Mehr als nur ein KursrutschMoskaus Börse verliert kräftig
Von Jan Gänger 
An der Moskauer Börse spielen ausländische Investoren kaum noch eine Rolle. Umso aufschlussreicher ist, was dort gerade passiert. Die jüngsten Kursverluste könnten mehr verraten als offizielle Statistiken.
Offiziell trotzt Russlands Wirtschaft allen Widrigkeiten. Die Moskauer Börse sieht das offenbar anders - seit Jahresbeginn ist der Leitindex Moex um rund 15 Prozent abgesackt. Für einen Markt, auf dem inzwischen nahezu ausschließlich Russen ihr Geld anlegen, ist das mehr als nur ein heftiger Kursrutsch.
Nach dem Angriffskrieg gegen die Ukraine haben westliche Sanktionen und russische Kapitalverkehrskontrollen den Aktienmarkt weitgehend vom Ausland abgekoppelt. Viele ausländische Investoren können ihre Bestände nicht mehr frei verkaufen oder Erlöse außer Landes bringen, neue Gelder fließen kaum noch. Der Verkaufsdruck kommt daher vor allem von Akteuren, die im russischen Finanzsystem verankert sind - Privatanlegern, Banken, Fonds, staatlichen Vehikeln.
Ein Crash ist in offenen Märkten oft ein Ausdruck globaler Risikoeinschätzungen und nicht zwingend ein Urteil der heimischen Anleger. Doch in Moskau ist das anders. Die Börse ist inzwischen weitgehend ein Binnenmarkt. Wenn dort Kurse kräftig abrutschen, dann bewerten vor allem russische Akteure die Situation anders als bisher.
Der Absturz zwar ist kein Plebiszit über Wladimir Putin und den Krieg. Russische Anleger verkaufen Aktien nicht, weil sie plötzlich zu Oppositionellen geworden wären. Doch der Kursrutsch spricht dafür, dass die Zweifel an den wirtschaftlichen Aussichten Russlands nicht nur im Westen existieren.
Kriegsapparat verschlingt Ressourcen
Die Liste der Belastungsfaktoren ist lang. Im fünften Jahr des russischen Angriffskriegs ist die russische Wirtschaft zwar noch immer widerstandsfähig. Doch die Krisenanzeichen nehmen zu. Russland verzehrt seine Substanz, die Haushaltslage verschlechtert sich. Im ersten Quartal dieses Jahres schrumpfte die Wirtschaft nach offiziellen Angaben um 0,3 Prozent - das ist der erste Rückgang seit 2023. Besonders die zivilen Wirtschaftssektoren schwächeln deutlich.
Der Krieg treibt die Staatsausgaben, während die Einnahmen wegbrechen. Das russische Finanzministerium geht davon aus, dass die Ausgaben für Putins Krieg das Haushaltsbudget sprengen werden. Finanzminister Anton Siluanow deutete an, dass weitere Haushaltskürzungen möglich seien. Doch er machte deutlich, dass wohl noch mehr Geld in den Kriegsapparat umgeschichtet wird.
Energieexporte machen etwa ein Fünftel der staatlichen Einnahmen Russlands aus. Mittlerweile räumt die Regierung aber offiziell ein, dass Russlands Ölförderung zurückgegangen ist. Die Gründe dafür erwähnt sie allerdings nicht: Die ukrainischen Angriffe auf Raffinerien und Öllager haben in den vergangenen Monaten zugenommen. Hinzu kommt, dass die Zentralbank die Zinsen hochhält, um die hohe Inflation im Zaum zu halten. Das verteuert Kredite und bremst damit die ohnehin schon schwächelnde Wirtschaft.
Der Kursrutsch an der Moskauer Börse bedeutet nicht, dass Russlands Kriegswirtschaft vor dem Kollaps steht. Aber er zeigt, dass selbst unter den Investoren im eigenen Land die Zweifel an den wirtschaftlichen Perspektiven wachsen.