Wirtschaft

Ersatzprodukte immer beliebter Milch muss nicht mehr von Kühen kommen

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Die Produktion von Hafermilch gilt als besonders umweltfreundlich.

(Foto: imago stock&people)

Pflanzliche Milchalternativen sind längst nicht mehr nur bei Veganern und Menschen mit Laktoseintoleranz gefragt. Immer mehr Kunden greifen zu Ersatzprodukten statt zur klassischen Kuhmilch. Ein schwedischer Haferdrink-Hersteller hofft auf das ganz große Geschäft.

Noch bis vor Kurzem mussten Veganer und Allergiker pflanzliche Milch im Biofachhandel kaufen. Für so gut wie alle Hersteller von Milchimitaten war die Zielgruppe lange klar: Menschen, die Probleme mit ihrer Ernährung haben. Inzwischen haben es die Hersteller von Hafer-, Soja- und Mandelmilch aus der Nische in den Supermarkt geschafft – und erreichen damit längst auch Kunden, die sonst noch zur herkömmlichen Kuhmilch greifen.

Von dieser neuen Käufergruppe profitiert momentan auch der Haferdrinkhersteller Oatly aus Schweden. "Die Leute sind bereit auf Kuhmilch zu verzichten, sie brauchen nur die richtigen Produkte, die ihnen schmecken", sagt Helge Weitz, einer der deutschen Oatly-Geschäftsführer, ntv.de. Gemeinsam mit Tobias Goj leitet Weitz die Geschäfte des Unternehmens.

Seit 2014 gibt es Oatly auch in Deutschland. Neben Hafermilch umfasst das Sortiment inzwischen auch Kochsahne und verschiedene Aufstriche. Doch gerade die gut schäumende "Barrista Edition" hat es den Verbrauchern angetan. So sehr, dass in New York im Frühjahr 2018 sogar eine regelrechte Hafermilchknappheit ausgebrochen ist. Das Unternehmen konnte der hohen Nachfrage zeitweise nicht gerecht werden, es kam zu Lieferengpässen. Dabei ist die Ein-Liter-Packung mit 2,19 Euro hierzulande teurer als vergleichbare Produkte von Alpro oder Alnatura. "Was uns von der Konkurrenz abhebt: Wir sind Spezialisten. Seit seiner Gründung beschäftigt sich Oatly nur mit Haferprodukten", erklärt Weitz das Interesse.

Ersatzprodukte machen Milchbauern Sorgen

Schon in den 1990er Jahren entwickelte der schwedische Chemieprofessor und Oatly-Gründer Rickard Öste ein patentiertes Verfahren, um mit einem Enzym aus Hafer Milch zu gewinnen. 2001 gründete der heutige 71-Jährige 2001 seine Firma. Anfangs interessierte das erst mal niemanden. Doch die Milchindustrie in Schweden - dem Land mit dem höchsten Pro-Kopf-Verbrauch von Milch in Europa - fühlte sich schnell in ihrer Existenz bedroht und verklagte Oatly gleich mehrmals. Allen Widerständen zum Trotz wandelte sich das Unternehmen in kurzer Zeit zu einer hippen Lifestyle-Marke. Neben der modernen Verpackung hat dazu sicherlich auch die auffällige Plakatwerbung in Innenstädten mit polarisierenden Slogans wie "Wie Milch, aber für Menschen gemacht" beigetragen.

Der Trend zu veganen Milchersatzprodukten bereitet den Bauern Sorge. Nach Branchendaten haben Supermarktkunden in den ersten neun Monaten 2019 mit knapp 10.000 Tonnen ein Drittel mehr Milchimitate gekauft als im Vorjahreszeitraum. Der Kuhmilch-Verkauf ging dagegen leicht zurück. "Durch den zunehmenden Verzehr von Imitatprodukten nimmt die Nachfrage nach tierischen Produkten ab. Das sollte uns veranlassen, die Ausrichtung der EU-Agrarpolitik zu überdenken", sagt der Sprecher des Bundesverbandes Deutscher Milchviehalter (BDM) Hans Foldenhauer ntv.de.

"Dass es der Milchbranche schlecht geht, liegt nicht an den Herstellern von Ersatzprodukten", sagt Goj. "Der Bauer ist eigentlich unser Freund." Vielmehr sei das System schuld, dass Bauern zwingt, zu Preisen zu produzieren, die kaum kostendeckend sind. Was manch einer in dieser Diskussion aus den Augen verliere: Auch Oatly sei ein landwirtschaftliches Unternehmen. "Wir wollen Milchbauern auf dem Weg zum Wandel begleiten." Schließlich könnten alle Beteiligten nur gewinnen, wenn Bauern künftig Hafer-, Soja- und Mandelmilch produzieren würden. Foldenhauer vom BDM gibt allerdings zu bedenken: Schon heute kommen die Rohstoffe für Ersatzprodukte aus der Landwirtschaft. Bauern würden auch in Zukunft vor dem Problem stehen, dass die Industrie immer möglichst billig einkaufen will.

Wachstumsraten lassen Investoren träumen

Dass Oatly seine Produkte nicht Hafermilch, sondern nur Hafergetränk nennen darf, ist für Weitz eine "alberne Schutzmaßnahme eines kranken Systems". Wenn Milchalternativen nicht als Milch bezeichnet werden dürfen, dann stifte das vor allem Verwirrung. Er findet: Wenn Milchalternativen auch als herkömmliche Milch benutzt werden, sollen sie auch gleich heißen.

Insgesamt gibt es Oatly-Produkte inzwischen in 20 Ländern. Auch auf dem asiatischen Markt, wo besonders viele Menschen Laktose nicht vertragen, hat das Unternehmen expandiert. "Während die Nachfrage nach Milch in der westlichen Welt rückläufig ist, steigt sie in China extrem an", sagt Weitz.

Mit Blick auf die klassische Milchindustrie ist der Umsatz von Oatly noch überschaubar. Vier Millionen Euro hat Oatly 2018 hierzulande eingenommen, weltweit waren es 100 Millionen Euro. 2019 soll sich der Umsatz im Vergleich zum Vorjahr in Deutschland laut Unternehmensangaben vervierfacht haben.

Solche Wachstumsraten lassen Investoren träumen. Mit je 40 Prozent sind der weltgrößte Braukonzern Anheuser-Busch und ein chinesischer Staatskonzern an Oatly beteiligt. Dem Erfinder Öste und zwei anderen Schweden gehören nur noch rund acht Prozent der Anteile. Der Haferdrinkhersteller beansprucht für sich, die Lebensmittelindustrie ehrlicher und transparenter machen zu wollen. Die Antwort darauf, wie das auf einem viel weniger regulierten chinesischem Markt gelingen soll, bleibt schwammig. "Unsere Werte gelten in allen Ländern", beteuern Weitz und Goj

Quelle: ntv.de