionen wie Hypotheken und Derivate im Gesamtvolumen von 360 Billionen Dollar und basiert auf den Angaben der Banken zu ihren Refinanzierungskosten am Geldmarkt.

Auch Euribor auf dem Prüfstand

Auch an seinem kontinentaleuropäischen kleinen Bruder, dem Euribor, dürfte der Skandal nicht spurlos vorübergehen. Wie die Nachrichtenagentur Reuters meldet, drängt die Europäische Zentralbank derzeit die Organisatoren des Referenzzinssatzes zu tiefgreifenden Veränderungen.

Bei der Reform gehe es in erster Linie um die Frage, wie der Zinssatz künftig ermittelt werden solle, sagten mehrere mit den Gesprächen vertraute Personen. Bislang melden in Europa 43 Institute Zinssätze. Daraus wird seit 1999, also seit dem Start der Währungsunion, ein Mittelwert berechnet: der Euribor.

Kein Markt, kein Zins

Da die Banken beim Libor aber falsche beziehungsweise zu niedrige Zinsen angaben, will die EZB nun offenbar erreichen, dass beim Euribor die tatsächlich anfallenden Zinsen mitgeteilt werden. Sollte es keinen Markt und damit auch keinen echten Zins geben - wie es derzeit wegen der Krisenstimmung immer wieder passiert - soll nach den Vorstellungen der EZB auch keine Rate ausgewiesen werden.

Kontrolliert werden könnte der gesamte Prozess von der EZB, die dann zusätzlich zu ihren Aufgaben in der Geldpolitik und als mögliche neue Aufsicht über die Banken in der Euro-Zone auch noch den wichtigen Referenzzins überwachen würde. Diese Aufgabe könnte allerdings auch der neu geschaffenen Börsen- und Finanzmarktaufsichtsbehörde ESMA in Paris zufallen.

Die EU-Kommission hat bereits angekündigt, dass sie die Vorfälle rund um den in London berechneten Libor zum Anlass für eine umfassende Untersuchung beim Euribor nehmen will. "Sollte das Ergebnis der Prüfung sein, dass man dem Marktmechanismus nicht trauen kann, dann ist die einzige andere Option eine öffentliche Institution", sagte ein Notenbanker. "Wir drängen uns nicht danach, aber die EZB könnte ein Kandidat sein. Es ist nicht leicht, eine Alternative zu finden."

Quelle: n-tv.de, sla/rts

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