Wirtschaft

Harte Brexit-Folgen Mangel an LKW-Fahrern setzt den Briten zu

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Logistiker haben in Großbritannien mit großen Personalausfällen zu kämpfen.

(Foto: REUTERS)

Eine Mischung aus Corona-Pandemie und Brexit lähmt die britische Wirtschaft: Es gibt zu wenig LKW-Fahrer. In den Supermärkten bleiben Regale leer - und die Regierung fordert, die Löhne zu erhöhen.

Laurence Bolton steht vor seiner Fahrschule im Süden Londons und wundert sich. Zwei beurlaubte Jumbo-Piloten und ein Banker mit Burnout sind unter seinen Fahrschülern und lernen, wie man einen 44-Tonner durch die Straßen manövriert. Für Bolton sind Bewerber aus solchen Branchen eine wirkliche Neuigkeit. "Ich bekomme Schüler aus allen Branchen, das war vor 2020 noch nicht so", sagt er. Der Andrang hat einen für die britische Wirtschaft ernsten Hintergrund: Auf der Insel herrscht nach Brexit und Corona-Krise ein dramatischer Mangel an LKW-Fahrern.

Speditionen suchen händeringend LKW-Lenker, viele locken mit höheren Löhnen oder Bonus-Zahlungen für Novizen hinter dem Steuerrad. Bei Bolton ist die Zahl der Fahrschüler um 20 Prozent gestiegen. Doch das reicht nicht: 100.000 zusätzliche Fahrer würden gebraucht, um Güter verlässlich über die Straßen zu bringen, rechnet der Branchenverband RHA vor. Ändert sich das nicht, könnten die Preise steigen und die Inflation anheizen.

Auch in Deutschland sind LKW-Fahrer rar. Der Branchenverband BGL geht von 45.000 bis 60.000 fehlenden Fahrern aus, sagt dessen Vorstandssprecher Dirk Engelhardt. Rund 30.000 Brummi-Fahrer gingen pro Jahr zudem in den Ruhestand, jedoch wurden in den letzten Jahren nur zwischen 15.000 und 20.000 LKW-Führerscheine pro Jahr neu erworben. Die Lücke werde damit noch größer. Die Arbeitsbedingungen müssten attraktiver werden, um Abhilfe zu schaffen.

Brexit vertreibt EU-Bürger

Doch auf der Insel kommt ein Sonderfaktor ins Spiel: Nach dem Brexit fehlen rund 20.000 Fahrer aus den Ländern der EU, zeigen Daten des dortigen Branchenverbandes. Zudem mussten zur Eindämmung der Pandemie viele Fahrschulen vorübergehend ihre Pforten schließen. In normalen Jahren schaffen rund 40.000 Menschen die Fahrprüfung für Lastwagen, doch in der Covid-Krise sank diese Zahl um zwei Drittel. Und das könnte auch an Weihnachten Folgen haben, fürchtet RHA-Vertreter Rod McKenzie. "Die Briten werden nicht die Dinge bekommen, die sie wollen."

Und je näher die Feiertage rückten, desto mehr werde sich die Lage mit steigenden Warenmengen verschärfen. Die Verbraucher bestellten im Internet und erwarteten eine Lieferung am nächsten Tag. Aber die Logistiker schafften das angesichts des Fahrermangels oftmals nicht mehr. Aus Handel und Logistik kamen bereits Appelle, wieder Fahrer aus EU-Ländern einstellen zu dürfen, denn bei den Imbiss-Ketten McDonald's und Nando's kam es bereits zu Problemen in den Lieferketten. Die Hilferufe stießen bei der Regierung in London aber auf Ablehnung. Vielmehr sollten die Firmen die Löhne anheben und die Arbeitsbedingungen verbessern, hieß es dort.

Dabei hat der Fahrermangel die Löhne bereits steigen lassen, für Neueinsteiger zogen diese zwischen Februar und Juli um 5,7 Prozent an, sagt Jack Kennedy, Volkswirt beim Online-Personalvermittler Indeed. Dabei hatten Gewerkschaften in der Vergangenheit immer wieder niedrige Löhne und schwere Arbeitsbedingungen für die Fahrer scharf kritisiert. 2020 kassierte ein Fahrer im Mittel rund 11,80 Pfund (etwa 13,50 Euro) die Stunde.

Die Entwicklung könnte sogar die britische Zentralbank interessieren. Denn der Mangel und die Lohnentwicklung in der Branche könnte ein Signal für Gehaltssteigerungen auch in anderen Berufszweigen sein, die nach der Finanzkrise 2008 nur schwach anzogen. Aus der Industrie gab es bereits Warnungen, dass Verzögerungen bei Lieferungen die Produktion hemmten und die Kosten nach oben trieben. Die Bank von England erwartet 2021 bereits eine Inflationsrate von vier Prozent, was einem Zehn-Jahres-Hoch entspräche.

Quelle: ntv.de, David Milliken, Reuters

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